Mammút - Kinder versions

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 21.07.2017
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 10/10
10/10

Sie muss es wissen

Im Rückspiegel sieht man die Vergangenheit oft ein wenig verklärter. Vielleicht ist es ja das, was Katrína Kata Mogensen meint, wenn sie von "kinder versions of my past" singt. Zwar entzieht sich unserer Kenntnis, was der Mammút-Frontfrau im Leben schon alles zugestoßen ist – ihre künstlerische Vita macht aber zweifelsohne einiges her. "Kinder versions" ist bereits das fünfte Album von Mogensens Band, ihre Arbeiten als Kostümbildnerin am Staatstheater Hannover können sich sehen lassen, und niemand Geringeres als Björk widmete der Tochter ihres früheren KUKL-Kollegen Birgir Mogensen schon 1990 auf dem Album "Gling-gló" das Stück "Kata rokkar". Und schon war die Musikkarriere mehr oder weniger vorgezeichnet.

Womöglich ein Grund dafür, dass Mogensons Stimmfärbung derjenigen der berühmten Landsmännin nicht gerade unähnlich ist – und wer Videos wie "Blood burst" sieht, muss konstatieren: Die Isländerin rockt als Erwachsene immer noch. Ein Begriff, der im Grunde grobes Understatement für ein Album wie "Kinder versions" ist, denn hier kann grundsätzlich alles passieren. Wie in "We tried love", wo sich sehnige Bass-Schlagzeug-Figur, taumelnde Dream-Pop-Ringelreihen und hochfahrende Prog-Anrufungen in Technicolor aneinander die Stoßzähne ausbeißen. Genützt hat's wenig – schon die ersten Worte "When I cry over you / I find it hard to calm down" signalisieren: Wieder nichts mit der Liebe. Versuch macht zwar klug, aber auch unglücklich. Immerhin tun Mammút in der Folge ihr Möglichstes, den Trennungsschmerz in musikalische Energie umzumünzen.

"Kinder versions" ist dabei dank dem Wechsel vom Isländischen ins Englische nicht nur die sprachlich allgemeinverständlichste, sondern auch die vielschichtigste Platte des Quintetts. Auch das ständig Haken schlagende Titelstück hat mit dem schwerfälligen Urviech aus dem Bandnamen wenig gemein, hebt als sehnsüchtelnde, rhythmische Folk-Moritat an, in die plötzlich strenge Synthie-Bläser und ein grollender Isegrim aus dem dunklen Wald einfallen, bis das Ganze zu DFA-geschwängerten Beats in einen schwer atmenden Groover umkippt. Schweigen im spartanischen "Bye bye" hingegen nahezu alle Instrumente, kommt Mogenson ihrer einstigen Fürsprecherin stimmlich am nächsten – und auch die schaurigen Moritaten aus dem Herzen der Finsternis, die Karin Dreijer Andersson mit Fever Ray anstimmt, sind in Hörweite.

Verständlich, dass Mammút nach diesem überbordenden Auftakt die Sache erst einmal herunterkochen: Sowohl die schamanisches Indie-Pop-Flair transportierende Single "Breathe into me" als auch das mit Streicher-Teppichen ausgelegte "The moon will never turn on me" entspannen sich zusehends, deuten aber auch immer wieder das hirnzerbeulende Potenzial von "Kinder versions" an – sei es mit unverhofft hineinhechtenden Riffs oder punktgenauem Radiohead-Gefrickel, das auch die Grundlage des unruhigen "Walls" bildet. Und scheint nach dem gereizt schleifenden Rocker "Pray for air" wieder alles an seinen Platz zu fallen, kehrt "Sorrow" nach sachtem Beginn bedrohlich knarzende Electronics nach außen und beschließt ein wunderbar hybrides Album. Und irgendwo grinst Björk vermutlich gerade in sich hinein: Sie hat es ja schon immer gewusst.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Kinder version
  • The moon will never turn on me
  • Pray for air

Tracklist

  1. We tried love
  2. Kinder version
  3. Bye bye
  4. The moon will never turn on me
  5. Breathe into me
  6. Walls
  7. What's your secret?
  8. Pray for air
  9. Sorrow
Gesamtspielzeit: 42:39 min

Im Forum kommentieren

eric

2017-07-20 16:08:51

Live beim letzten Iceland Airwaves großartig gewesen.

MyWilhelmScream

2017-07-20 15:34:19

Großartige Band. Denen natürlich der Björk-Vergleich immer hinterher laufen wird. Gemessen daran, dass Björk sich aber schon lange von ihrer "Army of Me"-Phase verabschiedet hat, sind Mammút aber Fans der zugänglichen und verspulten Phase von Frau Guðmundsdóttir definitiv ans Herz zu legen...

Armin

2017-07-19 21:47:05- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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