Elbow - Little fictions

Polydor / Universal
VÖ: 03.02.2017
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Die Wichtigkeit des Kleinen

"It's all gonna be magnificent", singt Guy Garvey auf dem siebten Elbow-Album "Little fictions", direkt im Opener und der ersten Single "Magnificent (She says)". Genau das, was sich der geneigte Fan vor dem Release immer wieder vorbeten musste, nachdem mit Drummer Richard Jupp 2016 erstmals überhaupt nach fast zwei Jahrzehnten ein Mitglied die Band verließ. Schon der aktuelle Zeitstrang zeigt jedoch, dass das übrig gebliebene Quartett sich davon nicht beirren ließ: Trotz der seit 2014 erschienen EP "Lost worker bee" sowie Garveys Soloalbum "Courting the squall" hält "Little fictions" die zum Standard gewordenen drei Jahre Abstand zwischen Elbow-LPs ein. Und nicht zuletzt manifestiert eben jenes "Magnificent (She says)", dass die Band von solchen Personalgeschichten unbeeindruckt bleibt. Der atemberaubende Streicherschwarm und die turmhohe Melodie macht das Stück zum Instant-Klassiker in der Diskografie. Da fällt es gar nicht negativ ins Gewicht, dass bisher noch kein Album der Briten so unmittelbar ohne einen großen Spannungaufbau begonnen hat.

Zum nicht nur vom Titel her massiven Vorgänger "The take off and landing of everything" ist der Name "Little fictions" gewissermaßen die Gegenthese – passender könnte er nicht gewählt sein. Abgesehen davon, dass das bisher kürzeste Elbow-Album vorliegt, sind zudem massentaugliche Hits Mangelware, die Tonspuren bleiben meist im zählbaren Bereich. Und versteht man die titelgebenden Fiktionen als alltagsflüchtige Träumereien, erschließt sich das Bild weiter. Die Band hatte nach Jupps Abgang vermehrt mit Beats und Loop-Techniken experimentiert – als elektronisch kann "Little fictions" nun aber nicht bezeichnet werden, schon allein, weil organische Unterstützung in Form des Hallé Orchestra aus Manchester vorhanden ist. Dennoch kreisen die Songs derweil mehr als zuvor beständig um ein zentrales Fundament. Repetition ist wichtiger geworden, die Schere zwischen Laut und Leise kleiner. Blinzelnd schauen Elbow gen Himmel und lassen anstelle von Bombast-Hymnen eben Kleinode wie "Trust the sun" mit einem leicht jazzigen Ausklang oder das rhythmisch eindringliche "Firebrand & angel" entstehen.

König dieser Disziplin ist das voller wunderbarer Details steckende "K2". Garvey verfällt ohne Punkt und Komma fast in Sprechgesang, wird von den eigenen Backingvocals ständig eingeholt, was für eine faszinierend hypnotische Qualität sorgt. Die tollste Kleinigkeit unter vielen ist allerdings die hübsche Melodieauflösung am Ende des Refrains. Doch trotz der Aura von Unauffälligkeit, in der sich die meisten Songs von "Little fictions" bewegen, haben Elbow mit den immerhin achteinhalb Minuten des Titelstücks ihren bisher längsten Track kurz vor das Ende gestellt. Dieser lässt sich einige Zeit, bis er mit quietschenden Sounds und energischer Percussion aus dem Gatter bricht und das Mantra sich ins Gehirn fräst: "Love is the original miracle." Und dennoch wird ihm die ganz große Show gestohlen. Denn mit dem folgenden "Kindling" haben Elbow einen Schlusspunkt nach Maß angefertigt. Anfangs noch in gewohnter Schönheit schwelgend, steigert sich das Quartett zunehmend in glühende Euphorie hinein. Für so etwas gibt es kaum Worte.

Auf "Little fictions" fällt wegen der entschlackten instrumentalen Begleitung einmal mehr ins Gewicht, welch großartiger Vokalist Guy Garvey ist, egal, wie sehr er stellenweise noch unterschätzt wird. Wenn er im fantastisch pulsierenden "Gentle storm" wiederholt ein flehendes "Fall in love with me" herausbringt, um danach kleinlaut ein "...every day" nachzuschieben, dann lässt das niemanden kalt, der ein Herz hat. Oder wenn er das zwischen den Nachbarn etwas untergehende "Montparnasse" fast ganz allein schultert, zur Unterstützung nur ein auf der Stelle tretendes Klavier im Hintergrund. Am Ende ist "Little fictions" mehr als nur Verlegenheitsbewältigung nach dem Abschied ihres Schlagzeugers. Es findet in kleinen Details seine Großartigkeit und stellt selbst in diesem phänomenalen Œuvre ein weiteres Highlight dar. "Magnificent", sagt da jedenfalls nicht nur die Dame im Song.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Magnificent (She says)
  • Gentle storm
  • K2
  • Kindling

Tracklist

  1. Magnificent (She says)
  2. Gentle storm
  3. Trust the sun
  4. All disco
  5. Head for supplies
  6. Firebrand & angel
  7. K2
  8. Montparnasse
  9. Little fictions
  10. Kindling
Gesamtspielzeit: 48:30 min

Im Forum kommentieren

kingsuede

2025-11-13 22:48:41

Magnificent (she says) ist gemeinsam mit Ribcage sicherlich der beste Auftakt eines Elbow-Albums.

Felix H

2025-11-13 16:42:04

Völlig zu Unrecht so niedrig bewertet. Mich hat vor allem die "Audio Vertigo" bis heute nicht so gepackt.

The MACHINA of God

2025-11-13 16:33:04

Auf rateyourmusic tatsächlich das niedrigst bewertetste Elbow-Album, was ich allein angesichts der zwei Nachfolger etwas komisch finde. Aber ja, im Vergleich zu den Vorgängern fällt es ab. Dann ist da allerdings noch der gigantische Titeltrack, der unter Umständen mein liebster Elbow-Song überhaupt ist. Dieses Finale!

MopedTobias (Marvin)

2019-05-31 10:14:29

Vielleicht nicht das Allerbeste... aber schon ein besonders großer Gänsehautmoment in einer von großen Gänsehautmomenten nicht armen Diskographie.

The MACHINA of God

2019-05-31 01:15:34

Die letzten 3 Minuten des Titeltracks sind wohl das beste was die Band je gemacht hat.

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