Kylesa - Exhausting fire

Season Of Mist / Soulfood
VÖ: 02.10.2015
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Erneuerbare Altbauten

2001 erheben sich Kylesa aus den Sümpfen in Savannah, Georgia. Im Laufe des ersten Jahrzehnts des Bestehens entledigten sie sich ihren ungestümen Ursprüngen und entfernten sich von Album zu Album immer mehr von den Crust-Smashern der Anfangstage. Kylesas Idee von Sludge-Metal wird zusehends sehniger und versierter. Dabei durchlaufen sie Phasen von vehementer Neuausrichtung, deren beiläufig gewonnener Innovationsgehalt seit dem vorläufigen Höhepunkt "Static tensions" sogar noch gesteigert werden konnte. Dessen Closer "To walk alone" ist dabei die vielleicht eindrücklichste Huldigung ihrer vierarmigen Schlagzeug-Heimsuchung und Kylesas musikalische Initialzündung eines "anything goes". Denn seitdem füllt sich ihr Arsenal an mehr oder weniger anverwandten Genres durch Ausflüge in Shoegaze, Psychedelic und Stoner gleichsam folgerichtig, wie en passant. Das sorgsame Ausbalancieren dieser vielfältigen Einflüsse, welche ihren ureigenen Sound noch eindrücklicher zu munitionieren vermochte, scheint paradoxerweise bis hin zu ihrem neuerlichen Werk "Exhausting fire" stets zu einer Verschlankung geführt zu haben, die eine endgültige Genre-Verortung stets raffiniert verunmöglicht hat.

Kylesa haben ihre mannigfaltigen Versuchsanordnungen über nunmehr sieben Veröffentlichungen durch die Bank weg in homogene Fixsterne verwandelt, die die zum Trio geschrumpften Band grundsätzlich in einem noch etwas begünstigenderen Licht erscheinen lassen und die im nächtlichen Himmel immer noch einen Funken heller erstrahlen als vergleichbare, komplexe Metal-Alben. Den Kompositionen haftet trotz einer graudüster-schattierten Grundstimmung eine grenzenlose Spielfreude an. Mit einer fast unbekümmerten Verspieltheit begegnen Kylesa den deprimierenden Anklängen und transportieren ihre Riffs dadurch in luftige Höhen. Das mit fast sechs Minuten längste Stück "Shaping the southern sky" untermauert diese Feststellung noch prägnanter als das mit drückenden Gitarren bis zum Hals vollgepackte "Blood moon", in welchem der verzerrte Doppelgesang nur einige Sekunden mithilfe einer Akustikgitarre der angestauten Wut entkommen kann. Laura Pleasants' Gesang verleiht in "Lost and confused" zu Beginn der weicheren Seite Ausdruck, bevor ein typisch unvermittelter Kylesa-Aufbruchsmoment das Gebell von Philip Cope in Szene setzt; ein einfaches Break wird zum feinsinnigen Winkelzug, um Fahrt aufzunehmen.

Gleichwohl auch "Exhausting fire" ein kolossales Gebräu aus knallhartem Schlagzeug und ein waghalsig einander die Luft raubendes Bass-und-Gitarren-Gelage ist, sind dessen nachdrücklichste Momente die ruhigen. Erst seit "Spiral shadow" sind sie sich ihrer besonneneren Seite bewusst geworden und arbeiten gerade in der Mitte von "Exhausting fire" die im Rahmen der letzten Platten hinzugewonnenen Tendenzen ins Schwelgerische entschlossen aus. Der von Cope gesungene Midtempo-Song "Moving day" macht in dieser Hinsicht den vorsichtigen Anfang, wird aber von dem langsam sich entfaltenden, hochtönenden Gitarrenmotiv von "Falling" auf allen Ebenen übertroffen. Das in der Mitte von "Exhausting fire" lodernde Stück wird von Shoegaze-Gitarren in eine kristalline Gothic-Stimmung getragen, in welcher sich Pleasants' Gesang in schwärmerische und emotionale Töne färbt. Doch selbst in "Falling" bedrohen Kylesa zum Abschluss noch sämtliche Lärmschutzwälle, sodass der Begriff "ruhig" dementsprechend nur in Relation zu den stürmischen Exzessen der Anfangstage und den nach wie vor vorhandenen Peitschenhieben aus gewaltigen Riffs verstanden werden darf.

"Exhausting fire" führt die beharrliche Entwicklung Kylesas unbeirrt fort. Einerseits setzt sie sich aus den Trademarks der bisherigen Diskographie zusammen. Andererseits werden diese präzise auf ihre Essenz zurückgeschnitten, damit den widerständigen Altbauten eine bedachte Innovation an die Seite gestellt werden kann. Diese andauernde Synthese aus Alt und Neu lässt Kylesas Klangwelten sowohl beständig und erneuerbar gleichermaßen erscheinen.

(Henrik Beeke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Shaping the southern sky
  • Falling
  • Blood moon

Tracklist

  1. Crusher
  2. Inward debate
  3. Moving day
  4. Lost and confused
  5. Shaping the southern sky
  6. Falling
  7. Night drive
  8. Blood moon
  9. Growing roots
  10. Out of my mind
Gesamtspielzeit: 40:19 min

Im Forum kommentieren

Euroboy

2016-05-01 19:28:25

Kylesa kündigen einen "Indefinite Hiatus" an, was nach den eher mauen letzten Alben der Band wahrscheinlich eine ganz gute Idee ist.

Bonzo

2015-12-14 13:50:19

Bisschen besser als der Vorgänger, bleibt aber trotzdem irgendwie bieder und austauschbar.

Totalausfall ist im übrigen ein Cover von Paranoid als Bonustrack (?).

Armin

2015-10-06 16:25:50

Frisch rezensiert!

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