Editors - In dream

PIAS / Rough Trade
VÖ: 02.10.2015
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Wer bin ich?

Wer oder was sind eigentlich Editors? Eine vermeintlich simple Frage in solch komplexen Zeiten wie diesen, in denen etliche Dinge, von denen man glaubte, sie halbwegs einschätzen zu können, einem als bloßes Stückwerk um die Ohren fliegen. Zeiten, in denen die Welt kein einfaches Schwarz oder Weiß mehr kennt. Klar, ob all der weltpolitischen Baustellen mag es anno 2015 wichtigere Dinge geben, als sich mit der Standortbestimmung einer britischen Rockband zu befassen. Doch ein von vielen emotional kalten Momenten geprägtes Jahr hat auch einen gewohnten, meteorologischen Herbst. Und Editors vertonen das schleichend erkaltende Gefühl auf ihrem fünften Album "In dream" nachdrücklicher, als man gut zweieinhalb Jahre nach dem eher klassischen, mitunter stadionrockenden "The weight of your love" hätte erwarten können.

Bereits der erste Vorbote deutet auf einen erneuten Stilwechsel hin: Der Opener "No harm", im Frühjahr als Überraschungs-Teaser auf einem PIAS-Labelsampler versteckt, pluckert und mäandert in stoischer Atmosphöre vor sich hin und lässt einen kalten Luftzug in den nur vage beleuchteten Raum, als hätte man in der ersten kalten Herbstnacht irgendwo ein Fenster gekippt. "The world just expands / Things break in my hands / I'm a go-getter", stellt Tom Smith sprechsingend fest, beinahe roboterähnlich und dennoch berührend. Das ebenfalls bekannte "Marching orders" fungiert in diesem Zusammenhang als rahmengebendes Pendant, wenn auch instrumental nicht unbedingt seelenverwandt: "These are the doubts we cling to / Tryin' to get more / More than we can take" raunt Smith voller Überzeugung im Refrain, bevor zum Ende des Achtminüters Synthies und kühle Kraut-Electronica die Zeile "Tryin' to get more" mit stoischer Inbrunst ins musikalische Langzeithirn nageln.

Das tolle "Forgiveness" ist dagegen beinahe als das knackige Pop-Juwel der Platte zu bezeichnen – nicht nur, weil es als einziger Song weit unter der Fünf-Minuten-Marke bleibt. Zunächst relativ unscheinbar, dringt die Kombination aus dicht getakteten Post-Punk-Gitarren und raffiniertem 80s-Keyboard unverfroren bis in die tiefsten Windungen der Hörmuschel. Klare Ansagen gibt's obendrein: "Forgiveness makes fools of all of us / The line in the sand ain't drawn for everyone / The flag in your hand don't make you American." Doch Editors wären nicht Editors, wollten sie ausschließlich ans Mark, ans Innere. So hat "In dream" abseits fahler Mondschein-Atmosphäre natürlich auch umarmungswürdige Harmonien, Stadion-Handclaps und auch das der Band seit geraumer Zeit anhaftende Pathos zu bieten.

"All the kings" marschiert in dieser Disziplin zu einem leicht The-Rapture-geschwängerten Beat vorneweg. Das mantraartig gepredigte "Salvation" geht mit seiner Depeche-Mode-Hommage dann womöglich ein Stück zu weit, und während "Ocean of night" mit allerhand Geklimper und Refrain-Overkill eher Coldplay nacheifert, trifft "Life is a fear" so ziemlich ins Schwarze: Das Stück beginnt als harmloser Electropop-Song, entschlüpft diesem Kokon aber zusehends und gewinnt neben einem aufmüpfigen Stampfbeat zum Finale hin auch deutlich an Tiefe. Auch, weil Vorab-Refrain und Bridge einmal mehr in wunderschöne Melodien gehüllt sind – und die sind und bleiben, gemeinsam mit Tom Smiths Ausnahmeorgan, das gewichtigste Pfund der Editors.

"The law" geht dagegen noch einen Schritt weiter und taucht die Editors-Welt in den tiefdunklen Tintenbehälter. Dort gibt es lediglich zarte Percussion, schräge elektronische Sprenkel und ein zunächst fast abweisend-kühles Keyboard, dessen sich erwärmender Teppich den Song gegen Ende fast schon wundersam am Leben hält. Perfektioniert wird diese Morbidität im Refrain von Slowdive-Stimme Rachel Goswell, die Smith auch bei "Ocean of night" und "At all cost" unterstützt. Zumindest stimmungstechnisch zieht "Our love" den leicht verstörten Hörer mit 80s-Disco-Beat, Falsett-Smith und einem versöhnlich-melodischen Finale wieder in die helleren Gefilde dieser Platte. "In dream" ist eine interessante Melange aus Rauch, Nebelschwaden und Dunkelheit – mit merklich mehr Licht als Schatten. Wen oder was diese Band derzeit darstellt, wohin sie geht und was da noch kommt, bleibt dennoch nebulös wie Smiths Gestik auf dem Albumcover.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Forgiveness
  • Life is a fear
  • The law
  • Marching orders

Tracklist

  1. No harm
  2. Ocean of night
  3. Forgiveness
  4. Salvation
  5. Life is a fear
  6. The law
  7. Our love
  8. All the kings
  9. At all cost
  10. Marching orders
Gesamtspielzeit: 51:17 min

Im Forum kommentieren

usie

2015-11-30 14:03:17

du machst mich auch. nämlich extrem scharf.

musie

2015-11-30 13:59:17

dieses Album hat sich extrem gemacht.

Dan

2015-11-30 13:40:26


Wieso denn? Magst du keine Arenen? ;)

Tolles Konzert in Wien wieder... Seit der letzten Tour sind sie ja wirklich aufgetaut live.

MopedTobias (Marvin)

2015-11-29 20:39:50

Diese Arena-Assoziation hab ich auch so ähnlich, aber genau das macht den Song für mich so furchtbar :D

Dan

2015-11-29 14:23:07


"Salvation" finde ich grandios... Der Beginn mit den Streichern, dann der langsame Aufbau und ein Refrain, als würde man sich inmitten einer riesigen antiken Arena im alten Rom befinden. Sowas könnte Muse auch mal einfallen... Bombastisch, aber auch ansprechend.

Die zweite Hälfte ist nicht so abwechslungsreich wie die erste, geht aber mehr in die Tiefe. Durchaus gelungen, wieder einmal.

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