Warpaint - Warpaint
Rough Trade / Beggars / IndigoVÖ: 17.01.2014
Schattenspiel
Der Blick geht nach draußen. Wieder mal grau in grau. Es scheint, als würde alles in einer düsteren Suppe aus Nebel und Wolken versinken. Im spärlich belichteten Alltag entgleiten Stunden, Tage, Wochen. Keine Konturen zu erkennen – wo ist der richtige Weg? Stillstand. Ernüchterung. Oder doch die Chance zum Aufbruch? Was hier wie ein melancholisch-verwirrter Tagebucheintrag daherkommt, hat andererseits ziemlich viel mit der Stimmung von Warpaints zweitem, selbstbetiteltem Album gemeinsam. Denn die vier Damen aus L.A. laden ein zu einem aufregenden Hin und Her zwischen Aufgeben und Hoffen. Sie rufen auf zum kämpferischen Balanceakt zwischen den Polen der inneren Zerrissenheit.
Deutlich wird das schon zum Auftakt: Nimmt das harmonische "Keep it healthy" den Hörer erst einmal sanft bei der Hand, lässt die großartige, bittersüße Single "Love is to die" ihn kurz darauf irritiert am Wegesrand zurück. Wie kaum ein anderer Song schafft es dieser, die entfesselten Gegensätze dieser Platte exemplarisch einzufangen – musikalisch wie inhaltlich: "Love is to die / Love is to not die / Love is to dance." Alles verloren vs. alles wird gut. "‘Cause I got a knife to cut out the memories / Got to give in, learn to let go." Hervorragend auch, wie "Hi" zunächst nur von einem bedrohlichen Bass und Emily Kokals flehender Stimme zehrt und sich dann von hypnotisierenden Beats getragen immer strahlender aus dem Dunkel erhebt. Ähnliche Dynamik entwickelt "Drive", wenn es heißt: "Sitting alone, waiting all by myself / But I want it, I need it / Open my eyes, into the storm." Aus Passivität erwächst nachdrückliches Aufbäumen. Und schließlich liegen sich sogar die Chöre freudig in den Armen – sofern sie nicht zuvor schon vom düsteren, unruhigen Beat-Stampfer "Disco//very" in irgendeinen Club entführt wurden.
Drei Jahre nach dem Achtungserfolg des Debüts und des bis heute nachhallenden Brechers "Undertow" kopieren Warpaint sich keineswegs bloß selbst, sondern perfektionieren ihr Schaffen. Indem sie ihren Sound konsequent reduzieren und gerade dadurch verfeinern und erweitern. Indem sie loslassen, um dann doch zu die Arme auszubreiten. Es ist diese feine Symbiose aus Bass und Gitarren im Halbdunkel, aufrüttelnden Background-Vocals und atemberaubenden Drums und Synthiebeats, die "Warpaint" so besonders macht. Klangopulenz, ermöglicht durch raffinierten Minimalismus. Und durch die präzise, atmosphärische Produktion, die zu großen Teilen Flood besorgt hat, zuletzt auch für Nick Cave und PJ Harvey im Einsatz .
Da macht es nichts, dass die Band sich hier und da selbst ein bisschen zu verlieren scheint – wenn etwa "Teese" ein wenig dahinplätschert oder "Go in" das finale Zupacken verpasst. Denn trotzdem gewinnen Warpaint mit dieser kühlen und letzten Endes doch optimistischen Lektion in Melancholie zahlreiche Ohren und Herzen hinzu. Und selbst wenn der Weg sich noch immer in Nebelschwaden hüllt – am Horizont wird es deutlich heller. Dort wirft das Licht die Schatten.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Keep it healthy
- Love is to die
- Hi
- Biggy
- Disco//very
Tracklist
- Intro
- Keep it healthy
- Love is to die
- Hi
- Biggy
- Teese
- Disco//very
- Go in
- Feeling alright
- CC
- Drive
- Son
Im Forum kommentieren
boneless
2025-09-12 19:17:31
Jetzt doch mal günstig auf Vinyl besorgt, weil ich auch das Cover so großartig finde. Ansonsten bleibt das Album aber auch nach zig Durchgängen irgendwie durchwachsen. Ich hab über die Jahre zwar mittlerweile mehr und mehr Songs lieb gewonnen, an die umwerfende Atmosphäre und Hitdichte von The Fool kommt das für mich aber weiterhin nicht ran. Dennoch: Love Is To Die, Hi, Biggy, Feeling Alright, Drive und Son sind schon Perlen und dem so hinreißend klagenden Gesang von Theresa Wayman bin ich so oder so verfallen.
Kojiro
2025-08-02 20:15:21
Das letzte Album bleibt mein Favorit. Aber Debüt natürlich auch ziemlich groß. Würde ich gerne mal live sehen, die Damen.
Affengitarre
2025-08-02 17:57:57
Doch. Das Debüt, das letzte Album und die EP.
Mann 50 Wampe
2025-08-02 16:52:05
Immer noch ihre beste, mehr braucht man eigentlich auch nicht.
The MACHINA of God
2025-08-02 14:45:31
Laut Last.FM auf Platz 13 meiner meistgehörten Alben ever.
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