Kings Of Leon - Mechanical bull
RCA / SonyVÖ: 20.09.2013
Erwarte doch
Manchmal passiert es dann doch genau dann, wenn man kaum noch damit gerechnet hat. Oder gar nicht mehr. Hatte denn noch irgendwer die Followill-Bande auf dem Schirm? Und falls ja, was genau hat man dann erwartet? Im Grunde ist die Geschichte von den Kings Of Leon doch eine, wie sie schon hundertfach vorgekommen ist. Drei Brüder und ihr Cousin musizieren im heimischen Nashville, zuerst in der Kirche, dann in der Garage, in kleineren Hallen, dann in größeren. Vom bewusst schnodderigen Auftreten der ersten beiden Alben "Youth and young manhood" und "Aha shake heartbreak" hört man irgendwann nicht mehr viel, die Bärte werden gestutzt, die Haare gegelt, statt Lagerfeuer gibt es Feuerzeugmeere im Stadion, die Hippie-Klamotte weicht der Lederjacke. Mit ihrem dritten Album "Because of the times" gelingt den vier jungen Männern noch der Spagat zwischen entspannter Lässigkeit und Bügelfalte, mit dem Nachfolger "Only by the night" kommen "Sex on fire" und "Use somebody" und damit der Bruch zwischen der Band und den alten Anhängern. Zumindest mit einigen.
Nicht, dass man ihnen ihre Hits nicht gegönnt hätte. Aber der Unterschied zwischen Stalljungen und Stadionhengsten war zu markant, zu oft wurden sie im Radio und in TV-Shows und in Bekleidungsgeschäften gespielt, zu wenig Gehalt hatte das, womit sie plötzlich Kasse machten. Mit "Come around sundown" von 2010 war die Entfremdung bereits so groß, dass man nicht mal die weniger schmierig-glattproduzierten Songs abseits von "Pyro" und "Radioactive" mit seinem beinahe absurden und peinlichen Video genießen konnte. Auch innerhalb der Band kam es zu Reibereien, als Caleb Followill, Gesicht und Stimme des Quartetts, von einem trinkfesten Kameraden zu einem offenbar äußerst unangenehmen Zeitgenossen mit noch unangenehmeren Alkoholproblem wurde – zu sehen etwa in der Band-Doku "Talihina sky", bei der neben ein paar hinterwäldlerisch daherkommenden Familienmitgliedern auch ein schwankender Frontmann zu bestaunen waren. Als der im Juli 2011 dann ein Konzert in Texas absagen musste, weil es ihm angeblich zu heiß war und sich kurz darauf Bruder Jared auf Twitter über die internen Schwierigkeiten ausließ, schien es das gewesen zu sein mit dieser Band, mit der damals in Nashville niemand gerechnet hatte außer Onkel Cleo und Papa Ivan Leon Followill, der sich für seine Söhne aber eigentlich auch etwas Besseres vorgestellt hatte als das direkt in die Hölle befördernde Rockerdasein.
Nun also "Mechanical bull", das sechste Album, auf das man länger warten musste, als es jemals in der Bandgeschichte der Fall gewesen wäre. Mittlerweile sind alle vier Herren verheiratet, bis auf Jared mit eigenem Nachwuchs gesegnet, und Caleb scheint das Milchfläschchen vom Töchterchen nun auch öfter in der Hand zu halten als die Bierpulle. Erste gute Anzeichen gab es bereits im Juli mit der Vorabsingle "Supersoaker", bei dem die aufkeimende Vorfreude auch nicht durch einen albernen Mini-Streit mit Wavves-Sänger Nathan Williams erstickt werden konnte, der der Band vorwarf, von ihm abgekupfert zu haben – schließlich heißt ein Wavves-Song "Super soaker". Sei es drum: Zum ersten Mal seit langem machte eine Kings-Of-Leon-Single wieder Spaß. Und das 50er-Jahre-Video mit ordentlich Instagram-Filter konnte sich auch noch zeigen lassen. Einen Zeitsprung gibt es mit dem souligen "Family tree", das mit viel Bass und noch mehr Hüftschwung direkt aus den 70ern zu kommen scheint und den Followills einen kleinen, aber feinen Ohrwurm beschert.
Ausgelassen wie einst auf "Youth and young manhood" oder auch "Aha shake heartbreak" zeigt sich das im Dreck wühlende "Don't matter", mit einem starken Schlagzeug-Part ab eineinhalb Minuten von Drummer Matthew, der kurze Zeit später in "Coming back again" scheinbar gegen sich selbst um die Wette trommelt. Einen deutlichen Tritt auf die Bremse mit schwelgerischem Blick in den Rückspiegel zu den Country- und Americana-Stücken ihrer Heimat wagt "Comeback story", bei dem allerhöchstens die Streicher zum Schluss einen Hauch zu viel Kitsch andeuten. Aber auch das geht mal klar. Überhaupt funktioniert auf "Mechanical bull" erstaunlich viel. Vor allem in der ersten Hälfte kommt es immer wieder zurück, dieses Gefühl von früher, als man noch über den Flaum auf den Oberlippen und die lustigen Frisuren schmunzeln konnte und zu Songs wie "The bucket", "Molly's chambers" oder "Taper jean girl" eine hervorragende Zeit hatte.
Dabei war früher nicht mal alles besser, wie etwa "Temple" beweist. Selbst das gefürchtete balladeske Territorium, das man dank zuckerwatteüberzogener Bombastkitschexplosionen wie "Use somebody" nur noch ungern betreten mag, gewinnt dank eines Tracks wie dem melancholisch-zurückhaltenden "Beautiful war" wieder ein paar Sympathiepunkte. Die normale Version von "Mechanical bull" endet schließlich mit dem entspannt in der Hängematte schaukelnden "On the chin", während Käufer der Deluxe-Variante noch die Songs "Work on me" und "Last mile home" obendrauf geschenkt bekommt, von denen sich letztgenannteres Stück schließlich doch noch versucht, die alten und die neuen Fans miteinander zu vereinen und es für knapp vier Minuten durchaus schafft. Danach? Abwarten. Aber immerhin gut zu wissen, dass man von den längst totgesagten Kings Of Leon nicht mehr nur erwarten kann, sondern vielmehr sogar sollte.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Supersoaker
- Don't matter
- Family tree
- Coming back again
Tracklist
- Supersoaker
- Rock city
- Don't matter
- Beautiful war
- Temple
- Wait for me
- Family tree
- Comeback story
- Tonight
- Coming back again
- On the chin
- Work on me
- Last mile home
Im Forum kommentieren
hubschrauberpilot
2014-04-04 17:07:43
finde das album bisher ihr bestes, aber kann auch verstehen warum es nicht viele mögen. on the chin finde ich am besten, diesen country-einschlag. ja steinigt mich, ich mag country. ;)
Blackberry1
2014-02-20 00:55:01
Bei mir ist immerhin noch "Wait For Me" hängengeblieben.
Mainstream
2014-02-19 20:40:45
"Temples" hat noch immer was, nech ...
Rainstorm
2013-10-03 14:13:43
Gar nicht grauenvoll, ziemlich gut sogar.
quincy
2013-09-23 17:07:45
Sorry. Grauenvoll.
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