Bush - Golden state

Atlantic / Eastwest / Warner
VÖ: 29.10.2001
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Come as you were

Die Synthesizer wurden eingemottet, die Gitarren jaulen wieder, und Gavin Rossdale gibt immer noch den Grunge-Schnuckel. So weit, so gut. Auf ihrem vierten Album zeigen sich Bush jedenfalls wieder von ihrer kratzigeren Seite. "Golden state" atmet die rauhe Luft der Anfangszeit. Wer auf dem gewagten, aber letztlich doch enttäuschenden Vorgänger "The science of things" die gestenreichen Hymnen vermißte, die das selige Grunge-Völkchen stets die Arme recken ließen, darf sich wieder freuen. Aber der Vierer von der Insel macht es seinen Anhängern so einfach nicht. Wer nämlich glaubt, daß es sich um eine Wiederkehr der Hit-Blaupausen des Debüts "Sixteen stone" handelt, verschätzt sich um genau ein Album. "Razorblade suitcase", der Zweitling, ist es nämlich, welcher seine Wiederhaken und Rasierklingen hörbar ausfährt.

Schon die krachige Single "The people that we love" freut sich eher am Lärm als an der Melodie, auch wenn Rossdales Händchen für leidenschaftliche Tonfolgen immer noch für das gewisse Etwas sorgt. Dieses Etwas bedeutet hier: Breitwand-Grunge ohne große Schnörkel, aber mit um so viel mehr Seele. Die alten Tugenden also. Fast zerbrechlich fließen die Gitarren zusammen, treiben von einer Stromschnelle zur nächsten und münden schließlich in einer noisigen Flutwelle, auf der Rossdale reitet und seine Hooks auswirft.

Wenn Rossdale fragt "Where is my head? / Where are my bones? / Can you save me from myself?", überträgt sich seine Verwirrung allerdings zunächst auch auf sein Publikum. Langsam nur entfaltet sich der Reiz, der sich zwischen den Ecken und Kanten versteckt hält, bis man endlich gewisse Harmonien und Rhythmen als alte Bekannte wiedererkennt. Die trockene Produktion von Dave Sardy (Marilyn Manson, System Of A Down) inszeniert Bush dabei als Schönheit aufs zweite Ohr. Die bewußt reduziert gehaltenen Riffs aus "Fugitive" oder dem Kracher "Hurricane" und vor allem die kraftvollen Melodien aus "Head full of ghosts" oder "Float" bekommen so genug Sprit, um den Motor von "Golden state" ans Laufen zu bringen.

Noch bevor das Getriebe anfängt zu knirschen, packen Bush ihr Schmiermittel aus. Statt "Glycerine" setzt es mit "Inflatable" diesmal eine zärtliche Hymne, die ganz knapp am Kitsch vorbeischrammt. "You're so pretty in white" haucht Rossdale, und man glaubt fast, seine Pläne mit Langzeit-Freundin Gwen Stefani zu ahnen. Doch auch wenn hier die Geigen singen, spült das vierte Bushwerk keineswegs weich. Das nervöse "Reasons" und vor allem das Knallgas von "My engine is with you" schubsen alle Schmuser unsanft von der Tanzfläche. Ja, hier wird gezündelt. "Bad weather comes but we have wood to burn."

Natürlich kennt Rossdale auch seine zerbrechliche Seite: "When we die we go into the arms of those that remember us" haucht er im bedrückenden "Out of this world". Ein ferner Rhythmus läßt sich von schwebenden Gitarren streicheln und legt erneut die Kabel schlafen. Doch am Ende der Nacht warten die Herren Rossdale, Pulsford, Parsons und Goodridge wieder mit einer fetten Tasse Pathos. Der Zusammenhalt gibt die Kraft: "When I am with you / I feel a little brave". So schleicht sich in die Melancholie auf "Golden state" immer wieder ein heller Lichtstrahl. War "The science of things" noch ein Ausflug ins Dunkel der Nacht, ist "Golden state" die Ahnung vom Sonnenaufgang. Guten Morgen!

(Oliver Ding)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Head full of ghosts
  • The people that we love
  • Inflatable
  • Float

Tracklist

  1. Solutions
  2. Head full of ghosts
  3. The people that we love
  4. Superman
  5. Fugitive
  6. Hurricane
  7. Inflatable
  8. Reasons
  9. Land of the living
  10. My engine is with you
  11. Out of this world
  12. Float
Gesamtspielzeit: 47:28 min

Im Forum kommentieren

smrr

2025-09-13 20:33:15

Höre mich gerade noch mal durch die Diskografie. Schon irgendwie entlarvend witzig, wie man das vor 20+ Jahren als "sellout" gecancelt hat. Wenn man noch mal "Science" und "Razorblade" hört, dann fragt man sich, wie krass sich schon so die Wahrnehmung auf Rock/Indietum/Rockismen gewandelt hat. Selbst die "Golden" würde heutzutage definitiv besser wegkommen.

Insgesamt schwer okaye Diskografie. Eigentlich alles in den 90ern. Hatten halt starke Konkurrenz, aber mit geweitetem Blick ist: echt underrated.

Dan

2025-09-12 15:08:27

Fand die GOLDEN STATE auch immer unterbewertet.

mot

2025-07-18 14:35:45

Für mich ihr Album, das neben Sixteen Stone keine Filler hat. Mag die anderen Alben 90er-Alben auch sehr, und die haben auch die größeren Songs (aber eben auch das ein oder andere deutlich schwächere), aber der Albumfluss ist auf GS sehr gut und sie haben auch ein paar nette, kleinere Details in ihre Songs eingebaut. Das hat mir an GS immer gefallen. Und ja, die ersten vier Lieder sind wirklich stark.

RaylanGivens

2025-07-16 21:42:34

Ja, Inflatable ist tatsächlich sehr schön.

Arne L.

2025-07-16 15:29:48

Hach ja, die großen Rockballaden. Das schmeiß ich gleich noch mal ein bisschen Lifehouse in die Playlist, glaub ich.

"Good times, okaye Platte." trifft es ziemlich genau, finde ich. :D

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