The Hirsch Effekt - Holon : hiberno

Midsummer / Cargo
VÖ: 19.03.2010
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Die Tiere sind unruhig

Es ist so symbolträchtig, dass es sich kein Regisseur passender hätte ausdenken können. Zeitgleich veröffentlichen dieser Tage zwei Bands aus Hannover ihre neuen Alben. Beide haben ihren Namen aus dem Tierreich entlehnt. Während die Scorpions, die Aushängeschilder des biederen Hardrock made in Deutschland, nach gefühlten 68 Jahren mit ihrem letzten Studiowerk in Rente gehen, bringen The Hirsch Effekt ein Debüt auf den Markt, das drängt und herausfordert wie eine Herde brünftiger Paarhufer auf der dringenden Suche nach Artgenossinnen. Auch wenn es höchst zweifelhaft ist, dass The Hirsch Effekt mit ihrem Schubladen sprengenden Postcore-Geböller jemals solche Welterfolge feiern werden wie Klaus Meines Scherentiere. Symbolischer hätte eine Zeitenwende kaum vonstatten gehen können: Hirsch schlägt Skorpion.

Denn alleine in einem einzigen, willkürlich herausgepickten Track auf "Holon : hiberno" verbrät das Trio mehr Rhythmus- und Tempowechsel, ja vermutlich mehr Ideen als die Scorpions in ihrer gesamten Karriere. Zudem würde das Wahnsinnstempo, in dem hier selbst frickeligste Riffs und Licks heruntergeschrubbt werden, nicht nur Rudolf Schenker überfordern. Weiteres Unterscheidungsmerkmal: The Hirsch Effekt würden sich eher das Geweih abhacken, als sich durch Genrekonventionen einengen zu lassen. Die meisten Kompositionen sind keine herkömmlichen "Lieder", eher Songsuiten, die sich über mehrere Tracks erstrecken und meistens nach Stimmungen unterteilt sind. So eröffnet "Epistel" die Platte zunächst majestätisch und "calmo", um dann ins "vigoroso" überzugehen - und damit in hartes Geprügel und Gekreische. Ähnlich läuft das dreigeteilte "Laxamentum": Erst gibt es sich zurückhaltend, feuert dann aus allen Rohren und ertränkt am Ende seine Melancholie in Streichern. Dass Gitarrist und Sänger Nils Wittrock und seine beiden Mitstreiter Virtuosen an ihren Instrumenten sind, versteht sich dabei von selbst und ist in dieser musikalischen Ecke ohnehin Grundvoraussetzung. Der hohe Wirkungsgrad dieser verschachtelten, kryptischen Songgebilde verblüfft dennoch.

"Holon : hiberno" saugt den Hörer von der ersten Sekunde an ein und schleudert ihn durch die Extreme. Teils völlig unvorhersehbar brechen atmosphärische Momente in ruppiges Geholze aus, taucht ein Hintergrundchor auf und schmuggeln sich plötzlich harmonische Bläser ins hektische Klanggebilde. Was nicht heißt, dass The Hirsch Effekt lediglich wahllos Fragmente aneinanderreihen. Nein, es gibt durchaus Augenblicke, in denen sich klare Strukturen und sogar eingängige Melodien Bahn brechen, etwa im groovigen "Zoetrop" oder dem bei MySpace als "Schmetterhit" bezeichneten "Vituperator". Auch die deutschsprachigen Texte sind nur kurzzeitig gewöhnungsbedürftig, denn die sloganartigen Zeilen erweisen sich schnell als ebenso fesselnd wie der musikalische Parforceritt. "Gehn wir mal davon aus, dass der Tod schon weiß, was er tut. Darf der das?", fragt Wittrock in besagtem Hit. Reichen wir gerne weiter: Dürfen die das? Ein derart atmosphärisch dichtes, hochklassiges Debütalbum veröffentlichen? Eine Platte voller Gegensätze und Chaos, die aber in sich unglaublich homogen bleibt? Die Band selbst würde sagen: "Wer hat, der kann - wer nicht, der geht unter. Und fällt dort bitte weiter nicht mehr auf." Die hier fallen auf. Und wie.

(Mark Read)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Zoetrop
  • Vituperator

Tracklist

  1. Epistel / Calmo
  2. Epistel / Vigoroso
  3. Nex
  4. Intervallum: Pulsus
  5. Zoetrop
  6. Lentevelt
  7. Intervallum: Cadentia
  8. Laxamentum / Assorto
  9. Laxamentum / Agitato
  10. Laxamentum / Requiem
  11. Intervallum: Motette
  12. Vituperator
  13. Intervallum: Litus
  14. Hiberno
  15. Arcanum
  16. Epitaph / Meno
  17. Epitaph / Lugubre
  18. Epitaph / Maestoso
Gesamtspielzeit: 57:30 min

Im Forum kommentieren

Autotomate

2022-03-20 21:10:16

Gestern vor 12 Jahren veröffentlicht. Happy Releaseday, Holon : Hiberno!

Hiberno (live@Linse)

Mayakhedive

2019-08-04 18:59:01

Es war mir wie immer ein Fest. Bin froh, dass ich damals in diese illustre Runde eingestiegen bin.
Wünsche noch einen angenehmen Abend.

Neuer

2019-08-04 18:58:20

Ach, der Chor am Ende :') Gerne wieder

Mayakhedive

2019-08-04 18:58:04

Super. Definitiv neben der Anamnesis gleichberechtigt meine Liebste.
Beste deutschsprachige Band könnte sein.
Damals Pendikel vielleicht noch, wobei die ja nicht wirklich vergleichbar sind.

The MACHINA of God

2019-08-04 18:57:24

WENN WIR WOLLEN!
Sehr geile Stelle.

Und Maya, auf "Anamnesis" find ich keine Sekunde zuviel. Da stimmt alles.

Schön war es mit euch. Auf bald beim nächste THE-Album.

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