Cut Copy - In ghost colours

Modular / Universal
VÖ: 24.06.2008
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Blog House

Die Kandidaten für "most blogged artist 2008" auf The Hype Machine sind die naheliegenden: Erwartungsgemäß können sich die Hipster auf Fleet Foxes, MGMT und Vampire Weekend einigen. Auch TV On The Radio, Bon Iver und die glorios zurückgekehrten Portishead haben sich die Präsenz redlich verdient. Ganz vorne steht aber ein anderer Name: Cut Copy. Denn vielleicht war der Beat, der neulich Deinen Arsch hat wippen lassen, gar nicht von Hot Chip oder MSTRKRFT. Eher wenig beachtet von hiesigen Indiepostillen haben sich nämlich die Australier mit fluffigen Remixes von The Presets, VHS Or Beta, den Kaiser Chiefs sowie, ähem, Maroon 5 in die Blogs gemixt und wurden ihrerseits von Leuten wie Hercules & Love Affair, Boys Noise und !!! aufgemotzt. Irgendetwas haben Cut Copy also richtig gemacht.

Ihr zweites Album, zum Beispiel. "In ghost colours" ist perfekter Retrofuturismus. Es greift zurück auf die Eleganz der Siebziger, lässt dazu die Synthesizer der Achtziger angemessen flächig werden und kennt die kostengünstigen Grooves der frühen Neunziger. Zurück in den Nullern fragen sich The Killers, ob sie menschlich sind oder schon tanzen dürfen, während Cut Copy mit "Lights & music" schon längst Stroboskopflackern und Bassmembranen anbeten. "Lights and music are on my mind / Be my baby one more time." Das will keinen Lyrikpreis gewinnen, das will feiern. Mit seinem Basslauf, der sich Zeit lässt, bevor er überhaupt einsetzt, dann schon durch sein Auftauchen den unbedingten Willen zum Hymne zeigt und sich dann dezent zum Viertelbeat der Bassdrum verschiebt, um ein Echo vorzutäuschen. Mit den beiden schlichten, aber umso effektiveren Gitarrenriffs. Und mit den drei Treppen steigenden Keyboard-Akkorden im durchatmenden Break. Da kann der Refrain nur purer Hedonismus sein.

Es gibt noch mehr dieser unbedingten Hits: Das blubbernde "Hearts on fire" gönnt Bass und Beats im ersten Refrain noch ein wenig Ruhe und gibt dem Lightjockey genug Zeit, mit Nebel und Lasern den Club zu verschönern. Und dann ist man plötzlich im Jahr 1990, wo ein hochgepitchter James Brown "Oh yeah" kreischt, ein Guru-Josh-Saxophon grüßt, die Synths irgendwas mit Trance machen und kurz vor knapp noch so ein New-Order-Bassgitarrenlauf mit reichlich Chorus mitträumt. "Nobody lost, nobody found" blubbert fröhlich los und lässt dabei dezent das Wissen um geschrubbte Gitarren mitschwingen, entfernt sich aber dann mit Brian-Ferry-Juchzern und Handclaps von jedweder Indie-Credibility.

Cut Copy machen mit Hilfe von The DFAs Tim Goldsworthy da weiter, wo Zoot Woman aufhörten, weil Stuart Price Madonna und den Killers mal eben die Gesichtslosigkeit beibringen wollte. Der Weg führt hinter die Coolness-Grenze: Schon der Opener "Feel the love" hat den Vocoder im Gepäck, für "Out there on the ice" prickelt ein euphorischer Roland TB-303, und "Far away" kreuzt Talking-Heads-Polyrhythmen mit dreisten Autoscooter-Sirenen, die auch Modern Talking einst hupen ließen. In "So haunted" holt sich die Gitarre eine fiese Zerrung, bevor die Hi-NRG-Synths durch den Chorus kullern, und der Hall von "Unforgettable season" dreht dann wieder die Schlaufe durch die Jahrzehnte, indem es die frühen U2 mit My Bloody Valentine und Broken Social Scene bekannt macht. Hier geht alles mit allem.

"In ghost colours" bietet wunderbaren Kitsch, der seine Fußnoten und Querverweise im aufrechten Indietum zwischen Sonic Youth und The KLF hat. Durch seine Freiheit von Zynismus und Ironie stellt das Album die Bescheidwisser auf die Probe. Nebenbei bringen Cut Copy dem seit Jahren immer mal wieder ausgerufenen Achtziger-Revival die glückliche Unschuld zurück. Vor lauter Entzücken darüber kümmert es Dan Whitman nicht, dass die süßlichen Melodien von Cut Copys Zweitling seine Stimme eigentlich überfordern. Zu recht. In Australien füllt seine Band schon Stadien. Sie zerlegen dort das Schlagzeug mit geschwungenen E-Gitarren und thronen in Nirvana-T-Shirts über den händereckenden Massen. Und jetzt Du.

(Oliver Ding)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Lights & music
  • Unforgettable season
  • Hearts on fire
  • Nobody lost, nobody found

Tracklist

  1. Feel the love
  2. Out there on the ice
  3. Lights & music
  4. We fight for diamonds
  5. Unforgettable season
  6. Midnight runner
  7. So haunted
  8. Voice in quartz
  9. Hearts on fire
  10. Far away
  11. Silver thoughts
  12. Strangers in the wind
  13. Visions
  14. Nobody lost, nobody found
  15. Eternity one night only
Gesamtspielzeit: 50:30 min

Im Forum kommentieren

Copycut

2017-08-19 14:53:30

In Ghost Colours & Zonoscope fand ich super, die Free your Mind ging auch noch OK, aber die neuen Nummern kicken mich auch irgendwie gar nicht, schade.

Dielemma

2017-08-11 23:30:05

hat mich erst gefreut, auf neue Tracks hingewiesen zu werden, aber diese fand ich dann ziemlich uninspiriert

cuco

2017-08-11 15:35:53

Wieso wird die Band hier mittlerweile so vernachlässigt?

Letztes Album nicht rezensiert, keine News zur neuen Platte.

Ich mein im Bereich Elektro-House-Pop findet man doch kaum bessere Bands... neue Tracks auch echt stark

https://youtu.be/f3PbqVq_9O8

https://youtu.be/Pu5SNyN2nj4

Dielemma

2016-04-23 19:04:51

heute mal wieder an dieses grandiose Album erinnert, macht einfach so viel Spaß!

Halcyon

2011-07-27 20:14:27

Ist mir auch aufgefallen, der größte Vorteil von Cut Copy ist (für mich) einfach die unglaubliche Haltbarkeit. Die kann man einfach immer wieder hören.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum