Beck - Modern guilt

XL / Beggars / Indigo
VÖ: 04.07.2008
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Gegen die Schwerkraft

Die Mondlandung wurde uns von der NASA nur vorgegaukelt. Das weiß mittlerweile jedes Kind, und es ist eine reine Zeitfrage, bis dieses Faktum Eingang in die Schulbücher erhält und endlich diese Lügen aufhören von wegen "That's one small step for a man, one giant leap for mankind". Dass Paul McCartney schon vor Jahrzehnten durch einen Doppelgänger ersetzt wurde, sollte sich mittlerweile auch herumgesprochen haben. Und Beck? Schreibt neuerdings Lieder über die Verschwörungstheorie der "Chemtrails", der zufolge in die Kondensstreifen von Flugzeugen Chemikalien gemischt werden, um die Erderwärmung zu stoppen, während die Chemikalien selbst tödliche Folgen für Millionen von Menschen haben könnten. Glücklicherweise müssen wir uns bei Plattentests nicht über das Pro und Contra solcher Theorien den Kopf zerbrechen, sondern über Musik. Und trotz Mithilfe von Co-Produzent Danger Mouse hat Herr Hansen da schon bessere Tage gesehen.

Falls die Beck-Adepten nach dieser Nachricht ein schwindelartiges Ohnmachtsgefühl verspüren: Sie können das Riechsalz wieder einstecken. Denn das einzige Manko von "Modern guilt" ist, dass es kein "Devil's haircut" und kein "The golden age" zu bieten hat. So sehr ihm aber auch ein Hit oder gar ein Instant-Klassiker fehlt, so sehr darf das Album doch als sein konsistentester und daher bester Wurf seit "Sea change" gelten. Wobei sich Konsistenz selbstredend auf die gleichbleibend hohe Qualität bezieht und nicht auf die Einheitlichkeit des Stils. Auch "Modern guilt" ist wieder ein Sammelsurium unterschiedlichster Einflüsse, dessen roter Faden diesmal zurück zur psychedelischen Musik der 60er führt. Glöckchen läuten, Flötenklänge wehen vorbei, und alle singen geistesabwesend "Aah-aaaah".

So schon gleich zu Beginn, wenn für "Orphans" Cat Power vorbeischaut, um über einem tief in der Erde vergrabenen Bass mit Beck um die Wette zu zwitschern wie weiland die Beach Boys. Kurz darauf entschwebt "Chemtrails" mit wilden Drumläufen und Spaceorgel wie früher Pink Floyd in höhere Sphären - allerdings nicht ohne zuvor das leichtfüßig tänzelnde "Gamma ray" rabiat auszubremsen. Nach so viel Entrücktheit kommt die geradlinige Entschlossenheit des Titelstücks gerade recht. Aber auch diesen typischen Danger-Mouse-Drumbeat knotet Beck im zweiten Teil wieder an eine Handvoll Luftballons, die langsam in den Himmel steigen und dabei kleiner und kleiner werden.

Nachdem "Walls" dann eine aufgeregte Marching-Band-Snaredrum und Fiddle-Folk mit einem singenden Eichhörnchen gekreuzt hat, biegt "Modern guilt" bald darauf mit "Volcano", das wie ein Überrest aus der "Sea change"-Zeit klingt, schon auf die Zielgerade ein. Nach zehn Songs und gerade einmal 34 Minuten ist dieses in nur gut zwei Monaten aus der Hüfte geschossene Album bereits zu Ende. Dass "Modern guilt" damit deutlich kürzer ausfällt als noch "Guero" oder "The information" erweist sich aber als Vorteil. Konzentriert und in sich ruhend wirkt die Platte, durchweg auf hohem Niveau und ohne den kreativen Leerlauf, der vor allem bei "Guero" zu streckenweiser Langeweile führte.

"Modern guilt" weiß stattdessen das Nervös-Spielerische der frühen Tage ebenso souverän zu zähmen wie die Streicher in "Replica" die unter dem Song dumpf dahinbollernden Junglebeats. Gleichzeitig versteht es das Album, immer wieder die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft zu setzen und sich in einen Zustand der seligen Entspanntheit fallen zu lassen. Ob dieses Hoch allerdings nur ein letztes Aufglühen eines schon langsam sinkenden Sterns ist, oder ob es doch eher die kräftigen Triebe eines zweiten Frühlings sind, lässt sich kaum abschätzen. Vielleicht sollten wir doch lieber auf Verschwörungstheorien umsteigen. Die sind auf jeden Fall leichter zu durchschauen als Beck.

(Harald Jakobs)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Gamma ray
  • Chemtrails
  • Walls

Tracklist

  1. Orphans
  2. Gamma ray
  3. Chemtrails
  4. Modern guilt
  5. Youthless
  6. Walls
  7. Replica
  8. Soul of a man
  9. Profanity prayers
  10. Volcano
Gesamtspielzeit: 34:02 min

Im Forum kommentieren

myx

2022-01-19 21:55:38

Definitiv.

Affengitarre

2022-01-19 21:53:47

Der Track ist auch übrigens von Godrich produziert, der hat auch so tolle "Sea Change"-Streicher. :)

myx

2022-01-19 21:52:17

Höre grade "Ramona", wow, echt schön ...

NochEinTobi

2022-01-19 21:51:22

Auch interessant, bitte nächste Woche wieder solche Infos :-)

myx

2022-01-19 21:49:25

Und noch eine Info zum Album hinterher, weil ich mir die extra aufgeschrieben habe: Bei zwei Songs singt Chan Marshall (Cat Power) mit. Bei "Orphans" hört man es gut, bei "Walls" nicht so ganz.

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  • Beck (33 Beiträge / Letzter am 20.04.2022 - 09:04 Uhr)