Opeth - Watershed
Roadrunner / UniversalVÖ: 30.05.2008
Die Gewitterzelle
Opeth-Platten, zumindest die letzten drei, vier, haben ein Problem: Sie sind jeweils im Früh- oder Spätsommer erschienen. Als perfekte Bedingungen für Biergarten, Terrasse, Baggersee herrschten. Aber für Düsternis? Nicht eben. Trällernde Singvögel passen halt eher weniger zu Death-Grunts und Blastbeats. Auch wenn diese durch jede Menge Prog aufgebohrt werden. Die Grunts und die Beats, nicht die Vögel. Aber Mikael Åkerfeldt hat sich um so was noch nie gekümmert.
Bereits nach wenigen Sekunden von "Coil" ist die Umwelt egal. Eine bittersüße Ballade, nur von leisen Akustikgitarren begleitet, nimmt sofort gefangen, nicht zuletzt durch die fragile Stimme der Gastsängerin Nathalie Lorichs. Aber irgendetwas droht unterschwellig. Ein leises Grummeln, wie das Gewitter, das die Badenden vom Strand treibt. Ein dramatisch donnerndes Riff. Und dann die Eruption namens "Heir apparent": Die erste der bei Songlängen von mindestens sieben Minuten zu erwartenden Achterbahnfahrten. Wer beim Vermischen von fiesesten Death-Riffs mit jazzigen Gitarrenparts, fast schon krautrockigen Keyboard-Orgien und traditionellen Metal-Soli den kleinsten Fehler macht, produziert unhörbare Konfusion. Hier ist es große Kunst.
Der Clou daran: Dies war nur eine Aufwärmübung für "The lotus eater". In knapp neun Minuten ungezählte Stil-Anleihen, verwoben durch Einschübe von Klargesang über Drummer mordende Beats, ergeben eine zunächst schwer fassbare, zutiefst düstere Hommage an Prog, Metal, Avantgarde und Krautrock. Verstörend, faszinierend, mitreißend - der Seufzer am Ende des Songs kommt von Herzen. Auf Vinyl müsste man hier eigentlich die Platte umdrehen, um diese Referenz von einem Song noch ein wenig länger wirken zu lassen. Opeth tun einem den Gefallen mit dem melancholischen "Burden".
Mit zunehmender Spieldauer bekommt der Hörer so das Gefühl, bei "Watershed" handele es sich um eine Best-Of-Compilation. Wohl selten hat es eine Band geschafft, gleichzeitig dermaßen ihre Stärken auszuspielen und eigene Grenzen neu auszuloten. Wahrhafte Progression halt, den Death Metal lebt Åkerfeldt im Nebenprojekt Bloodbath aus. Growls dort, wo es passt, das war's. Nirgendwo wird dies so deutlich wie im längsten Song, "Hessian peel": Nach fünf Minuten zauberhafter Ballade zur Einstimmung ein erneuter Parforce-Ritt durch Sturm und Düsternis mit Gänsehaut erzeugendem Ende. Und nach 55 Minuten hinterlassen Opeth einen zunächst verstörten Hörer. Der sich aber wieder und wieder von diesem Album gefangen nehmen lässt. Bis die Erkenntnis reift, dass "Watershed" nicht nur für die Diskographie der Schweden einen neuen Meilenstein gesetzt hat.
Highlights & Tracklist
Highlights
- The lotus eater
- Porcelain heart
- Hessian peel
Tracklist
- Coil
- Heir apparent
- The lotus eater
- Burden
- Porcelain heart
- Hessian peel
- Hex omega
Im Forum kommentieren
ToRNOuTLaW
2025-11-17 13:28:18
Heir Apparent ist auch in meiner Top 5.
Watershed finde ich insgesamt nicht stärker als Blackwater Park oder Ghost Reveries, aber das Album folgte noch der alten "Opeth-Formel" und wirkte dank stylistischer Neuerungen trotzdem noch frisch und nicht generisch. Mit wenigen, punktuellen Schwächen (die Übergange in Porcelain Heart etwa) war das Songwriting danach auch nie wieder so stark.
nörtz
2025-11-17 12:59:43
Ja! Der Song ist Opeth Top 5 und das Album ist evtl. ihr Bestes.
Huhn vom Hof
2025-11-17 12:54:51
"Heir Apparent" ist einer der beeindruckendsten Opeth-Songs. Das Album funktioniert wunderbar in dieser Jahreszeit wenn die Tage immer kürzer werden.
Huhn vom Hof
2024-11-19 20:23:42
Das dürfte man auch nicht ;)
Lateralis84skleinerBruder
2024-11-19 20:17:59
Immerhin hast du Coil und Heir Apparent auch nicht getrennt ;)
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