Voxtrot - Voxtrot

Playlouder / Beggars / Indigo
VÖ: 25.05.2007
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Austin Powers

Voxtrot-Chef Ramesh Srivastava lässt ganz gerne sein Tagebuch offen herumliegen. Und natürlich kann man nicht widerstehen, muss überfliegen, eintauchen, aufsaugen. Immer wieder kleben da - genau wie in seinen Songtexten - gerade erst getrocknete Gefühls-Polaroids zwischen den Zeilen, ungeschminkt und wahrhaftig. Seine Blog-Einträge sind wertvolle Sekundärliteratur zum Œuvre einer Band, die zwar aus Austin, Texas, kommt, aber irgendwie eher nach Glasgow klingt. Dass Ramesh dort sogar drei Jahre lang studierte, ist mehr Zufall als Erklärung - während seiner Schottland-Zeit schrieb er zwar die ersten Voxtrot-Stücke, hörte damals allerdings fast ausschließlich elektronische Musik.

Mit ihrer Debüt-EP "Raised by wolves" (2005) waren Voxtrot plötzlich in aller Herzen. Dank einer Handvoll Songs aus luftigem Biskuitteig mit fruchtiger Gitarrengarnitur, zu denen es sich ebenso trefflich tanzen wie tagträumen ließ; die vor allem aber das Ohr als ihren natürlichen Lebensraum dauerhaft zu behaupten wussten. Ein Jahr später steigerten "Mothers, sisters, daughters and wives" und "Your biggest fan" Vorfreude und Spannung auf die Album-Premiere ins Unerträgliche. Und nun, endlich, ist die vierundvierzigminütige Erlösung da und geht kühn das Wagnis komplett neuen Materials ein - führt dabei aber die Tradition himmelsstürmender Melodienschwärmerei fort. Einzig die juvenile Unbeschwertheit und Direktheit der EP-Trilogie musste etwas dezenteren Farben und einer gesunden Portion erkundungswürdiger Komplexität weichen.

Mit den Worten "It's something you have to live with for a bit before it feels right" kommentierte Blogger Ramesh vorsichtig das Album-Debüt seiner Band - und hat zumindest teilweise recht. Nur teilweise, denn es ist keineswegs so, dass hier irgendetwas schwer zugänglich wäre, ganz im Gegenteil. Dass es sich aber um einen glücklichen Fall von "mehr Sein als Schein" handelt, wird tatsächlich erst nach einer gewissen Zeit deutlich. Mit jedem Hördurchgang tun sich neue Hintertüren, Geheimgänge, Schatzkammern auf, die langsam aber eindrucksvoll die gewaltige Gesamtgröße dieser Platte bewusst werden lassen.

Ein Streichquartett misst in andächtiger Feierlichkeit die Weiten des Voxtrot-Universums aus; Gitarrenschritte nähern sich, gleichmäßig und entschlossen. Ramesh ergreift das Wort, klingt gefasst, und doch erahnt man die Fußnoten in moll. Ein Blick in die Sekundärliteratur bestätigt die Vermutung: "Struggle, conflict, death, loss of identity and an unstable concept of the future" seien die Hauptthemen auf "Voxtrot" - das Resultat einschneidender Ereignisse in Rameshs persönlichem Umfeld. Die Rückkehr aus Glasgow. Der Tod seiner Oma. Das unverhofft große Interesse an seiner Band. Der daraus entstehende kreative Druck. Ein Wunder, dass die elf Stücke trotzdem so euphorisierend geworden sind. Und eins sogar "Easy" heißt.

Man muss erst mal die Nerven haben, gleich am Songanfang mit einem Xylophon zu duettieren, während die Rhythm Section im Hintergrund schnaubend um Aufmerksamkeit buhlt. Die "Kid gloves" passen jedenfalls wie angegossen und leisten sich nicht nur den Luxus eines ausgefransten Vintage-Gitarrensolos, sondern auch die deftige Refrainerweiterung "Cheer me up / Cheer me up / I'm a miserable fuck." Wenn es einem bei dem harmonischen Querfeldein-Lauf "Ghost" eiskalt den Rücken runterläuft, dann mag das vielleicht an dem wunderbar gezeitengetriebenen Piano liegen (auch an Möwengeschrei fehlt es nicht), es könnte aber auch davon kommen, dass Ramesh hier unfassbar nach Jeff Buckley klingt. Auf ehrenwerteste Art und Weise.

Voxtrot schütteln im Pokerface-Modus die niedliche Klavier-Fußwippnummer "Steven" aus dem Ärmel und blinzeln unter sanfter West-Coast-Sonne "The future pt. 1" entgegen. "Firecracker" wird als gut eingeöltes Bass-Muskelpaket angeliefert, platzt aus allen Schweißnähten und springt kopfüber in den kühlenden Refrain, um dann prustend zur schnittigen Rock'n'Roll-Collage "Brother in conflict" rüberzukraulen. Die behutsam orchestrierte Klavier-Ballade "Real life version" huldigt der großen Judee Sill, bevor das pulsierende "Blood red blood" ein furioses Finale entzündet und Worte in Erinnerung ruft, die neulich in Rameshs Blog zu lesen waren: "At the end of the day, I am proud of the things that I've created and just have to trust that I'm making something honest for the people who believe in me. And I do." Kudos.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Kid gloves
  • Ghost
  • Firecracker
  • Blood red blood

Tracklist

  1. Introduction
  2. Kid gloves
  3. Ghost
  4. Steven
  5. Firecracker
  6. Brother in conflict
  7. Easy
  8. The future pt.1
  9. Every day
  10. Real live version
  11. Blood red blood
Gesamtspielzeit: 43:55 min

Im Forum kommentieren

Gordon Fraser

2022-06-22 13:55:05

The Natvral ist das Solo-Projekt des Sängers von The Pains of Being Pure at Heart, die wiederum eine Zeitlang sowas wie die Erben von Voxtrot im Tweepop-Bereich waren. Insofern passt dieses Billing echt wie die Faust aufs Auge.

fakeboy

2022-06-22 07:58:41

Am 12.11.07 war das…

fakeboy

2022-06-22 07:56:07

Ich war mit meiner früheren Band mal Support von Voxtrot aber kann mich nicht ans Konzert erinnern. Das ist wirklich komisch weil ich sicher bin, dass ich mich damals nicht abgeschossen habe. Vermutlich war das Konzert einfach eher unspektakulär.

Gomes21

2022-06-22 06:18:40

Sagt mir gar nichts, schätze die stehen bei dir hoch im Kurs? :-)

Gordon Fraser

2022-06-22 01:35:44

Support Act beim Gig im Herbst übrigens The Natvral. Wie geil ist das denn bitte? :)

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