System Of A Down - Mezmerize

Columbia / Sony BMG
VÖ: 17.05.2005
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Nasi Goreng

Schizophrenie spielt eine prominente Rolle im Rockstardasein. Auch den US-armenischen Bügelbrettfabrikanten von System Of A Down und ihrem brillanten Durchbruchsalbum "Toxicity" konnte man das angenehm anhören. Nun ist zwar der in deutschen Rockschuppen einst so populäre Satz "Hassu Süssem?" mittlerweile durch "Machma Manndoh!" ersetzt worden, doch vor allem der hin- und hergerissene Dauerknaller "Chop suey!" genießt weiterhin fleißigen Mattenschüttelzuspruch. Und nachdem man der Band angesichts des nachgeschobenen "Toxicity"-Alter-Egos "Steal this album" den nicht ganz unberechtigten Vorwurf der Abzocke machte, will der Vierer seine zwiegespaltene Kreativität jetzt noch vollständiger auf die Couch bringen.

Denn es war schnell klar, daß System Of A Down ihre Persönlichkeitsspaltungen von vornherein in zwei Alben verpacken wollen. Erst die Vorhut "Mezmerize" und im Spätherbst dann mit "Hypnotize" die Nachgeburt. Ein zeitversetztes Doppelalbum. Ambition, die diesen herzlich trümmernden Lichtgestalten durchaus zusteht. Welches der beiden Alben aber stellt denn wohl, um einmal bei der tiefenpsychologischen Betrachtungsweise zu bleiben, Dr. Jekyll dar? Und welches ist Mr. Hide? Die Antwort: "Mezmerize" qualifiziert sich für beide Rollen.

Ironie und Wahnsinn, Bodenständigkeit und Experiment. Bei System Of A Down sind sie alle Seiten der gleichen Medaille. Ständig kippen die Songs von einem Extrem ins andere. Bombastische Chöre, schwermetallische Gitarren-Stakkatos, saitenwichsender Prog, melancholische Introspektion und zuckersüßer Punkrock - nicht nur in "Revenga" geht vieles. Immer schön der Reihe nach. Da fährt dann auch die bittere Irak-Abrechnung "B.Y.O.B." mit dem Riffpanzer in lustigen Kreisen durch George Bushs Wohnzimmer, um sich im Refrain zum verlockenden Discotizer zu entwickeln. "Everybody's going to the party, have a real good time / Dancing in the desert, blowing up the sunshine", schlägt die Ironiekeule zu. Trotzdem: Zu dieser Revolution darf tatsächlich getanzt werden. Und am Ende fliegen noch ein paar süffige Molotow-Cocktails.

Selbst klassische Angeberthemen haben hier einen Sockenschuß: "Radio/video" winkt mit schwer netter John-Frusciante-Gedächtnis-Gitarre umher und freut sich öffentlich über die eigene Medienpräsenz. Bis plötzlich die feindliche Übernahme durch eine schunkelnde Polkagruppe erfolgt und wieder einmal die Erwartungshaltung pulverisiert. Der eigene Größenwahn wird in "This cocaine makes me feel like I'm on this song" demaskiert, im computerbeschallten Tanzgebolze "Old school Hollywood" geht es um so Elementares wie Baseball, und das tollwütige "Cigaro" inszeniert Mozart als fideles Lattenmessen in St. Anger. "My cock is much bigger than yours / My shit stinks much better than yours." Genau so distanziert man sich von eben dem Kastraten-Metal, in dem Daron Malakians Riffs so gerne wildern.

Es ist nicht nur diese durchgeknallte Zerrissenheit, die System Of A Down immer wieder aufs Neue auszeichnet. Hier leben Brutalität und Zärtlichkeit in Symbiose. Denn wenn Serj Tankian schon der unheilige Zorn packt, denkt er auch immer dessen Schattenseiten mit. Die eigenen Wunden, die eigenen Widersprüche, die eigenen Unzulänglichkeiten. Und immer wenn Malakian in den Chor einsteigt, was er übrigens angenehm oft tut, gewinnt der Tiefgang zusätzliche Qualität. "You and me will all go down in history / With a sad statue of liberty / And a generation that didn't agree." Das hymnische "Lost in Hollywood" kommentiert den dort allgegenwärtigen Flachsinn und knüpft dank kaukasischer Sensibilität an Großtaten wie "Aerials" oder "Spiders" an. Doch selbst wenn sich diese elf Schleudertraumata im ersten Moment vielleicht nicht ganz so orgiastisch anfühlen wie damals bei "Toxicity", genießt man doch jeden Augenblick. Wie auf einer Überdosis Glutamat.

(Oliver Ding)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • B.Y.O.B.
  • Revenga
  • Radio/Video
  • Sad statue
  • Lost in Hollywood

Tracklist

  1. Soldier side (Intro)
  2. B.Y.O.B.
  3. Revenga
  4. Cigaro
  5. Radio/Video
  6. This cocaine makes me feel like I'm on this song
  7. Violent pornography
  8. Question!
  9. Sad statue
  10. Old school Hollywood
  11. Lost in Hollywood
Gesamtspielzeit: 36:50 min

Im Forum kommentieren

qwertz

2021-02-09 18:21:40

Ich find's ja kurios, dass in diesem doch recht umfangreichen und seinerzeit populären Thread seit dem Erscheinungsjahr bis heute nahezu kein einziger Beitrag mehr gepostet wurde.

mrnovember

2021-02-09 16:41:26

soldier side 9
byob 10
revenga 9
cigaro 6
radio/video 10
this cocaine makes me... 6
violent pornography 5
question 7
sad statue 9
old school hollywood 7
lost in hollywood 9

Felix H

2021-02-09 16:40:59

01. Soldier Side – Intro 7
02. B.Y.O.B. 9
03. Revenga 8
04. Cigaro 7
05. Radio/Video 9
06. This Cocaine Makes Me Feel Like I'm On This Song 7
07. Violent Pornography 3
08. Question! 8
09. Sad Statue 7
10. Old School Hollywood 6
11. Lost In Hollywood 9

Schon bis auf die eine Ausnahme echt gut und deutlich besser als die Diskographie-Nachbarn. Für mich eine knappe 8.

edegeiler

2021-02-09 16:35:40

Lieblingslieder:
"Cigaro" "Lost in Hollywood"

Mag-ich-nicht:
puuh höchstens "Violent Pornography"

Underrated:
"Old School Hollywood"

Overrated:
"B.Y.O.B."

Nowe75

2008-07-02 08:26:53

Seit langem mal wieder raus gekramt, läuft seit 2 Tagen im Auto. Diese Scheibe ist einfach nur genial, von mir 9/10. Das beste Metalalbum des neuen Jahrtausends (wenn man überhaupt von Metal) sprechen kann.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum