Paris Paloma - The fatal flaw
Nettwerk / BertusVÖ: 04.09.2026
An army of me
Das vor knapp zwei Jahren erschienene Debütalbum "Cacophony" gab mit seinem Titel bereits eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Paris Paloma präsentierte damit ein Füllhorn an Songs, die rein für sich selbst genommen häufig zwar funktionieren, im Gesamtkontext eines Albums jedoch oftmals etwas deplatziert und verloren wirkten. Der naheliegende Kalauer, dass "The fatal flaw" genau selbigen größtenteils beheben kann, sei an dieser Stelle bitte verziehen. Das Album arbeitet mit einer gekonnten Vermengung aus vier zentralen Motiven: explizite Referenzen zu diversen Kunstformen, Mythologie, die weibliche Rolle im Patriarchat und Formen von Liebesentzug. Was nun sehr schnell sehr kitschig – weil überbordend – werden kann, gibt in den ersten zwei Dritteln der Spielzeit stattdessen eine sehr starke Bewerbung für DAS Pop-Album des Jahres ab. Jeder einzelne der ersten acht Titel besticht sowohl durch exzellentes Writing, als auch hervorragende kompositorische Fähigkeiten und eine emotionale Tiefe, die phasenweise wortwörtlich atemberaubend ist.
Bereits der Starttitel "Miyazaki", welcher ein Zitat des Studio-Ghibli-Urvaters Hayao Miyazaki über die Gefahren der Nutzung von KI im kreativen Prozess paraphrasiert, setzt mit dem Crescendo zu den Zeilen "I'm not a violent person / But I make things with aggression / I'm not a violent person / But my work is one exception / I won't let you take it from me!" den Grundton von "The fatal flaw": Nicht kopflos, nicht herzlos, aber kompromisslos. Gefühle werden nicht transportiert, sondern direkt subkutan ins Mark gestochen. "Rothko", in welchem die Interpretin stundenlang vor einem seiner berühmten Color-Blocking-Gemälde steht und darauf wartet, so ergriffen zu weinen, wie es andere Besucher*innen angeblich dabei täten, vereint Sehnsucht, Lamoryanz und Fatigue zu vordergründig simplen, aber nicht minder ergreifenden Hilferufen: "It's in the ether / How I ever felt about you and I used to be such a believer / I find myself bleeding / And it seems that it's never even for the right reasons / What those are, I still haven't a clue." Und gerade wenn man denkt, dass man das nicht wesentlich besser machen kann, kommt direkt danach "Stem the flow" mit dem einen für alle gebrochenen Herzen gültigen Zitat überhaupt: "And I want you to try / So that I can thank you for trying / And then maybe that'll make you try some more / It's not in my nature / To forgive bad behaviour / Except when it's yours." Große Lyrik muss keine schwere Lyrik sein.
Musikalisch läuft das alles so ab, wie man sich wohl gemeinhin keltisch-paganistische Hexenrituale vorstellen mag: energetisch, rhythmisch treibend und phasenweise mit impulsiven Ausbrüchen à la Florence Welch. Wenn auch mit etwas konventionelleren Chord Progressions und Instrumentierungen. Insbesondere die Streicherarrangements sind hier qualitativ herauszuheben, neben einigen hübschen Soundspielereien wie zum Beispiel dem Cembalo-Einsatz in "Pre-Raphaelite". Der Clou, weshalb alle diese doch recht unterschiedlichen Kompositionen so gut zusammenwirken, liegt in wesentlichem Umfang im Mastering von Palomas Gesangsstimme, die trotz hoher Bandbreite und Stimmumfang in der Lautstärke nur selten ausschlägt und damit alle Tempowechsel erdet. Das ist zwar kein Gegenentwurf zum "loudness war", aber mindestens eine Rückbesinnung darauf, dass es auch elegantere Methoden gibt, mit seiner Produktion Eingängigkeit zu erzeugen.
Wie zu Beginn angedeutet, gibt es da aber noch das letzte Drittel von "The fatal flaw", welches das Problem hat, größtenteils "nur" aus guten Pop-Songs zu bestehen. Ja, das ist die Kritik, "schlimmer" wird es in diesem Text nicht mehr. Exemplarisch hierfür fällt insbesondere "Good boy" mit seiner analogiefreien, offensiv-ironischen Art sowohl aus dem vorherigen Kontext, als auch für sich alleine unangenehm auf. So inhaltlich richtig vieles auch sein mag, was darin postuliert wird, wirkt es bei den teilweise imposanten Stücken zuvor nahezu kleingeistig. Das sei jedoch direkt soweit abgeschwächt, als dass der Titel außerhalb des Albums als Einzelstück mutmaßlich sehr viel leichter ins Ohr ginge. Kunsthistorisch sei daran erinnert, dass diverse heute als Meisterwerke anerkannte Gemälde auch bloß auf Leinwänden entstanden, auf denen zuvor schon simplere Motive und Studien gezeichnet wurden. Yet still, hanging in the Louvre.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Stem the flow
- Get her the fucking flowers
- Pre-Raphaelite
- Pyrrhus (You go where I cannot)
Tracklist
- Miyazaki
- Rothko
- Stem the flow
- The bleeding part of me
- Get her the fucking flowers
- Pre-Raphaelite
- Good girl
- Pyrrhus (You go where I cannot)
- Silhouette on the hill
- Good boy
- Beautiful birds
- I cry in front of paintings
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MickHead
2026-09-11 10:45:46
Musikexpress 4.5 /6
https://www.musikexpress.de/reviews/paris-paloma-the-fatal-flaw-review/
MickHead
2026-09-11 10:40:19
Rolling Stone 3.5/5
https://www.rollingstone.de/reviews/paris-paloma-the-fatal-flaw-review-2/
MickHead
2026-09-04 14:42:58
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:
https://parispaloma.bandcamp.com/album/the-fatal-flaw
MickHead
2026-09-04 10:27:45
Komplette Playlist bei YouTube:
https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mNKfUnWN3B0Ydg9W33hjvt-NBfSWDvwGg&si=4BG_ARbTnt2sU4IX
MusikBlog
https://www.musikblog.de/2026/09/paris-paloma-the-fatal-flaw/
Armin
2026-09-01 22:40:42- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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Spotify
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