Scissor Sisters - Scissor Sisters

A Touch Of Class / Polydor / Universal
VÖ: 03.05.2004
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Verschnitt

Wenn sich in jüngerer Zeit der eine oder andere Pink-Floyd-Fan übergeben mußte, so dürfte das eher weniger an Kräuterunverträglichkeit oder in Überdosis genossener Prätention wie "A momentary lapse of reason" gelegen haben. Für das Magengrimmen der aufrechten Vorgestrigen verantwortlich ist eine Truppe namens Scissor Sisters. Dabei handelt es sich bei deren durchgeknallter Discofizierung des "The wall"-Klassikers "Comfortably numb" um nicht weniger als einen Geniestreich. In viel zu enge Bee-Gees-Hosen gezwängt und auf einen brühwarmen High-Energy-Beat gepfropft ist das wenn schon nicht die beste, so doch mindestens die lustigste Coverversion des bisherigen Jahres.

Und wer gedacht hätte, die New Yorker hätten auch sonst wenig Tiefgang, liegt genau richtig. Den Scissor Sisters ist nichts heilig außer ihrer neongrellen Oberfläche. Was sich nicht schon an ihren grenzdebilen Pseudonymen wie Ana Matronic, Babydaddy oder Paddy Boom ablesen läßt, wird spätestens dann klar, wenn man ihre Bühnenoutfits erblickt. Der Alptraum eines jeden zurechnungsfähigen Modeschöpfers diesseits der Achtziger. Oder einfach der Griff in die verschämt versteckte Altkleidersammlung von Kakadus wie Hayzee Fantazee oder Sigue Sigue Sputnik und einigen Madonna-Inkarnationen.

Womit man dann auch beinahe schon bei der Musik wäre. Die wildert nämlich ähnlich geschmacksunsicher in allem, was bei drei immer noch damit beschäftigt war, Lipgloss und Lidschatten aufzutragen. Ausflüge in den Glamrock-Zoo mit gezielten Blicken auf die Spiders From Mars und Tyrannosaurus Rex. Wäscheklammerbewaffnete Exkursionen in Elton Johns Unterhosen. In Zellophanpapier gewickelte Gitarren. Kinderkeyboards zum Umhängen wie einst bei Thomas Anders. Drängelnde Synthi-Kaskaden, wie sie sich zuletzt Frankie Goes To Hollywood trauten. Und was genau sich Jake Shears wohl abgeschnitten hat, dürfte bei seiner durchschnittlichen Tonlage kaum schwer zu erraten sein.

Die Scissor Sisters stehen mit ihrem Bitte-ganz-viel-Disco-Revival-aber-unbedingt-alles-gleichzeitig für bombastische Eruptionen aus geschmolzenem Plastik. Elf anachronistische Hymnen für hormonell herausgeforderte Heranwachsende jeden Alters. "We knew all the answers / And we shouted them like anthems." Hier werden Protestsongs wie "Tits on the radio" noch schwülwarm vorgetragen. Mit Federboas, Fistelstimmen und verschmiertem Makeup. Das überfällige Coming Out "Take your mama" klimpert selbstverliebt wie einst Eltons "Rocket man". Und weil man gerade so hübsch aufgeregt ist, wird die Energie noch gleich für einen kurzen Blowjob auf dem Rücksitz genutzt. Selbst wenn die Musik längst nicht immer so wild ist, wie sie gern tun würde: Diese fünf Amis sind nicht weniger als ein Spektakel.

(Oliver Ding)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Take your mama
  • Comfortably numb
  • Tits on the radio
  • Filthy / Gorgeous

Tracklist

  1. Laura
  2. Take your mama out
  3. Comfortably numb
  4. Mary
  5. Lovers in the backseat
  6. Tits on the radio
  7. Filthy / Gorgeous
  8. Music is the victim
  9. Better luck
  10. It can't come quickly enough
  11. Return to Oz
Gesamtspielzeit: 42:55 min

Im Forum kommentieren

Bonzo

2020-04-27 14:06:14

Return to Oz ist ja ein Meisterwerk. Ich dachte zuerst, dass das ein Cover sein muss, so gut ist das.

Posthum

2019-08-07 14:54:33


Ich halte den Song "Laura", den ersten Scissors Sisters-Song überhaupt, für den unterbewertetsten Song der letzten 15 Jahre, und für einen der besten Popsongs nach dem Jahr 2000 überhaupt.

Jeremy Pascal

2012-07-18 20:48:40

"und dieser geile Gesang"
Der Gesang ist tendenziell eher fies, funktioniert auf diesem Album aber trotzdem ausgesprochen gut, auf allen anderen Alben von denen leider nicht...
"Return To Oz" halte ich wirklich für einen der tollsten Popsongs aller Zeiten.

captain kidd

2012-07-18 20:27:45

Richtig geile Scheibe.
Diese Synthies , diese Melodien und dieser geile Gesang!
Hammer!

Jeremy Pascal

2012-04-02 01:00:08

Eines der tollsten Pop-Alben überhaupt, trotz triefendem Schmalz und Pathos unglaublich gute Songs, auch wenn ich mit den Nachfolgern so gar nichts anfangen kann...

Laura 10/10
Take Your Mama 08/10
Comfortably Numb 09/10 (Bestes Pink Floyd-Cover ever)
Mary 07/10
Lovers In The Backseat 06/10
Tits On The Radio 06/10
Filthy/Gorgeous 08/10
Music Is The Victim 07/10
Better Luck Next Time 08/10
It Can't Come Quickly Enough 09/10
Return To Oz 10/10

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