Chat Pile - Who loves the sun

The Flenser
VÖ: 04.09.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Auf die Fresse ist umsonst

Schön ist's in "God's country". Sollte sich dieses auch noch auf einer "Cool world" befinden, umso besser. Denn was gibt's Besseres als sich dekorativ ins Stadtbild einfügende Panzer am Straßenrand, labyrinthische Umspannwerke nahe grauer Bahnhöfe oder verschlammte Provinznester mit vermutlich mehr Blei im Boden als im Waffenschrank des Durchschnitts-Amerikaners? Keine Frage: Chat Pile gehen auf ihren dreckverkrusteten Platten, die Sludge, Noise-Rock und Industrial in streng riechender Hochzeit vereinen, auch visuell stets dahin, wo es schon lange nicht mehr wehtut – das röchelnde Verschnaufen mit Americana-Avantgardist Hayden Pedigo auf "In the earth again" mal vorsichtig ausgenommen. Und bellte Raygun Busch zu Beginn von "Cool world" barsch "I am dog now", möchte man fast gar nicht wissen, mit welcher "Creature" er nun dieses Album eröffnet.

Dass "Who loves the sun" genauso heißt wie einer der flockigsten Songs von The Velvet Underground, kann dabei natürlich nur beißende Ironie sein. Auch wenn Busch im Opener zunächst mit einer erstaunlich dezenten Gesangsdarbietung verblüfft und ein neunminütiges, gegen Ende dröhnend in sich zusammenkrachendes Ungetüm wie "grimace_smoking_weed.jpg" erneut fehlt. Nach circa 90 Sekunden ist nämlich alles wieder beim Alten – siehe das aufgebrachte Gezeter und die beinahe locker schlackernden Indie-Rock-Anwandlungen von "Deep blue", die der Vierer aus Oklahoma City schon in Stücken wie "The mask" von der EP "Remove your skin please" oder "Shame" aufblitzen ließ. Und für alle, die unpassend angekumpelt zu werden fürchten, hat Busch die richtigen Worte parat: "Break my face and call me a friend." Auf die Fresse ist umsonst.

Der Rest ist ruinöse Brotmaschinen-Musik vor abgefackelten Einöden – landschaftlich wie emotional. Einen zwingenden Groove in ihren sperrigen Songbrachen lassen sich Chat Pile trotzdem nicht nehmen. Freilich nicht im Sinne schluffigen Kopfwackelns, sondern mittels stählerner Unerbittlichkeit, die an die Frühphase der Industrial-Metaller Pitch Shifter gemahnt. Besonders wenn Drummer Cap'n Ron sein Spiel maschinell potenziert, was vor allem aus dem grandiosen "PEN I S MALL" ein hämisches Lattenmessen im Stil des "Infotainment?"-Highlights "Bloodsweatsaliva" aus dem Jahr 1996 macht. Eingerahmt vom düster-bassigen "Same rules" und dem Heiß-kalt-Getöse von "Shrine", wo Gitarrist Luther Manhole seinem Instrument neben drakonischen Hieben auch ungewohnt sphärische Riffs entlockt. Herrlich unwägbar – und symptomatisch für dieses Album.

Denn auf "Who loves the sun" kann es genauso gut passieren, dass zu spitzfindigen Licks in das anfangs leidlich straighte "Intruder" weiblicher Background-Gesang platzt und sich das Stück zu einer Art Brüllsäusel-Psychedelia verpuppt. Auch das eingangs scheinbar handelsüblich durch den Schredder wandernde "Influence" gönnt sich verzögert einen triumphalen Mosh-Part und wühlt sich mit glühenden Stahlsaiten bis zum stichflammenartigen Verzweiflungs-Doom von "Family funeral" durch, den man glatt für einen Nachklapp der furchterregenden Kindstötungs-Moritat "Dallas beltway" halten könnte. Und ob sich Busch selbst glaubt, wenn er im verhuschten, nur diskret aufbegehrenden Finale "Everything will be fine / October all the time" versichert? Möglich, aber im Grunde auch egal: Dieses meisterhafte Bösewerk verbreitet zu jeder Jahreszeit gute schlechte Laune.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Deep blue
  • PEN I S MALL
  • Influence
  • Family funeral

Tracklist

  1. Creature
  2. Deep blue
  3. Same rules
  4. PEN I S MALL
  5. Shrine
  6. Intruder
  7. Christabel '26
  8. Influence
  9. Family funeral
  10. October all the time
Gesamtspielzeit: 43:47 min

Im Forum kommentieren

fakeboy

2026-09-11 11:32:33

Die Bewertung passt, aber der Text, meine Güte....

"Billo-Gitarren, Rumpelbass, ein Schlagzeug, das klingt wie die Drum Machine von Big Black, und ein Sänger, der rezitiert, flüstert, grölt und immer wieder mal schreit, als hinge sein Gemächt im Eierschneider."

Was sollen Billo-Gitarren sein? Und das mit dem Eierschneider, wtf...

Lesenswerter und deutlich gehaltvoller ist bspw. das, was Fantano dazu meint:

https://theneedledrop.com/album-reviews/chat-pile-who-loves-the-sun-album-review-xivxvpzewha/

MickHead

2026-09-11 11:08:42

Musikexpress 5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/chat-pile-who-loves-the-sun-review/

The MACHINA of God

2026-09-09 23:20:15

UT Connewitz bin ich dabei.

fakeboy

2026-09-09 23:19:22

Haha, ich hab ja MickHead, der sich ab und zu dazu gesellt :-)

Hierkannmanparken

2026-09-09 22:53:11

@fakeboy deine etwas einsame Rolle in Chat Pile-Threads erinnert mich an meine einsame Rolle in den Pile-Threads. ^^

Pen Is Mall ist beim ersten Hören auf jeden Fall hängengeblieben. Wie bei den vorigen Alben muss ich mich aber erstmal an den blechernen, knarzigen Sound gewöhnen, nicht ganz so meins.

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