Phoebe Bridgers - Lost weekend

Dead Oceans / Cargo
VÖ: 14.08.2026
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Nach dem Ende

Nach "Punisher" war Phoebe Bridgers überall und nirgends. Mit Boygenius gewann sie Grammys, spielte bei Taylor Swift, tauchte bei SZA und The National auf. Nur ihr eigenes Album ließ sechs Jahre auf sich warten. In dieser Zeit starb ihr Vater, eine Beziehung ging zu Ende, eine neue begann, und Bridgers zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. "Lost weekend" ist nun das Album, auf dem diese verlorene Zeit wieder auftaucht. Die erste Single "Lost boys" liefert den perfekten Einstieg. Ruhige Strophen, ein groovender Refrain, Bläser, Julien Baker und Lucy Dacus im Hintergrund: "Lost boys, never grow up, never grow old." Ein Ohrwurm aus dem Lehrbuch und die zugänglichste Tür in ein viel verschlungenes Gebäude.

"The governor's waltz" tänzelt im Dreivierteltakt über Fingerpicking und hallendes Klavier. Bridgers seziert in pointierten Bildern das Auseinanderbrechen einer Beziehung. Wer nun welche neue Freundin hat und wer wen ersetzt haben könnte, ist allerdings schnell weniger interessant als der Song selbst, da zwischen "I was the belle of the governor's ball" und "You promised that you'd never leave" eine viel universellere Geschichte steckt. Überhaupt scheint Bridgers auf "Lost weekend" weniger daran interessiert, Vergangenes abzuschütteln, als daran, es noch einmal von verschiedenen Seiten zu betrachten. Das Titelstück legt Bridgers' Stimme beinahe nackt über warme Ambientflächen und lässt gemeinsame Erinnerungen neben dem Scheitern stehen: "I loved you and you couldn't forgive me for that." Danach flirrt und kratzt die Musik, bis der Song in einen fast chaotischen Ausbruch kippt. Der Countrysong "Haunted" blickt ebenfalls zurück, zieht daraus aber eine andere Konsequenz. Zwischen Steel Guitar, Sprachwitz und ein paar Ibuprofen steht am Ende eine unsentimentale Selbstermächtigung: "I'm gonna put myself together / Either way."

Der zweite große Strang gilt Bridgers' Vater. Schon "The outside" blickt auf dessen Beerdigung, "Still standing" legt die Widersprüche frei: Häusliche Gewalt steht neben Trauer und einem beinahe verstörend zärtlichen "Thank you for everything." "I found her bleeding over the sink / But when you said sorry, you were looking at me", erinnert sich Bridgers an ihre Mutter. In "As above" fährt diese selbst ins Krankenhaus. Die Songs ergänzen einander, Erinnerungen bekommen neue Zusammenhänge. Und wenn in "Never going back" eine echte Sprachnachricht ihres Vaters erklingt, der um Rückruf bittet, ist die Vergangenheit zwar vorbei, aber alles andere als verschwunden.

Und dann ist da "Bobby". Die neue Liebe erscheint nicht als Belohnung nach überstandener Trauer, sondern körperlich, komisch und überwältigend lebendig. Über Rockgitarren und Banjo singt Bridgers vom gemeinsamen Alltag und vom Tanzen im Schlafzimmer: "This could be the end of wanting." "Liberty tree" setzt dem die fast entwaffnende Liebeserklärung "Don't die Bobby before I die / It feels so good to have you in my life" entgegen, nur um danach in Drone und Geräuschen zu implodieren. In "I can't wait" wird daraus schließlich ein Bild für die eigene Identität: "Hyde Jekyll Hyde / Finally together." Zwei Seiten, die nicht länger gegeneinander ausgespielt werden müssen.

Genau darin liegt die Kunst von "Lost weekend". Die Songs antworten einander, Erinnerungen tauchen anderswo wieder auf, alte Liebe steht neben neuer. "The past is looking brighter all the time", heißt es in "Liberty tree". Trotz Tony Berg, Ethan Gruska, Jack Antonoff, Alex G und Bridgers selbst an den Reglern klingt auch die Produktion wie aus einem Guss. Intimität, Entfremdung und Euphorie bekommen ihre eigene Form, Ausbrüche und abrupte Abbrüche wirken nie wie Gimmicks. Auch "Lost weekend (reprise)" ist mehr als ein obligatorischer Nachsatz. Über Orgel und ätherischen Stimmen bringt Bridgers dort die verschiedenen Fäden zusammen: "He's not coming back", heißt es über den Vater, aber "I still live by the things he taught me". Die alte und die neue Liebe, der Tod des Vaters und die eigene Abwesenheit aus der Öffentlichkeit finden in diesem letzten Song zusammen.

Auf "Punisher" schloss "I know the end" mit der großen Endzeitfantasie. "Lost weekend" erzählt gewissermaßen davon, was danach passiert. Nicht vom Weltuntergang, sondern von dem komplizierteren Teil: vom Weiterleben, Erinnern, Verzeihen, Verlieben und Erwachsenwerden. Bridgers versucht nicht mehr, ihre widersprüchlichen Erfahrungen gegeneinander aufzurechnen. Sie bringt sie zusammen. Jekyll und Hyde endlich vereint. Und plötzlich ergibt auch der Rückzug der vergangenen Jahre einen anderen Sinn: Manchmal muss man verschwinden, um herauszufinden, was von einem übrig bleibt, wenn man wieder auftaucht.

(Michael Albl)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Lost boys
  • Lost weekend
  • Haunted
  • Still standing
  • Lost weekend (reprise)

Tracklist

  1. The outside
  2. Lost boys
  3. Kill me
  4. The governor's waltz
  5. Bobby
  6. Lost weekend
  7. Haunted
  8. Panorama
  9. Still standing
  10. Liberty tree
  11. Never going back!
  12. Other plans
  13. Lost parade
  14. I can't wait
  15. As above
  16. Lost weekend (reprise)
Gesamtspielzeit: 52:46 min

Im Forum kommentieren

Obrac

2026-08-27 17:04:20

Ach so, ich dachte, die Band heiße Sausalito.

Arne L.

2026-08-27 16:57:24

Also der Song von Conor Oberst ist richtig doll countryesk. War einen Versuch wert!

Obrac

2026-08-27 16:53:25

Sausalito kenne ich nicht. Ich bin der Meinung, dass es auch irgendein countryesker Act oder was Folkiges sein muss.

Arne L.

2026-08-27 16:46:00

Reddit sagt:

The main melody in Haunted off Phoebe’s new album is very reminiscent of Sausalito.

“I’m off to see an old friend
We’re gonna get on the road again
I’ll be waving from the plane”

Is very similar melodically to Sausalito’s verse (including the first three lines of the song, but also check the downward-moving variation in “All of creation makes a sound too soft to hear”).

Anyways, that’s the post! Love both songs and artists.

Wanted to make this post partially because I bet a lot of listeners are wracking their brain trying to figure out which Bright Eyes or Conor Oberst song Haunted reminds them of.

Obrac

2026-08-27 16:43:40

Unangemeldeter
Haunted mein zweites großes Lowlight nach Bobby. Bin immer noch nicht drauf gekommen woher ich diese Melodie kenne - aber vielleicht ist die einfach recht universell.


Ich bin jetzt extra in diesen Thread gekommen, um zu fragen, von wem das ein Cover ist. Ich bin mir irgendwie sicher, das Lied schon mal woanders gehört zu haben. Als Komponistinnen und Komponisten sind aber Bridgers und ihr Songwriting-Team aufgeführt.

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