Westside Cowboy - It goes on
Island / UniversalVÖ: 21.08.2026
Who put the C in Manchester?
Eines der ästhetisch wertvollsten Stilmittel beim Schreiben von Kritiken ist das Oxymoron, wortwörtlich zu übersetzen mit "scharfsinnig-stumpfsinnig": Eine Verbindung von Wörtern, die sich eigentlich widersprechen. Zum Beispiel "English summer". Das wäre aber vermutlich die kürzeste Beschreibung dessen, was die vier Mancunians von Westside Cowboy auf ihrem Debütalbum "It goes on" verewigen. Während man sich nach den ersten Höreindrücken zunächst mit einer instrumentell weniger aufgeplusterten und im Allgemeinen besser gelaunten Version von Arcade Fire in ihrer Phase zwischen "Neon bible" bis "The suburbs" konfrontiert sieht, entfaltet sich der Sound von Westside Cowboy mit jeder weiteren Wiederholung ein Stückchen mehr in Richtung Americana und legt somit eher früher als später den Arm um die Schultern der Hörerschaft. Die Band versteht ihre Musik eindeutig nicht als Dienstleistung für andere, sondern als Mittel zum Zusammenhalt. Ein bisschen wie die zu wenig gelobten Nachbarn, die diverse Tüten Brötchen zur Grillparty mitbringen. Und diese Wärme und Offenheit machte Westside Cowboy, um das Stilmittel erneut zu bemühen, eigentlich schon als Support-Act auf der (zu Recht) gefeierten Europa-Tour vom letztjährigen Indie-Darling Geese zu einem offenen Geheimnis.
Alle vier Bandmitglieder nehmen im Verlauf des Albums mehr oder weniger große Gesangsparts ein, die dann meistens im Verlauf der Stücke kanonisch überlagert werden. Das gibt dem Bandsound durch das Stimmengewirr zum einen naturgemäß Dichte, zeitgleich aber eben auch eine spontane Leichtigkeit durch den zwanglosen Jam-Session-Charakter. Der Auftakt "Kick stones (The boys)" zeigt als eine Art Mini-Exposition, wie das Album im Gesamtverlauf dramaturgisch funktioniert und gehört eigentlich in jede einzelne Pub-Playlist dies- und jenseits des United Kingdom. Insbesondere die weiblichen Gesangsparts von Aoife Anson O'Connell sind besonders lobend herauszuheben – nicht wegen ihrer Virtuosität oder besonderen Raffinesse, sondern gerade wegen der überraschenden Selbstverständlichkeit, dass eine raue Stimmlage eben nicht tief gesungen werden muss und gerade in diesem Spannungsverhältnis ganz viel Nahbarkeit steckt, die einen direkt vereinnahmt.
"It goes on" ist daher wahrlich nichts für Puristen. Das ganze Album zieht, exemplarisch erläutert an den Stücken "Worried age" oder auch "Coyote", seine Energie aus der blanken Spielfreude ihrer Interpret*innen. In elektrische Energie umgewandelt, ließe sich die Stromversorgung einer nordbritischen Großstadt jedoch gewiss sicherstellen. Man kann die Intonationsfehler und teilweise verrutschten Gitarren-Strums schon noch nachvollziehen, wenn man in der gebündelten Lautstärke danach Ausschau hält. Aber wer das tut, dem ist das Wesentliche dieser Erfahrung dann auch einfach entgangen. Zeilen wie "The rocks here have grown hands" aus "Coyote" so zu singen, dass sie trotz ihrer "teenage angstiness" eben nicht peinlich, sondern schulterzuckend und milde lächelnd wirken, das kann und wird man als Stimmtrainer*in niemandem beibringen. Doch Momente wie dieser beweisen nicht weniger als die Existenz eines richtigen Lebens im Falschen. Oder, um der Band selbst das Fazit zu geben: "If you ever find out what happened to me / Hold on to that thought / That person has gone."
Highlights & Tracklist
Highlights
- Kick stones (The boys)
- Well done kid, you did it
- Worried age
- Coyote
Tracklist
- Kick stones (The boys)
- Paper chains
- Dobro
- Well done kid, you did it
- Worried age
- Big wheels
- Pin up boys
- Coyote
- Patchwork
- Take my leaving as I love you
- You could have died there on the dancefloor
Im Forum kommentieren
HerrH.
2026-09-03 08:35:06
Aktuelles Morgen ritual, wenn ich den Rechner hochfahre: Schauen, von welchem Album ich mich jetzt sanft selbst hochfahren lasse - und eh wieder bei westside cowboy landen.
Bis Coyote nagt es an einer 9/10, danach verlieren sie mich aktuell aber...
Und ich habe (bis jetzt) noch keinen Gänsehautsong wie "Shells" von der ersten EP.
Live in Köln an einem Freitag? Hmmm...
MickHead
2026-08-28 11:47:18
Gaesteliste.de
https://gaesteliste.de/2026/08/28/review/westside-cowboy-it-goes-on/
kingsuede
2026-08-26 22:20:46
Eine sehr schöne Entdeckung durch radioeins und auch durch die äußerst gelungene Rezension hier, leider mit etwas irreführenden Referenzen.
maxlivno
2026-08-25 22:45:39
hab sie live als Vorband von BC,NR gesehen und fand sie besser als den Hauptact :D "Kick Stones" und "Pin Up Boys" spielten sie damals auch live und finde beide live nochmal besser als auf dem Album. Haben nochmal mehr Wucht.
Album hör ich bei ner 8.5/10
joseon
2026-08-24 17:49:39
Sehr. Hier mal aus dem anderen Thread beiden kommenden Deutschlandtermine:
30.10.2026 Köln, Helios 37
06.11.2026 Berlin, Lido
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