Mary In The Junkyard - Role model hermit

AMF
VÖ: 03.07.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Magischer Eskapismus

Experimentelle Bands schießen im Vereinigten Königreich gerade wie bunte Pilze aus grauem Boden, ob jetzt in der Londoner Windmill-Bubble oder anderen Talentschmieden. Westside Cowboy, die kürzlich mit Geese auf Tour waren, bringen sich noch in Stellung, Man/Woman/Chainsaw haben mit "Cannonball" ihr entzückend-freidrehendes, gigantisches Debüt bereits unter die Leute gebracht. Mary In The Junkyard und ihr erstes Album "Role model hermit" gehören in dieselbe Riege junger britischer Musiker*innen, die eine sehr eigenwillige künstlerische Identität an den Tag legen und ein klassisches Rock-Setup dabei genauso biegen und verdrehen, wie sie es für deren Ausdruck benötigen. Art-Rock? Post-Punk, gar Crank Wave? Im Falle des Londoner Trios jedenfalls auch eine Menge verschrobener Folk, knuffiger Twee-Pop und derart windschiefer Indie-Rock, dass man kaum glauben mag, dass die Bandmitglieder bei der Auflösung von Sonic Youth noch in der Grundschule waren. Zentrum dieses herausragenden ersten Langspielers ist Sängerin und Gitarristin Clari Freeman-Taylor, die stimmlich irgendwo zwischen einer jugendlichen Adrianne Lenker und einem unschuldigen Kind agiert. Klingt seltsam? Ist es. Und unglaublich faszinierend.

Denn Mary In The Junkyard zeichnen sich außerdem durch abstrakte, sprachlich teils recht ungewöhnliche Bilder aus, welche die einnehmende Atmosphäre des Albums noch verstärken. "You open up like a coconut", metaphert Freeman-Taylor in "Crash landing", während außerweltliche Seufzer durch schwebende Orgelschwaden ziehen. Mitreißender könnte ein modernes Update von Radioheads "How to disappear completely" kaum ausfallen. Die Gitarrenspur von "Blood" weckt derweil Erinnerungen an Midwest-Emo und Math-Rock, lässt aber genügend Raum für ein sphärisches Öffnen des Songs, das die 22-Jährige mit treffenden Worten füllt: "There is nothing to see here / Except sweetness." Auch (noch) schrägere Stücke wie das nervöse "Seek and destroy" (kein Metallica-Cover) brechen dabei selten aus, sondern richten sich bequem in ihrem ganz eigenen, verschlurften Mikrokosmos ein. Vielleicht ist diese Wunderlichkeit auch der einzige Weg, den zunehmend schlechten Nachrichten zu begegnen, mit denen sich die Gen Z konfrontiert sieht: "I'm holding my body like it is a baby / It's all I can do not to cry / This world is too much for me, I'm just a baby / It's all I can do to stay alive." Rückzug statt Rebellion – ganz so, wie es der Albumtitel verspricht.

Immer wieder flechten die Künstler*innen kammermusikalische Passagen ein, und dass sie die Pop-Ambitionen mancher Kolleg*innen nicht teilen, wird schon zum Auftakt klar, wenn das Schlagzeug im zarten Herantasten "Mantra III" fröhlich am Song vorbeispielt. "It is yours, babe / You deserve it", dessen einziger Text, kann auf verschiedene Weisen interpretiert werden. Wovon singt Freeman-Taylor denn bloß? In "Welcome break" mutmaßlich von der Begegnung mit Gott im Gestrüpp – oder ist es doch ein wildes Tier? Und von dem großen schwarzen Hund, der gemeinhin als Symbol für Depressionen verstanden wird und dem Mary In The Junkyard den simplen Namen "Peter" geben. Um ihm damit seine Macht zu nehmen? Im Hit "New muscles", welcher ohne Gitarren auskommt und sich gänzlich auf einem Fundament aus brodelndem Bass, wilder Percussion und Cello entfaltet, geht die Engländerin ins Gym und verpackt es in einen Essay über Selbstbehauptung und den Mut zur Veränderung: "I've spent so long in my cocoon / And now I'm fully formed."

Kinder, denen für ihr Alter besondere Weisheit und Erwachsenengehabe attestiert werden, nennt man im Englischen gern mal "old soul" – was bestimmt auch manchmal bloß ein Euphemismus dafür ist, dass sie ein bisschen merkwürdig sind. Bei Mary In The Junkyard handelt es sich vielleicht um die "old souls" im aktuellen Gen-Z-Art-Rock-Brit-Zirkus. Deren Talent sich am Ende noch einmal besonders deutlich zeigt: Das Folk-Epos "Thou shalt sprout" begeistert mit hochmorbidem Storytelling und melodischer Raffinesse, sodass es sich genauso gut um ein seit Jahrhunderten überliefertes Traditional handeln könnte. Very British, very brave. Und mit "Mouse" folgt der krönende Abschluss, der gleichzeitig herzzerreißend intim daherkommt sowie große Streicherauftritte zulässt. "Role model hermit" ist introvertiert und schräg, aber auch voller kleiner Momente, die nicht von dieser Welt scheinen. Bleibt zu hoffen, dass die Musiker*innen ihrem Idol, dem Eremiten, nicht vollständig nacheifern werden – und man sie für den Nachfolger nicht erst in den undurchdringlichen Wäldern Englands suchen gehen muss.

(Ralf Hoff)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Seek and destroy
  • New muscles
  • Crash landing
  • Thou shalt sprout
  • Mouse

Tracklist

  1. Mantra III
  2. Blood
  3. Seek and destroy
  4. New muscles
  5. Myrtle
  6. Peter the dog
  7. Crash landing
  8. Welcome break
  9. Candelabra
  10. Thou shalt sprout
  11. Mouse
Gesamtspielzeit: 45:10 min

Im Forum kommentieren

nörtz

2026-09-08 17:29:58

Weil meine Links immer automatisch zu YouTube-Videos werden, weil ich hier als News-Scout registriert bin. Um die Videos zu sehen, musst du, beim Aufrufen der Website, alle Cookies erlauben.

Oder such bei YouTube nach "mary in the junkyard - this is my california (Live on KEXP)".

Gallants22

2026-09-08 15:56:16

Nur das dein Link vom 24er Song auf meinem Bildschirm nicht erscheint.

nörtz

2026-09-08 15:53:16

Wie meinen? Der ist aus 2024. Bin nur über deren alte Sachen gestolpert.

Gallants22

2026-09-08 15:28:34

?

nörtz

2026-09-08 15:26:05

Der hier ist aber auch sehr toll:

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum