Lambchop - Punching the clown

City Slang / Rough Trade / GoodToGo
VÖ: 21.08.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Samtfäuste für ein Halleluja

Kurt Wagner hatte einen Plan. So wie immer, wenn Lambchop ein neues Album veröffentlichen – denn auch nach 33-jährigem Bestehen ruhen sich die US-Amerikaner nicht auf ihrem bisherigen Schaffen aus, sondern probieren mit jedem Werk etwas Neues. Die Idee für "Punching the clown" entstand, als Wagner einen ihm unbekannten Song zwischen Folk, Country und Gospel im Autoradio hörte und von dessen Einfachheit fasziniert war. Bei seiner Recherche stieß er auf das "Lining out": eine im 19. Jahrhundert in Schottland entwickelte Liedform, bei der ein Vorsänger eine simple Melodie mit Text anstimmt und die Kirchengemeinde diese wiederholt. Lambchops 17. Platte möchte diesen Spirit in die Gegenwart transferieren, weswegen sie ein extrem reduziertes Line-Up auffährt: neben Wagner nur Andrew Broder an der Gitarre, Justin Vernon (ja, der) am Banjo und zwei von Blake Morgan geleitete Chöre. Das Resultat ist schön, einnehmend und eigen, insgesamt aber auch ein wenig zu gleichförmig, um mit den größten Meisterwerken der Band mithalten zu können.

"I'm a human calculator / And I never make mistakes / And I've been smoking / Like a Russian cosmonaut." Schon die Eröffnungszeilen von "Just west of Nicollet" beweisen, dass Wagners Lyrics auch in einem so friedlichen Kontext nichts von ihrer Kauzigkeit einbüßen. Mit einem dynamischen Chor-Arrangement und dezenter Drehleier-Unterstützung überzeugt der Song allerdings auch musikalisch und zeigt, dass sich hinter dem Minimalismus des Albums Detailtiefe und maßvolle Richtungswechsel verbergen. Laden Lambchop hier noch dazu ein, mit ihnen am Kamin zu sitzen, gerät der folgende Track weniger zugänglich: "A doctor in the house" lässt eine seiner Stimmen mit unheimlicher Verzerrung durchs Haus gespenstern, während die Saiten mit einer morbiden Dringlichkeit zittern. Die Single "Weakened" verjagt die Kälte jedoch schnell wieder, setzt perkussive Akzente mit Kastagnetten und treibt die Chöre zu einer raumfüllenden Klimax im Schlussdrittel an.

Nun haben Lambchop noch nie sonderlich tanzbare Musik gemacht, doch auf "Punching the clown" fehlt der rhythmische Aspekt völlig. Dass es hier dennoch auch lebendig und beweglich zugehen kann, demonstriert etwa der Lagerfeuer-Folk von "Stella", der zum beschwingten Herumhüpfen anstachelt. "White people" formt wiederum den Stillstand zu seinem Wesenskern, wenn das Stück die Stimmen wie eine Mauer hochzieht und mit seiner abweisenden Laut-Leise-Struktur die kantigen Lyrics spiegelt. "Hey you / With that curly bush on your head / Gonna fuck in your driveway, baby / With a neutron bomb", keift Wagner hier durchaus aggressiv, ehe er später noch dazu anregt, sich von den "six millions ways to die" einen auszusuchen. Neben der Eigenart des Frontmanns mit dem unverkennbaren Gesang hinterlässt auch Produzent Ryan Olson markante Spuren, indem er die einzelnen Teile zu bunten Fresken zusammensetzt und so besonders das famose "The new world wave" in eine kleine Hymne verwandelt.

Unter Olsons Aufsicht gibt es zwar keine Elektro-Spielereien, Jazz-Anlehnungen und Rock-Ausbrüche mehr, aber dafür der Platte angemessene kleinere Verschiebungen. So bringt "Cigar" für seinen "Here's to the health of the migrant worker"-Trinkspruch das sonst absente Piano zurück, während "Andrew Jackson asshat" kurz die Chöre freidrehen lässt – natürlich im maßvollen Rahmen, schließlich zieht sich "Punching the clown" höchstens die Boxhandschuhe aus Samt an. Zum Abschluss zählt das wundervolle "No Chicago" Städte auf, die nicht Chicago sind, bevor der zuvor stumme Wagner den Song alleine zu einem Fake-Ende führt – nur damit die Chöre in ihrer puren sakralen Erhabenheit doch das letzte Wort haben. Lambchop huldigen der Jahrhunderte alten Vergangenheit, bleiben in ihrer künstlerischen Charakterstärke aber unbeirrt vorwärtsgewandt. Etwas anderes war auch nie der Plan.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Just west of Nicollet
  • The new world wave
  • No Chicago

Tracklist

  1. Just west of Nicollet
  2. A doctor in the house
  3. Weakened
  4. Stella
  5. Punching the clown
  6. White people
  7. The new world wave
  8. Andrew Jackson asshat
  9. Afterburner
  10. Cigar
  11. To do
  12. No Chicago
Gesamtspielzeit: 47:55 min

Im Forum kommentieren

Lucas mit K

2026-08-31 18:13:24

Find’s mittlerweile auch als Ganzes sehr schön. Die Chöre sind einfach fantastisch. „To Do“ richtig guter Song für die nächste Beerdigung.

Unangemeldeter

2026-08-31 09:14:35

Ach, FLOTUS fand ich damals auch super. Es wurde nur auch schnell alt und konnte die Faszination für mich nicht über mehrere Alben halten. Und dass er dann live nur Songs aus dieser Phase gespielt hat war auch sad.

Loketrourak

2026-08-30 18:32:26

Eine sehr schöne Platte. Und ja, ich hatte mir damals eingebildet, die elektronischen Mätzchen und Autotune sind super, um ausgetretene Soundpfade zu verlassen. Habe mich wohl geirrt.

The MACHINA of God

2026-08-29 16:30:16

Haha ich hab grad Karlsruhe gehört und wollte es hier schrieben und nun sehe ich, dass das auch andere beschäftigt. :D

Unangemeldeter

2026-08-28 16:23:46

Wieso ausgerechnet? Karlsruhe ist doch auf fast aggressive Art nicht Chicago. (-:

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