Bibiza - Rocknrollstar
Four / SonyVÖ: 31.07.2026
Soda, Schmäh & Rock'n'Roll
Die Ärzte wussten schon immer, dass der Rock die Welt regiert. Zumindest wird er gerade wieder gern hervorgeholt: Bei Beyoncé wird über eine mögliche Rock-Platte spekuliert, Charli XCX nannte Vorabsingle und Opener ihres jüngsten Albums gleich "Rock music", und nun erklärt auch Bibiza den "Rocknrollstar" zur nächsten Entwicklungsstufe. Ganz revolutionär ist das freilich nicht. Schon "Wiener Schickeria" und "Bis einer weint" verbanden Rap, Beats und Wiener Schmäh gelegentlich mit Gitarren und dem Sound von Bibizas Liveband. Jetzt wird der Verstärker eben etwas weiter aufgedreht. Ohnehin meint Rock'n'Roll hier weniger ein Genre als eine Haltung. Denn dies ist kein klassisches Rockalbum, sondern eines über die Idee vom Rockstar: Größenwahn, Exzess und die Frage, was davon übrig bleibt, wenn man jeden Mythos gleich selbst wieder dekonstruiert.
"Baby schau mich an, ich bin ein Rock'n'Roll-Star", singt Bibiza im Titelstück und Opener und phrasiert die Zeile hörbar in Richtung Oasis. Während für die Gallaghers "Tonight / I'm a rock 'n' roll star" 1994 noch reine Beschwörung war, ist Franz Bibiza längst mittendrin: um sechs ins Bett, um drei wieder aufstehen, ausverkaufte Shows, Drogen, Sex und Frauen sowieso. Über ein herrlich rotziges Garage-Rock-Riff hetzt er in "Frank" François, Francisco oder Franco einmal um den Globus, immer auf der Suche nach der nächsten Bühne, der nächsten Party und dem nächsten Klischee. Das ist so überdreht, dass der Song gar nicht erst versucht, Authentizität vorzutäuschen, sondern direkt die Pose feiert. Danach erinnert "Meine Manie" mit Funkbass, Synthieflächen und Bilderbuch-Nähe daran, dass Bibiza seine bisherigen Mittel keineswegs entsorgt hat. "Meine Manie macht Money", behauptet er, während das Handy vergeblich klingelt, der Kopf "ratatata" macht und ein Kokswitz vorsichtshalber mit einem "Spaß, Spaß" zurückgenommen wird.
Die Sehnsucht nach Unerreichbarkeit entwickelt sich zum roten Faden. In "Sterne" stresst die Freundin am Telefon, während der Künstler doch im Flugzeug Wodka Wellness schlürft. "Unterwegs" verbindet einen hektischen Beat mit einem Vocoder-Refrain in der Nachbarschaft von Daft Punk und Kanye West: "Ich bin nicht erreichbar, ich bin high up in the sky." Dass es nebenbei schneit und Kolumbien erwähnt wird, macht die Doppeldeutigkeit nicht eben subtil. Am besten groovt "Call my manager!". Im Intro gibt es Atemübungen, und natürlich ignoriert Bibiza auch hier die nächste Message, weil er gerade bei der Massage liegt und drei Tage Meer braucht. Der moderne Social-Media-Rockstar wird permanent kontaktiert und träumt vor allem davon, einmal nicht ranzugehen.
Zuverlässig macht der Wiener auf dicke Hose und lässt sie im nächsten Moment wieder runter. "Hotel Imperial" suhlt sich in schwüler Soul-Erotik. Whiskey on the rocks, Luxussuite, wilde Fantasien: "schwarz-weiße Schachbrettfliesen, darf ich Dich übers Schachbrett biegen?" Dann muss Bibiza aber doch lamentieren: "Already naked bis auf die socks / But socks? / No sex in socks!" D'Angelo wäre das nicht passiert. "Soda Zitron" hat Summerhit-Qualitäten, Italo-Pop-Einschlag und damit etwas von einem schrägen Austropop-Urlaubs-Hit. Nach Jetset und Hotelsuite sitzt Franz da verkatert im Wiener Kaffeehaus und beschließt: "Nie wieder Cola, nur noch Soda." Noch gründlicher räumt der Ohrwurm "Schnapsidee" auf. Leber panieren, Lunge asphaltieren, drei Tage nicht schlafen und anschließend auf der Wache diskutieren. Der Frauenchor fällt sein Urteil hart, aber fair: "Franz, das war eine Schnapsidee."
Nicht jede Nummer findet eine ähnlich zwingende Form. "Oh Ah Eh *_*" ist ein hochglanzpolierter R&B-Liebessong mit gerappten Strophen und souligem Refrain, arg radiotauglich und gerade deshalb etwas charakterarm. Auch anderswo ist die Attitüde bisweilen größer als der Song. Dafür erinnern die verzerrten Gitarren von "Wenn Du am Boden bist" mit feinem College-Rock an den Albumtitel und mahnen überraschend ironiefrei vor der Ausflucht in den Rausch, "denn wenn Du nüchtern bist, ist alles wie zuvor". Den stärksten musikalischen Eindruck hinterlässt der Abschluss. "Für immer oder nicht" groovt funky in Richtung Bowie und Prince. "Ich suche eine Lösung, aber keine macht Bock" ist ein nachvollziehbares Dilemma, und die Unsicherheit ist letztlich die einzige Konstante: "Eines bleibt stets gewiss, wir beide, für immer oder nicht." Es ist ein passendes Ende für ein Album, das ständig zwischen Selbstüberschätzung und Ungewissheit pendelt. Der Rock'n'Roll-Star Bibiza nimmt für einen Moment die Sonnenbrille ab. Für immer? Eher nicht.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Call my manager!
- Schnapsidee
- Für immer oder nicht
Tracklist
- Rocknrollstar
- Frank
- Meine Manie
- Sterne
- Unterwegs
- Call my manager!
- Hotel Imperial
- Du schaust gut aus!
- Soda Zitron
- Schnapsidee
- Wenn Du am Boden bist
- Oh Ah Eh *_*
- Für immer oder nicht
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Francois
2026-08-11 15:20:38
Gute Rezi und die 6 geht auch in Ordnung.
Kann nicht ganz mit Wiener Schickeria mithalten. Das war einfach ein Top Album zur richtigen Zeit und begeistert immer noch.
Man hat den Eindruck, dass sich vieles hier wiederholt - bzw. ist der Überraschungseffekt nicht mehr voll da
Armin
2026-08-10 21:10:01- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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