The Afghan Whigs - Soft control

BMG / Universal
VÖ: 21.08.2026
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Ein Herz und alte Seele

Nanu? Was schleppt sich denn da so behäbig und unförmig in die Boxen rein? The Afghan Whigs sollen doch nicht auf ihrem zehnten Album "Soft control" dem bösen Wort "Altherrenrock" noch gerecht werden? Der Opener "Jungle Roux" rifft erst mal zäh vor sich hin, Frontmann Greg Dulli quetscht seine leidenschaftlichen Vocals nicht ganz ohne Mühe darüber. Sicher keiner der besseren Songs der Truppe aus Ohio, aber wenn die Gospel-Vocals im Refrain die nötige Packung Soul reinbringen, verstehen wir uns wieder. Und trotz eines wirklich deplatzierten Fadeouts macht das Ding seinen Job als Startrampe einigermaßen solide. Muss es eben das folgende, wirklich schmissige "House of I" richten, den seltsamen Beigeschmack des Artworks vollends wegzuwischen – nach sonst so treffsicheren und schönen Motiven wirkt diese allzu künstliche, in Rosa getauchte Szenerie wie KI-generiert. Daran denkt man aber sowieso nicht mehr, wenn Dulli aufheult: "What is lost is never found / When your lover comes around / I'm on fire, baby, please be too / Burn your house down just for you."

Tatsächlich sei "Soft control" dem Altern gewidmet, über das ein gewisser David Bowie mal sagte: "Aging is an extraordinary process where you become the person you always should have been." Man widerspricht dem seligen Bowie nur ungern, aber angesichts einiger betagter Männer, welche die Welt gerade unter sich aufteilen, erscheint diese Sichtweise doch reichlich naiv. Mit Weltpolitik hat "Soft control" aber sowieso herzlich wenig zu tun, es ist ja viel zu sehr damit beschäftigt, seine Seele mit Inbrunst und Pathos hinauszuspeien. The Afghan Whigs verändern sich stilistisch nicht mehr, höchstens sind sie etwas gesetzter geworden. "House of I" ist der einzige echte Radaubruder, und die hübsche Produktion ist Gott sei Dank auch weitaus weniger überdreht als auf dem stellenweise unhörbar kaputtgepressten Vorgänger "How do you burn?". Ansonsten vermengen sich Rock, Blues und Soul wie eh und je zur unverkennbaren Melange.

Mal rauscht ein Song wie das poppige "My lover" mit einer herrlichen Shoegaze-Note durchs Ohr, kurz danach gibt "The deepest part of the darkest shadow" die ganz große Balladengeste. Pathos-Allergiker sind bei der Band ja ohnehin verkehrt. Auch das akustisch beginnende "Mariah Luster" findet zunächst schön dumpf-verstimmte Bläser, bevor es mit einem halben Orchester an Fahrt aufnimmt. "I love this turning into / Inside, waiting for the truth." In der zweiten Hälfte wirkt es ohnehin beinahe so, als wolle das Quintett absichtlich jedem Song ein spezifisches Element geben: die Mundharmonika von "Memphis, Texas" oder der idyllisch tröpfelnde Synth von "77" beispielsweise. Das hilft aber nicht immer, das dort doch recht behäbige Songwriting dahinter aufzufangen. "Loose talk" hat eine nette Hook, aber auch nichts, was man von The Afghan Whigs nicht schon besser gehört hätte. Auch "A simulation" streckt sich nach einem kleinen Ambient-Intro gen Himmel und überzeugt durch schiere Willenskraft – bringt aber eben nicht genug für die erste Riege auf den Tisch.

Dahin gehört jedoch ganz klar "Duvateen", der mit Abstand beste Song der Platte, ein wahres Juwel. Hinter dem Titel verbirgt sich ein Stoff, der an Filmsets die Beleuchtung dimmt und ungewünschte Reflexionen verhindert. In Dullis Augen ist er die Metapher für die Abgründe im Leben, die stets links und rechts warten. Nach sensiblem Beginn steigert sich das Stück in einen fantastischen Rausch, in dem Dulli nur noch "All because of me / What's it gonna be?" als Mantra wiederholt. Sie können es noch, die großen Gesten auch in große Kompositionen zu überführen. Somit verbucht "Soft control" letztlich klar mehr auf der Habenseite – und dass es in der Diskografie weiter hinten landet, spricht für die Konstanz, welche die Band seit fast vier Jahrzehnten an den Tag legt. "I was lost but now I'm in it / 'Cause I forged the resume." Ach, was. Das haben sie nie nötig gehabt.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • House of I
  • Duvateen
  • Mariah Luster

Tracklist

  1. Jungle Roux
  2. House of I
  3. Duvateen
  4. My lover
  5. The deepest part of the darkest shadow
  6. Mariah Luster
  7. Memphis, Texas
  8. 77
  9. Loose talk
  10. A simulation
Gesamtspielzeit: 36:52 min

Im Forum kommentieren

Grizzly Adams

2026-09-03 17:58:38

Ich würde mittlerweile eine 7/10 geben.

The MACHINA of God

2026-09-02 14:26:19

Geht mir ähnlich. "Duvateen" ist schön, ansonsten ist da fast alles der letzten drei Alben irgendwie spannender.

Robert G. Blume

2026-09-02 12:33:37

Blind vorbestellt, aber leider begeistert mich das Album weniger als seine drei Vorgänger. Da ist doch das meiste sehr viel Dulli by numbers, was er in dieser Form bereits besser abgeliefert hat.

embele09

2026-08-23 13:08:57

Mich holt es nach erstmaligem Hören leider nicht so ab, wie die beiden Vorgänger...
Muss ich nochmal hören, vielleicht setzt es sich ja doch noch fester...

Grizzly Adams

2026-08-22 19:53:42

Und ein Gruß an @Felix Heinecker: Deine Rezi trifft das Album ziemlich gut. Nicht mehr so strahlend und leuchtend wie vor 20-30 Jahren, aber immer noch weit weg von egal für meinen Geschmack. Ein paar Töne weniger Soft Control hätten dem Album vielleicht einige Kanten mehr reingeschliffen.

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