The Strokes - Reality awaits
RCA / SonyVÖ: 24.07.2026
Halb so wild
Trubel um des Trubels Willen? Passt in unsere Zeit, in der bloße Meinungsverschiedenheiten unmenschliche Hasstirarden hervorrufen, in der das Schlechte Millionen Klicks und Likes generiert und diverse Untergangserzählungen Stimmung machen wie Stimmen bringen. Eine Zeit, in der The Strokes ihr neues Album "Reality awaits" nennen. Zynismus? Können Sie. In jedem Fall erscheinen der Trubel innerhalb der Fanbase und die Kritik so manch bekannten Reviewers an den Vorboten des siebten Studiowerks der Kultband ein wenig hochgejazzt. Aufruhr, weil Julian Casablancas im etwas schläfrig plätschernden "Falling out of love" einen Stimmverzerrer vor sein lethargisch nölendes Organ packt. Im Ernst? Jeder, der The Strokes halbwegs verfolgt, dürfte verneinen, dass hier der Knicks vor dem popkulturellen Zeitgeist erfolgt. Ob's gefällt oder nicht? Da gibt's kein Konsensgebot. Zumal wenn der Stimmeffekt, wie in diesem Stück, keinen wirklichen Mehrwert bringt.
Was der Rezensent nach etlichen Dates mit dieser Platte allerdings vorwegnehmen mag: Der schlurfige, schwammige und am Ende doch feinsinnige Charakter von "Falling out of love" ist durchaus repräsentativ für das gesamte Album. Kritischen Stimmen den Teppich auslegen möchte zunächst die berühmte Messlatte, mit der angesichts des wunderbaren Vorgängers "The new abnormal" Maß genommen wird. Albert Hammond Jr. indes juckt der Vergleich wenig. Nicht verwunderlich schwört der Gitarrist auf die gern gepredigte Weiterentwicklung und hört das beste The-Strokes-Album, das er sich vorstellen könne. Und wir? Nun, im vollverglasten Plattentests.de-Redaktionsgebäude schienen zwei Tage vor Release, jenem Abend, an dem der Vorab-Stream endlich eintrudelte, einige Schreiber*innen freiwillig Überstunden machen zu wollen. Wozu? Natürlich um Detektivarbeit im Sinne der Community zu leisten! Wo lauern sie noch überall, die Stimmverzerrer, diese kleinen fiesen Feinde des Rock'n'Roll? Die Antwort lautet: an etlichen Stellen, mal weniger passend, mal weniger störend. Alles aber halb so wild.
Interessant ist in jedem Fall, dass The Strokes das Schlurfende, das Dahinplätschernde, aber auch das Raffinierte, das den Vorgänger ausmachte, beibehalten. Ok, hier und da treiben es die New Yorker auf die Spitze. So kommt es, dass der Closer sich irgendwo auf halbem Weg verliert oder das seltsam arrangierte "The fruits of conquest" im Kontext eher deplatziert wirkt. "Liar's remorse" hält alles bereit, die typischen Harmonien und Twists, kommt in fragmentierter Instrumentierung aber wie eine Songskizze daher. Die allerdings dann doch irgendwie berührt – und funktioniert. Wie auch der Opener, der in ausgiebigster Lethargie startet und dann die wohl auffälligste Dramaturgie der Platte liefert. Der Song wird nie zu einem Rock'n'Roll-esken Brecher, allerdings steigert er sich in seiner Intensität merklich, und gen Ende vernimmt man gar schnaubende Gitarren und dezente Wutausbrüche in Casablancas Stimme. Mal was anderes eben.
Man braucht ohnehin etwas Sitz- und Hörmuschelfleisch, um dieses Album zu kapieren. Irgendwann perlt etwa das elegante "Dine & dash" seinen Refrain hervor, spät packt einen der Opener mit seiner längst in der Hosentasche geballten Faust. Und die eingängigen, tanzbaren The Strokes? Die gibt's durchaus auch noch! "Going to babble on" wackelt wunderbar mit dem Hinterteil, garniert mit ein paar markanten "Yeah yeah"s läutet das Stück die Glocke zur Tanzflächen-Eröffnung. Und "Lonely in the future" ist trotz Stimmeffekt ein The-Strokes-typischer, verschmitzter Hit mit etlichen feinen Gitarrenlicks und Refrain-Schleife, der passt wie einst das "Bum-Bum"-Eis im Freibad-Sommer.
Am prominentesten tänzelt wohl die Single "Going shopping" in den sonnigen Abend, sowohl auf der Gitarren- und Keyboard-, als auch auf der Gesangsmelodie – denn die sind quasi identisch. Inklusive kleinem Casablancas-Rant hintenraus: "If you're better than me / You don't have to judge me". So nämlich. Und so ist es dann doch mal wieder absolut faszinierend, wie The Strokes zwischen Dreistigkeit, Lustlosigkeit und purem Songwriting-Talent eine Atmosphäre, ja zuweilen einen Sog kreieren, der Hörer*innen an dieses unscheinbare, etwas unkonsistente Album bindet. Trotz oder gerade wegen der Autotune-Features dürfte "Reality awaits" einige neue Freunde finden. Die Amerikaner scheren sich also wenig darum, wie die Fanbase das alles findet, wagen den Blick aus der eigenen Blase hinaus. Was dann wiederum verbindender und mutiger ist als vieles, was unsere Zeit gerade so hervortut.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Dine n'dash
- Lonely in the future
- Going to babble on
Tracklist
- Psycho shit
- Dine n'dash
- Lonely in the future
- Falling out of love
- Going to babble on
- Going shopping
- Liar's remorse
- The fruits of conquest
- Tyrants of the mellow moon
Referenzen
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