Gracie Abrams - Daughter from hell

Interscope / Universal
VÖ: 17.07.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Das hier ist nicht Taylor Swift

Der einfachste Satz über Gracie Abrams ist gleichzeitig der ungenaueste: Sie klingt wie Taylor Swift. Wer genauer hinhört, entdeckt allerdings schnell, dass die Gemeinsamkeiten nicht ganz offensichtlich sind. Sie stecken nicht in Aaron Dessners Produktion und schon gar nicht in der Stimme. Auf "Daughter from hell" erinnert weniger der Sound an Swift als vielmehr die Architektur ihrer Songs. Abrams entwickelt Melodien, die nie dort landen, wo man sie erwartet. Sie lässt gesungene und fast gesprochene Zeilen ineinanderfließen und baut Bridges, die sich anfühlen, als würden sie noch einmal eine zweite Tür im selben Song öffnen. Ihre Kompositionen verweigern sich oft der bequemsten Lösung – und genau das ist ihre größte Überschneidung mit Swift. Musikalisch schlägt ihr drittes Album einen frischen Weg ein. Wo "The secret of us" seine Pop-Melodien häufig noch hinter Akustikgitarren versteckt hat, öffnet sich "Daughter from hell" moderneren Arrangements. Synthesizer schimmern durch die Songs, elektronische Texturen legen sich behutsam unter die Gitarren und verleihen Stücken wie "Hit the wall" eine neue Größe, ohne deren Intimität zu opfern. Gerade dieser Song zeigt, wie wirkungsvoll Abrams inzwischen mit Schlichtheit arbeitet: Der Refrain besteht beinahe nur aus Variationen der Zeile "I hit the wall", gewinnt durch minimale melodische Verschiebungen aber eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann.

Das Bemerkenswerte daran: Trotz der hochwertigen Produktion klingen die Songs nicht nach reinen Studio-Ergebnissen. Abrams bewahrt sich eine natürliche Unmittelbarkeit. Die Vorstellung, wie sie entspannt mit ihrer Gitarre in einem Wohnzimmer komponiert hat, wirkt dadurch lebendig. Aaron Dessners Produktion baut um ihre Skizzen derweil behutsame Rahmen. Ja, "Daughter from hell" klingt poppiger als seine Vorgänger, verliert aber nie jene angenehme Rohheit, die Abrams von vielen Genrekolleginnen unterscheidet. Auch die reduzierte Beteiligung von Audrey Hobert fällt weniger als Verlust, sondern als Zeichen wachsender Eigenständigkeit auf. Bei "The secret of us" wirkte sie beim Großteil der Stücke als Songwriterin mit. Hier ist es lediglich "Minibar" – ausgerechnet einer der charmantesten Momente des Albums. Doch nicht immer erreicht Abrams diese Strahlkraft. "The knife" bleibt trotz starker Ansätze überraschend zurückhaltend, während "Humming" zwar mit seinem folkigen Charme punktet, ihm auf Dauer aber etwas die Würze fehlt. Selbst Marcus Mumford schaut bei "What if it's right?" für ein Feature vorbei, doch selbst seine Präsenz hebt den Song nicht ganz auf das Niveau der stärkeren Stücke wie "Hit the wall", dem klavierangeführten "Broke my heart" oder der zweiten Single "Look at my life".

Bleibt eigentlich nur noch Aaron Dessner. Nach Taylor Swift, Maisie Peters und nun Gracie Abrams drängt sich allerdings ein Gedanke auf: Vielleicht ist es langsam an der Zeit, dass auch Taylor Swift selbst wieder bei ihm anklopft. Denn so stimmig Abrams' musikalische Weiterentwicklung ausfällt, erinnert das Album ganz nebenbei daran, wie viel Pop kann, wenn Dessner ihn nicht zu glattbügelt. Der Taylor-Swift-Vergleich wird Gracie Abrams vielleicht noch eine Weile begleiten. Nach "Daughter from hell" dürfte es allerdings zunehmend schwerfallen, ihn ausreichend zu verargumentieren.

(Lena Zschirpe)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Hit the wall
  • Look at my life
  • Broke my heart
  • Minibar

Tracklist

  1. Hit the wall
  2. Death wish
  3. The knife
  4. Daughter from hell
  5. Look at my life
  6. Good reason
  7. Men like you
  8. Sober
  9. Broke my heart
  10. Mews
  11. Minibar
  12. Imaginary friend
  13. Afflictions
  14. Humming
  15. What if it's right?
  16. Cold goodbyes
Gesamtspielzeit: 56:15 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2026-08-14 10:47:57

Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nyAmNp-l-UaJ7mfOuPhKRWoydeKs5rFdQ&si=dG_VI9gMT78aUxVD

Musikexpress 4/6

https://www.musikexpress.de/reviews/gracie-abrams-daughter-from-hell-review/

zolk

2026-08-03 09:03:44

Ich finde, dass "Good reason" eine sehr gelungene Hommage an Mazzy Star und deren Sound ist. Zumindest klingt es ein bisschen so, als wäre das die Absicht. Gracie bringt aber auch selbst eigenes ein, eine schöne Melodie und dass sie mit iherer Stimme in höhere Gefilde geht, hätte es bei MS so sicher auch nicht gegben, tut dem Song aber gut. Definitiv mein Lieblingssong vom neuen Album.

Die Kritik hier auf plattentests.de hat mir auch sehr gut gefallen, auch wenn die Bertung im Vergleich mit einigen Koleginnen für meinen Geschmack dann doch etwas hoch ausfällt. Solche Totalverisse wie z.B. der von Fantano sind zwar vertretbar und durchaus gut begründet, haben aber mit Sicherheit keinen Anspruch auf Deutungshoheit, auch wenn man bei Fantano manchmal diesen Eindruck hat :-)

fluppeaufex

2026-07-30 12:03:59

Super!

Armin

2026-07-29 21:23:06- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

zolk

2026-07-22 10:39:38

Ein paar treffende Worte wäre zutreffend, wenn seine Besprechung nach ca. 5 Sekunden zu Ende gewesen wäre :-) In der Zeit hat er ja das Wesentliche bereits gesagt. Stattedessen kommt eine gut 11-minütige Schimpftirade, die ähnlich ermüdend ist wie vieles auf dem besprochenen Album.
Bin gespannt, ob das Album auf PT auch noch besprochen wird. Die Ankündigung in der Vorschau zeigt ja bereits auf einen Termin in der Vergangenheit.

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