Kurt Vile - Philadelphia's been good to me

Verve / Universal
VÖ: 29.05.2026
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Lange Weile

Früher, als Musik noch eigene TV-Kanäle besaß und Aufnahmen ganz üblich auf Tonträgern verkauft wurden, gab es so eine Neigung, Genres in Abkürzungen zu bezeichnen. R&B, EBM, NDW. Nicht nur in den, hehe, USA dominierte eine weitere Kurzfassung das Radiogeschehen: AOR. Adult Oriented Rock. Und wenn jemand wie gemacht für solchen Sound scheint, dann ist es Kurt Vile. Denn mit jugendlichem Aufruhr hat auch auf "Philadelphia's been good to me" nichts im Entferntesten zu tun.

Vile bleibt ganz bei sich. Das Album ist – der Titel verrät es – natürlich eine Hymne an seine Heimatstadt Philadelphia. Dass schlampig gespielte Keyboard-Schwaden dann ausgerechnet den Quasi-Titelsong "Philly's been good to me" klingen lassen wie eingeschlafene Füße, ist eher die zweitbeste mögliche Hommage. Oder lauert hier eventuell doch eine Ironie, die man dem Pennsylvanier doch nicht mehr zugetraut hätte? Schließlich hießen zwei seiner ersten Alben "Constant hitmaker" und "Childish prodigy", und an Selbstüberschätzung mangelte es damals nicht.

Was man Vile 18 Jahre nach seinem Debüt allerdings nicht mehr nachsagen kann, ist Aufbruchswille. Die Songs kreisen mit Vorliebe um sich selbst. Gitarren perlen im Dutzend, die Riffs und Licks werden immer noch mal wiederholt, in "Zoom 97" scheppert ein müder Schellenkranz. Seine Stimme klingt dazu, als hätte er es sich auf seiner Veranda gemütlich gemacht und würde nicht mal aus der Hängematte aufstehen, um sich ein neues Kaltgetränk zu holen. Höchstens neue Gitarrensaiten.

Diese sehr grundsätzliche Ausgeruhtheit kann man für eine Tugend halten. Dann wird man sich für handgepickte Gitarrenfiguren wie in "Rock o' stone" oder für das windschiefe "99 BPM" begeistern, dessen dreist gelogener Titel natürlich nicht das Tempo dieses Schlurfers vorgibt. "Red room dub" ist selbstredend kein Dub, auch wenn die üblichen zwei Endlos-Akkorde hier gleich von mehreren künstlichen Klangerzeugern umspielt werden. Offbeat ist hier nichts, es geht immer gemächlich und ein wenig unmotiviert geradeaus. Aufgrund solcher Schwindeleien ist keineswegs selbstverständlich, ob bei "99th song" Viles Zählweise tatsächlich stimmt. Er sinniert dann über zehn Minuten lang herum, was er seit seinem ersten Song so an der Gitarre gefummelt und weggeraucht hat. Wobei immer reichlich mäanderndes Geschrammel die Lücken füllt.

In "Everytime I look at you" machen ein Glockenspiel und zufriedene Harmonien darauf aufmerksam, dass es schön wäre, sich wenigstens mal zu etwas Wohlgefallen aufzuraffen. "Avalanches of snow" hat zwar keine Lawine, aber immerhin Trompeten und Handclaps. Die Schrulligkeit führt immer wieder zu netten Momenten, aber wir wissen ja, wessen kleine Schwester das ist. Die Vorabsingle "Chance to bleed" erinnert sich dann endlich daran, wo Viles eigentliche Stärken liegen. "With that old time, lo-fi, DIY, rock'n'roll nights." Schon bekommt der Song tatsächlich die sonst so schwer vermisste Dringlichkeit. Doch danach versinkt wieder alles im klanggewordenen Flokati. Durchaus kuschelig, aber jedes noch so eigenständige Profil geht unter. Und memorable Songs wie "Pretty Pimpin", "How lucky" oder "Wakin on a pretty day"? Die sind ohnehin Mangelware, oder wir haben sie trotz ausgiebiger Suche einfach nicht gefunden. Die Musik von Kurt Vile muss man mögen. Man darf aber eben auch drauf verzichten.

(Oliver Ding)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Chance to bleed
  • Avalanches of snow

Tracklist

  1. Zoom 97
  2. 99 BPM
  3. Rock o' stone
  4. You don't know cuz it's my life
  5. Chance to bleed
  6. Philly's been good to me
  7. 99th song
  8. Red room dub
  9. Holiday OKV
  10. Every time I look at you
  11. Piano for Sarah
  12. Avalanches of snow
Gesamtspielzeit: 64:42 min

Im Forum kommentieren

myx

2026-08-27 21:15:21

Ging mir ganz ähnlich, zum letzten gar nicht so den Zugang gefunden und daher eigentlich ohne grosse Erwartungen in dieses Neue reingegangen und ziemlich überrascht, wie gut es mir gleich auf Anhieb gefallen hat. Allein schon das ca. erste Drittel richtig astrein mit fast nur Highlights und insgesamt einfach eine schöne Platte mit perfekten Vibes. Bin sogar bei einer knappen 8/10 und damit im Bereich, wo auch der Metascore angesiedelt ist (81/100 bei 14 Reviews).

Wünsche dir viel Spass am Sonntag beim Konzert, bin in diesen Wochen nicht daheim, sonst wäre es am 1. Sept. nach München gegangen.

Arcon74

2026-08-27 15:55:00

Für mich eine starke 7/10. Kriegt mich wieder mehr als das letzte Album. 2-3 ganz starke Hits dabei. Kann die überzogene Kritik überhaupt nicht nachvollziehen. Freue mich aufs Konzert am Sonntag.

OliverDing

2026-07-31 15:21:13

Ich hab es versucht, dem Album wohlwollend gegenüber zu stehen. Er hat in der Vergangenheit ja einige bewegende Songs vorgelegt. Die fehlen hier halt.

nörtz

2026-07-31 13:58:33

Ich wollte ihn doch live in Hamburg sehen. Leider jetzt ausverkauft, weil ich aufgeschoben habe.

saihttam

2026-07-31 12:32:01

Ich kann auch alle Kritik nachvollziehen, aber ich mags trotzdem sehr. Sogar wieder mehr als das letzte Album. Irgendwie hat das hier auch innerhalb des KV-Universums noch mal einen ganz eigenen Vibe. Es erinnert mich teilweise sogar an seine ganz frühen Alben, auf denen hauptsächlich Songskizzen enthalten waren. Nur dass hier die Songskizzen 5 Minuten und noch länger dauern. Ich kann dabei einfach wunderbar entspannen. Deshalb aktuell 7,5/10.

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