Tricky - Different when it's silent

False Idols / Indigo
VÖ: 17.07.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Für Mina

Wenn der Schmerz kaum auszuhalten ist, wird das Kunstschaffen oft zum belastbarsten Werkzeug für Heilung, Zuflucht und Katharsis. Als Adrian Thaws 2019 seine Tochter Mina verlor, markierte dies keineswegs einen Endpunkt für seine Produktivität, sondern verstärkte sie nur noch. Zwar ist "Different when it's silent" das erste alleine als Tricky veröffentlichte Album seit sechs Jahren, doch gab es in der Zwischenzeit mehrere Kollabo-Platten mit Marta (Zlakowska) und Mike Theis sowie das Projekt Lonely Guest, bei dem unter anderem Idles' Joe Talbot und Maximo Parks Paul Smith zu hören waren. Nun ist Tricky wieder ganz bei sich und es überrascht wenig, dass der Tod seiner Tochter vom Albumtitel über das Cover bis zu den Lyrics noch immer viel Raum einnimmt. "You're everywhere / My only care / Don't leave me here", heißt es im eröffnenden "I still see me there", während Bass und Synth-Streicher die Trauer greifbar machen. Der minimalistisch-rockige Sound, der in seiner Lo-fi-Verletzlichkeit ein wenig an die frühe PJ Harvey erinnert, etabliert früh, dass "Different when it's silent" keine Gute-Laune-Platte geworden ist. Doch mit dem für ihn typischen Eklektizismus unterstreicht Tricky seine künstlerische Lebendigkeit und lässt sich von dem erstickenden Verlust nicht verstummen.

Trotz des persönlichen Fokus bleibt Thaws stimmlich allerdings im Hintergrund. Die dominanten Vocals auf dieser Platte stammen vom Bristoler Sänger Mitch Sanders, dessen einnehmendes Falsett sich den verschiedensten Kontexten anzupassen weiß. Im grandiosen, post-punkigen "I'm yours" trägt er den unter rauchenden Verstärkern explodierenden Refrain, ehe er am Anfang des zurückhaltenderen "I tried" sogar ein bisschen wie Beth Gibbons klingt. Es ist einer der wenigen Songs, in denen Tricky nicht einmal den grummligen Kontrast bildet, sondern Sanders komplett die Bühne überlässt. Auch das wundervolle, auf zärtlichen Tasten- und Geigenklängen fußende "Piano" wuppt er alleine – zumindest bis Samantha Rowe ihren keineswegs unpassenden Operngesang beisteuert. Die Konzentration auf eine Stimme trägt in Kombination mit der durchweg melancholischen Atmosphäre dazu bei, dass "Different when it's silent" zu den kohärentesten Alben in Trickys Schaffen gehört. Die offensiveren Pop-Momente des Vorgängers "Fall to pieces" schraubt der Engländer ebenfalls zurück, auch wenn er zugänglichen Melodien weiterhin nicht abgeneigt ist, wie etwa das Highlight "Paris maybe" beweist – oder das vom Rapper Run Red Rambo unterstützte "Be still in the pain", das sich mit seinen Gitarrenlinien und dem dröhnenden Beat schnell im Gehörgang festkrallt.

Letztgenannter Track ist einer der wenigen direkten Verweise auf Trickys Trip-Hop-Ursprünge, da der 58-Jährige seit einer Weile frei von allen Genre-Grenzen operiert. Da kann er mit "Marinade" ein Cover von Angus Stones Nebenprojekt Dope Lemon an "Radana" koppeln, das die gerade noch gen Himmel schwebenden Streichinstrumente auf den betongrauen Rap-Boden holt. Auch das Album-Finish lebt von seinen Kontrasten. Der von Christian Pattemore und Martin Glover vorgetragene 100-Sekunden-Blues von "Frontier town" geht direkt in "Hengrove blues" über, das trotz seines Titels stilistisch andere Wege einschlägt und sich in purer Akustikgitarren-Reduktion übt. Das finale "Out of place" fällt komplett aus dem Rahmen, bringt die auf dem Vorgänger so präsente Marta zurück und rückt Tricky selbst ausnahmsweise ins Rampenlicht. "I sing for my daughter", verkündet er in diesem kämpferischen Uptempo-Stück, das sich wie ein vom Herzen fallendes Bergmassiv anfühlt. Zwischen Würdigung der Vergangenheit und befreitem, nach vorne blickendem Loslassen hat Tricky die perfekte Balance gefunden.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • I'm yours
  • Paris maybe
  • Piano
  • Out of place

Tracklist

  1. I still see me there
  2. I'm yours
  3. Be still in the pain
  4. I tried
  5. So cold
  6. Paris maybe
  7. Cannon fodder
  8. Because I don't know
  9. Marinade
  10. Radana
  11. Piano
  12. Frontier town
  13. Hengrove blues
  14. Out of place
Gesamtspielzeit: 41:09 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2026-07-17 10:16:51

Jetzt auch komplett bei Bandcamp:

https://tricky.bandcamp.com/album/different-when-its-silent-2

MickHead

2026-07-17 09:54:31

Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_ntXVVTp5L5KwSG1qT5weEgfHJBAwL0tdY&si=BBdRf603KeZyWizw

Musikexpress 4/6

https://www.musikexpress.de/reviews/tricky-different-when-its-silent-review/

Rolling Stone 3.5/5

https://www.rollingstone.de/reviews/tricky-different-when-its-silent-review-2/

Laut de 4/5

https://laut.de/Tricky/Alben/Different-When-Its-Silent-127021

Armin

2026-07-16 20:34:53- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

2026-06-30 18:23:43

4. Song "I'm Yours (Feat. Mitch Sanders)"

https://youtu.be/Api8tCZu5rs?si=_3FNhLz1Tpe0eSWY

MickHead

2026-06-10 06:57:05

3. Song "Still See Me There (Feat. Mitch Sanders)"

https://youtu.be/q3F5VkxFW4E?si=i0GpApIzAY0TgIVF

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