Henning Hans - Und durch die Adern singt ein Wind

Matti
VÖ: 17.07.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Letzte-Hilfe-Kurs

Henning Hans ist ein Musterbeispiel für die viel zu wenig gewürdigte Kunst des gepflegten Schnauzehaltens. Es wird eben erst dann etwas erzählt, wenn es denn etwas Berichtenswertes gibt – keine Statusupdates, keine Weeklys, keine Newsletter, keine Simulation von Existenz. Und so sind dann eben bis zum aktuellen Lebenszeichen ganze fünf Jahre nach dem Debüt "Ich hatte mein Handy hätte man mich gebraucht" vergangen, in denen der schon damals angelegte Zynismus in Ruhe vor sich hin reifen konnte. Und wie kann man es ihm auch verdenken? Es ist schwierig, nicht fatalistisch-resignativ zu werden in einem Land, dessen Kernleistung die Diskussion über Leistung ist. Im Grunde bleibt da nur die Notwehr, sich gedanklich in die Blackrock-Firmenfeiern dieser Welt zu texten: "Meine Gedanken und mein Mietvertrag / Meine Ängste und mein Lohn / Und all die Klassen und was übrig war / Und die Zinsen und die Blumen / Ich werfe alles / Ich schmeiße alles / An die Börse / Ich werde eins mit der Börse." Was im Debütalbum noch überwiegend selbstbezogen abgehandelt wurde, kriegt auf "Und durch die Adern singt ein Wind" sehr viel häufiger eine Makrosicht auf die Dinge des Alltags. Das kann sehr schnell sehr peinlich werden, wenn man sich nicht präzise wie ein Laserpointer artikuliert.

Glücklicherweise ist Henning Hans genau dieser gründliche Analytiker, um diesem großen Credo, dass die persönlichen Probleme am Ende wohl doch alle gar nicht mal so persönlich sind, die nötige Substanz zu geben. Beispiele? "Und in den Zonen / Die man uns schenkte / Reden wir von Asyl." Mit zwölf Wörtern den Bogen zwischen den letzten hundert Jahren deutscher Geschichte und ihrer aktuellen Pervertierer gespannt. Auch "Das ist kein Komplex / Es ist ein Fehler / Das ist kein Problem / Das waren Lügner", ebenfalls aus dem herausragenden "In den Zonen", stellt kurz darauf mit seiner entschleiernden Rotzigkeit den Archetyp dieses Albums dar. Es verteilt Ohrfeigen mit dem Wissen, dass der eigentliche Schmerz nicht in der Wange, sondern in der Scham liegt. Und es verteilt sie nicht mit Boshaftigkeit, sondern dagegen. Dazu braucht es musikalisch auch gar kein überfrachtendes Gitarren- oder Synthie-Gewitter, vielmehr ist Hans programmatisch passend reduziert, unterkühlt und instrumental an der Grenze von Post-Noise mit leichten Wave-Einschlägen.

Die Atmosphäre transportiert ideal, dass die großen Wut-Tiraden und schlaflosen Wälzungen auf der eigenen Matratze alle schon abgehandelt und allenfalls noch geistige Väter der eigenen Augenringe sind. Es ist vielmehr eine sauber aufbereitete, centgenaue Abrechnung mit dem fehlkalibrierten Menschenapparat um einen herum. "Ist es Chemie, wie man sich fühlt? / Ist es Physik, wenn jemand stirbt? / Es ist okay, wenn man verliert / Manchmal sogar schön, wenn man es spürt" zieht in "Kratz mich aus" die Schrauben nochmal ein Stück fester und rundet damit eine von vorne bis hinten gelungene Erzählung darüber ab, warum sich "Weltschmerz" als Begriff eben auch international so gut durchgesetzt hat. In irgendeiner Sache ist man nach Abzug aller Alternativen eben doch am besten. Bei Henning Hans fühlt man sich als Zuhörer*in also vielleicht nicht unbedingt heimisch, unterhalten oder aufgefangen – aber exakt jedes einzelne seiner Wörter gehört genau so an seinen jeweiligen Platz.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Die Börse
  • In den Zonen
  • Kratz mich aus

Tracklist

  1. Etwas in mir
  2. Die Börse
  3. In den Zonen
  4. 24 Sekunden
  5. Jeden Herbst find ich es komisch
  6. Du verlässt mich im Sommer
  7. Ringbahn 04:30
  8. Kratz mich aus
  9. Die Leute
Gesamtspielzeit: 28:44 min

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Armin

2026-07-16 20:33:45- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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