Farce - The label

Farce
VÖ: 26.06.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Mein Knochenknast

Die Geschichte vieler Künstler*innen ist in erster Linie eine Landflucht. Selbiges gilt auch für die in einer beschaulichen Schwarzwald-Ortschaft aufgewachsene Veronika König, die für ihren Karriereplan in die Musikerstadt Wien umsiedelte. Die Produktionen unter ihrem Alias Farce sind trotz ihrer eigentlichen Vorliebe für Punk und Metal von Beginn an klar elektronisch geprägt, was aber nur auf den ersten Blick einen Widerspruch darstellt. Denn Farce gelingt auf "The label" der Clou, die ganzen großen und breitbeinigen Gesten dieser Gitarren-Genres in eine Form von Synth-Avant-Pop zu übersetzen, die tatsächlich Neues verspricht. Schon sobald Farce mit "You're a sweet, sweet kid / Of some really strange people" zum ersten Chorus ansetzt, fühlt es sich ein bisschen wie Zuckerbrot und Peitsche an. In Zeilen wie diesen steckt bei Farce immer ein wenig vom wissenden Piesacken einer älteren Schwester, die dennoch keinen Zweifel daran lässt, im Notfall für ihre Liebsten die Hölle auf links zu drehen. Ohnehin ist das Songwriting auf "The label" gerade assoziativ genug, um unverbraucht frisch zu wirken, und gleichzeitig hymnisch genug, um den eigenen Gedanken genug Raum zu lassen, um sich selbst kreisen zu können.

Besonders gut gelingt dies in der Kombi-Single aus "Cherry angioma" und "Migraine sex", in denen König Bilder der kleinen körperlichen Unzulänglichkeiten im großen Kontext der weiblichen Objektivierung aufgreift: "Ch-ch-ch-cherry angioma / You have the right to be a loner / Yet I wanna be the floor / A blackhead in a pore", wiegelt sich der gleichnamige Song Stufe um Stufe auf, bis diese Saccharin-Variante von Bass Drop die gerade frisch gezogenen Kanten wieder überdeckt. Überhaupt ist es über die gesamte Spielzeit hinweg einfach nur ein großes Vergnügen zu erleben, dass selbst vergleichsweise klassische Pop-Produktionen eben doch nicht bereits auserzählt und beliebig austauschbar sind, wenn man sich wie hier als Interpret*in eben nur traut, mal jenseits der ganz großen Wahrheiten einfach nur etwas zu erzählen, was einen selbst nicht loslässt. Bei Farce, wenn sich das so journalistisch auf ein paar Zeilen herunterbrechen lässt, ist dies zumeist das Spannungsverhältnis von Akzeptanz der eigenen Schwäche und deren Behebung. Wie viel Optimierung bin ich mir und anderen eigentlich schuldig und wer genau fragt eigentlich nach diesem "bisschen besser"?

Mit erst auf den zweiten Blick wirklich infernalen Lyrics wie beispielsweise "50k americans crying in the streets / Now I know what random really means" leitet "1st millennial saint" die zweite, ungleich düstere Hälfte von "The label" ein. Die treibenden Party-Beats der vorherigen Stücke weichen schrilleren, deutlich wave-lastigeren Soundflächen und geben mit Titeln wie "Culture vulture" und "Tar" direkt zu verstehen, dass das vorherige Augenzwinkern und Herunterspielen dieser dort schon leicht durchscheinenden Spitzen weder nett, noch lustig ist – sondern das ganze verdammte Problem, weshalb so viele Egos um einen herum so elendig fragil sind; zermürbt von einem gesellschaftlichen Tinnitus darüber, wie "nicht genug" man doch sei. Harte Kost für ein durchaus tanzbares Album, aber gerade wegen dieser Ambivalenz auch spannend zu entdecken. Die gesamte Spieldauer von "The label" fühlt sich durchdacht und dennoch spielerisch an, sodass eigentlich zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Hänger vorkommen – vermutlich, weil das Album eben stark davon zehrt, dass es sich eine für elektronische Musik eher unübliche Storylastigkeit jenseits von Spoken Word-Passagen zutraut, ohne dabei akademisch zu werden. Was diese musikalische Form also am Ende des Tages auch sei – definitiv ist sie mehr als gut genug.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Cherry angioma
  • Migraine sex
  • Culture vulture

Tracklist

  1. Deeply strange people
  2. Cherry angioma
  3. Migraine sex
  4. Jesus in Iowa
  5. Big swiss
  6. Skin on skin
  7. 1st millennial saint
  8. Culture vulture
  9. Going to the People Museum
  10. Tar
Gesamtspielzeit: 26:55 min

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Armin

2026-07-16 20:33:20- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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