Amigos - Cleopatra
Telamo / BMGVÖ: 24.07.2026
Smells like Kernseife
Tja, alle Jahre wieder. Wir versammeln uns in unserer bequemen subkulturellen Überheblichkeit und feixen uns einen über das jüngste Werk der rüstigen Rockrentner Karl-Heinz und Bernd. So weit, so banal. Aber diesmal nicht. Nach all den Jahren im konzentrischen Kreisen um die Könige des Kassenschlagers wird es Zeit für einen knallharten Abgleich mit der Realität. Eigentlich fliehen wir mit unseren sarkastischen Spitzfindigkeiten doch nur jedes einzelne Mal vor unseren eigenen Dämonen. Im tiefsten Herzen wissen wir: Einem Schlageralbum Simplizität und Formelhaftigkeit vorzuwerfen, das ist doch eigentlich nichts anderes, als einem Hund zur Last zu legen, dass er sein Beinchen hebt. Es liegt eben in der Natur der Sache. Und gleichzeitig gilt eben auch: Unsere zwanzig Lieblingsplatten des Jahres bekommen nicht einmal ein paar popelige Zeilen spendiert. Wer möchte bei derartigem Leid noch von First World Problems reden? Entsprechend sollte nun, da das vorletzte Amigos-Album überhaupt vorliegt, der Mindestanspruch sein, uns des Königspudels Kern zu nähern, indem wir uns fragen: Warum beschäftigt uns redaktionell eigentlich so sehr, was die beiden da treiben?
"Cleopatra" bietet auf diese Frage gleich siebzehn Antworten. Schon im Auftaktstück "Matador" lassen Zeilen wie "Maria, Du darfst nicht weinen / Denn Du bist die Frau von einem Matador" den Schluss zu, dass die Gebrüder Ulrich hautnah am Puls der Zeit kleben und sich deshalb auf intensivste Weise mit dem ausufernden Tradwife-Trend befasst haben müssen. Sich dann aber ausgerechnet an dem progressiv-veganistischen Feindbild, einem Stierkämpfer und damit letztendlich Tierquäler, zu bedienen, ist eine nahezu lehrbuchartige ironische Überhöhung. Und damit ist auch eines der Markenzeichen der Amigos schön umschrieben: 100 % Identifikation. Und zwar mit allem gleichzeitig. E-Musik? Yeah! U-Musik? Yeah! Q-Musik? Muh! Äh, yeah! Dadurch, dass die beiden Villinger Volksmusikvirtuosen keine Scheu davor haben, sich auch solch heiklen Themen emphatisch anzunähern, sind sie im wahrsten Sinne des Wortes Brückenbauer in der dahinplätschernden Moderne.
Das Standardmotiv historischer und/oder mythologischer Figuren im Oeuvre der polyplatinierten Pensionsprokrastinierer wird durch das titelgebende "Cleopatra" erweitert, völlig offensichtlich eine Verneigung vor dem eigenen Über-Hit "Pharao", der hier vielsagend verklausuliert mit der Zeile "Es gilt noch heut' der Fluch des Pharao" aufgegriffen wird. Das ist aber natürlich noch nicht an der Speerspitze dessen, zu was das dynamische Discofox-Duo lyrisch in der Lage ist: "Ins Tal der Könige hat mich mein Weg geführt / Wo die Legende sagt, dass man hier sein Herz verliert." Familienfreundlicher lässt sich der Umstand, dass den Leichnamen der innerhalb der Pyramiden Bestatteten vor der Mumifizierung die Eingeweide entnommen wurden, eigentlich nicht ausdrücken. Bildungs-Ballermann. Aber auch im rein Zwischenmenschlichen wissen die Amigos für ihr Genre Großes zu erzählen. "Die Würfel sind gefallen" thematisiert beispielsweise Scheidung, aber eben nicht als traurigen Tiefpunkt einer Beziehung, sondern als die Normalität, die sie statistisch mittlerweile eben ist – mit dem nüchternen Fazit "Es gibt nicht nur den einen Mann". Und ja, wer sollte das besser wissen als das daueraktive Doppelpack?
Ist "Cleopatra" nun also ein verborgenes Kleinod? Natürlich nicht. Dafür sind die Produktionen eben doch zu gleichförmig und überraschungsarm, selbst auf der Schlager-Skala. Aber es gehört ebenso zur Wahrheit dazu, dass die Dinge hier beileibe nicht so lieblos abgehandelt werden, wie es der Fall sein könnte. Mehr noch: Phasenweise ist so etwas wie Spaß selbst für kleinkalibrige Kunstkritiker nicht zu leugnen. Und damit erfüllt das Album schon so etwas wie einen Mindestgrund zur Existenz. Und damit sei gleichermaßen als Fazit, sowie als Friedensangebot die folgende Kurzzusammenfassung gegeben: "A steht für Akkorde, doch davon braucht ihr höchstens vier / M sind die Millionen, die Euer Konto frequentieren / I, das ist der Iltis, der in meiner Hose sitzt / G steht für Geschlechtsverkehrsanbahnungsplaylisthits / O – das war der erste Ton, der mir bei Euch entwich / S ist mir eine Freude, klarzustellen, dass jeder Witz / Noch so oft erzählt auch einen wahren Kern enthält: / Würd's Euch nicht schon geben, hättet Ihr uns noch gefehlt."
Highlights & Tracklist
Highlights
- Cleopatra
- Der Rock'n'Roll bleibt
- Die Würfel sind gefallen
Tracklist
- Matador
- Cleopatra
- Heute singt sie in Las Vegas
- Hier im Himmel
- Wenn Dein Herz heut Nacht
- Ein verlorener Sohn kehrt heim
- Der Rock'n'Roll bleibt
- Manchmal ist es nur ein Lied
- Mexican love
- Das schönste Gefühl der Welt
- Cinderella Blue
- So schön war die Zeit
- Genau dieses Leben
- Die Würfel sind gefallen
- Hitmix 2026
- Darling I love you
- In einer Sommernacht
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Mann 50 Wampe
2026-07-27 17:14:32
"Hier Im Himmel" entzieht sich hingegen jeder Form rationaler Interpretation. Ein Mann spaziert am Strand, vermisst seine große Liebe und schreibt ihr eine Postkarte. Dann stürzt sein Flugzeug ab. Die Postkarte kommt trotzdem an und verkündet: "Ich lebe im Paradies, hier scheint die Sonne für immer".
Existentialismus im Sinne von Camus oder Sartre.
The MACHINA of God
2026-07-27 15:21:07
Das Albumcover ist wirklich absurd. Die Beleuchtung (?) der Treppe. Und generell natürlich einfach das Motiv.
The MACHINA of God
2026-07-27 15:15:27
Was ich nicht verstehe: hatten die sich nicht letztens erst aufgelöst?
nörtz
2026-07-27 13:59:03
https://laut.de/Amigos/Alben/Cleopatra-127311
"Hier Im Himmel" entzieht sich hingegen jeder Form rationaler Interpretation. Ein Mann spaziert am Strand, vermisst seine große Liebe und schreibt ihr eine Postkarte. Dann stürzt sein Flugzeug ab. Die Postkarte kommt trotzdem an und verkündet: "Ich lebe im Paradies, hier scheint die Sonne für immer". Dieses Storytelling ist so absurd, dass man einfach nicht weghören kann.
andygoestohollywood
2026-07-25 18:14:34
Herz an Herz 2021 - Die größten Hits von damals...von den Amigos lässt es sich lernen, da wird ein Misserfolg als Hit verkauft. Aber die Roy Black Schnulzen haben noch einen gewissen Wiedererkennungswert
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