Madonna - Confessions II

Warner
VÖ: 03.07.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Rückwärts und floorwärts

"People think that dance music is superficial / But they've got it all wrong / The dance floor is not just a place, it's a threshold / A ritualistic space where movement replaces language." Whoa, okay, Madonna. Ein bisschen viel intellektueller Überbau für ein Pop-Album, oder? Schließlich will "Confessions II" vor allem "Confessions on a dance floor" aus 2005 beerben, jene gutgelaunte Disco-Sause, die bislang gemeinhin als die letzte gute oder überhaupt relevante Madonna-Platte gegolten hat. In der Tat verbrachte Madonna die zwei Jahrzehnte dazwischen mit plattem Trend-Chasing – Hip-Hop auf "Hard candy", EDM auf "MDNA" – oder versteifte sich in allzu gewollte Exkursionen wie jüngst auf "Madame X". Und nun also einfach aufgewärmte 20 Jahre alte Suppe, angepriesen über Fake-Profile in queeren Dating-Apps? Mitnichten. "Confessions II" nimmt viel von dem Geist seines Vorgängers mit, etwa den Fokus auf Tanzflächeneignung und den nahtlosen Mix, der sich über das gesamte Album spannt. Gleichzeitig ist das Gefühl ein anderes: weniger auf Hits fokussiert, die "Confessions on a dance floor" deutlich zahlreicher servierte, dafür vielfältiger gestaltet und mehr auf den Vibe ausgerichtet. Die Stücke formen tatsächlich eine größere Einheit, in der man perfekt versinken kann.

Daher ist schon der Opener und Vorbote "I feel so free" programmatisch – keine große Hook, stattdessen eine sinnliche Atmosphäre, die eher an Madonnas Output in der ersten Hälfte der Neunziger erinnert. "One step away" schlägt noch zielsicherer in diese Kerbe, schafft eine tolle Stimmung und man vermisst bis dato die typischen Pop-Refrains überhaupt nicht. Selbst wenn Madonna und Sabrina Carpenter sich in "Bring your love" gegenseitig "I got something to talk about" zuhauchen, mündet das nicht im schnellen Hit. Auf "Confessions II" stehen die Songs im Dienste des Gesamtwerks, welches wiederum genau dadurch locker zum besten Madonna-Album seit eben mindestens "Confessions on a dance floor" wird. Seien es die Latin-Anleihen in "Read my lips", der Beach-Pop im flotten "Love sensation", die sinnlichen Spoken-Word-Passagen mit Stromae in "My sins are savior" oder der Rückgriff in die EDM-Trickkisten im Martin-Garrix-Feature "Bizarre": Alles funktioniert für sich, aber passt vor allem sehr gut ineinander. Höhepunkt des Tanzbaren ist das energische "Danceteria", benannt nach den New Yorker Club, in dem unter anderem Madonna wesentliche Meilensteine für den Anfang ihrer Karriere legte.

"What did you just say? / Your words have no meaning", singt Madonna in "Everything", das erst "Vogue" antäuscht und dann doch in verzerrten Elektropop abknickt. Sicher sind die Lyrics häufig nur zweckdienlich, drehen sich ums Tanzen als Eskapismus, um den Dancefloor als heilige Stätte: "This is a club / This is a temple of sweat and surrender." Dabei wechselt "Confessions II" nach dem herrlichen Stolperrhythmus von "School" im letzten Drittel galant auf verletzliches Terrain. Wenn "Fragile" das Tempo zurücknimmt und Melancholie Einzug hält, singt Madonna eine rührende Widmung an ihren verstorbenen Bruder Christopher Ciccone: "Late last night I was fast asleep / You came to me in a dream / You said, 'Don't forget about me' / 'Don't forget to be happy'." Im leicht verträumten "The test" duettieren Mutter und Tochter Lourdes alias Lola Leon gemeinsam, zuvor pinselt "Betrayal" das Autotune etwas arg ungünstig auf, aber macht das mit starkem Trip-Hop-Flair dank gedämpften Bläsern wieder wett.

Und wer hätte sich zu Beginn der Platte ausgerechnet, dass sie nicht nur mit einer Ballade endet, sondern diese auch noch äußerst schön geraten ist? "L.E.S. girl" erinnert dezent an Akustiknummern wie "What it feels like for a girl" und versprüht wohlige Nostalgie. "She wears his leather jacket out in the rain / Sleeps to forget his name / Polaroids are taped to the wall / Can't forget that boy at all." Und doch endet die Platte mit den Worten: "Everything fades away." "Confessions II" straft all diejenigen Lügen, die Frau Ciccone nach ideenlosen Werken, desaströsen ESC-Auftritten und generell weirder Social-Media-Präsenz schon komplett abgeschrieben hatten. Dank des zurückgeholten Stuart Price als Sidekick und der Befreiung vom Label Interscope, das ihr angeblich Songwriting-Camps und übergriffige Berater aufs Auge gedrückt hatte, schwimmt Madonna wieder obenauf. Totgesagte tanzen länger.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • One step away
  • Danceteria
  • School
  • L.E.S. girl

Tracklist

  1. I feel so free
  2. Good for the soul
  3. One step away
  4. Bring your love (feat. Sabrina Carpenter)
  5. Danceteria
  6. Read my lips (feat. Feid)
  7. Everything
  8. Love sensation
  9. Love without words
  10. Bizarre (feat. Martin Garrix)
  11. School
  12. Fragile
  13. My sins are savior (feat. Stromae)
  14. Betrayal
  15. The test (feat. Lola Leon)
  16. L.E.S. girl
Gesamtspielzeit: 64:00 min

Im Forum kommentieren

ijb

2026-07-08 20:04:47

Wobei es anscheinend tatsächlich physische Versionen gibt, auf denen "Love Sensation" und die letzten 3 Tracks fehlen. Da steht "abridged" dabei, also geh ich mal davon aus, die 16 sind der Standard.

Ich war vorhin bei Media Markt, und da gibt es eine 12-Track-Version und eine 16-Track-Version von dem Album, jeweils mit unterschiedlichem Design. Preislich liegen die 2 Euro auseinander. Seltsame Verkaufspolitik.

oldschool

2026-07-07 23:19:37

“Fake Profile in wueeren dating Apps”
Haha nett umschrieben.
Ich sags mal deutlicher und hoffe niemanden vor den Kopf zu stoßen, der diese “dating apps” nicht kennt.
Also mich hat diese Aufdringlichkeit einer fast 70jährigen schon etwas gestört. Das App Logo ändert sich von gelb in pink und sie spielt sich als Mom der gay Community auf. Und zwar recht aufdringlich. Sorry, wenn ich auf der Suche bin nach nem Feierabend-Fi** ähhh natürlich Date, dann nervt so was ungemein. Alleine deshalb habe ich die Lust verloren, mir nur einen Song des Albums anzuhören

Felix H

2026-07-07 12:30:09

Ich finde es auch nicht gleich, aber stilistisch schon deutlich ähnlicher. Ich hätte zumindest beide in einer Auswahl, wenn ich Bock auf so beatgetriebene Musik habe. FKA Twigs hat da zu viele Haken drin.

gottmik

2026-07-07 12:19:01

Naja, wenn man sich auf Discotracks wie "Sauna" von Jessie Ware bezieht, hört man schon deutliche Gemeinsamkeiten, weil einfach ähnliche musikalische Einflüsse und Vorbilder in der Musik verarbeitet werden. Allerdings ist das stimmlich so weit voneinander entfernt und auch die Atmosphäre, die die Musik kreiert, so anders, dass der Vergleich einem erstmal seltsam vorkommt.

Kiezgrün

2026-07-07 08:01:31

„ Ich finde, FKA Twigs macht schon sehr andere Musik, deutlich komplexer und fragiler, mehr an R'n'B dran. Für mich sind die letzten Alben von Jessie Ware eher bei diesem hier.“

Jessie Ware macht ja eher Soul, den höre ich bei Madonna gar nicht. Während FKA Twigs ja zuletzt mit den Produzenten von „Ray of light“ gearbeitet hat und die Parallelen deutlich waren.

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