Embrace - Avalanche
Cooking Vinyl / IndigoVÖ: 12.06.2026
Die Hände zum Himmel
Zwei Brüder aus England, einer an der Gitarre, der andere am Mikrofon. In den Neunzigern werden sie mit ihren Britrock-Hymnen schon mit dem Debüt zu absoluten Fanlieblingen, vor allem in der Heimat. Große Refrains, große Gesten, Songs, die sofort nach Stadion klingen. Später werden die Alben generischer, die Highlights seltener. Jetzt sind sie wieder da. Es geht natürlich um Richard und Danny McNamara und ihre Band Embrace, um wen denn auch sonst. "Avalanche" ist ihr bereits neuntes Studioalbum, und wie so oft bei Embrace ist schnell klar, worauf man sich einlässt: viel Pathos und Emotion mit eher grobem Pinselstrich arrangiert. "Avalanche" ist das englische Wort für Lawine, und auch dieser Sound kann mitreißend sein, womöglich aber auch etwas erstickend.
"Stop" eröffnet das Album mit genau der Art von Embrace-Hymne, die man seit Jahren kennt, diesmal aber erstaunlich frisch im Auftreten. Ein treibender Britrocker, der sofort nach vorne geht, getragen von einem Refrain, der alles will und genau deshalb funktioniert. "Life's too short to mess around", singt Danny McNamara, während Backgroundchöre und Gitarren den Hymnenregler direkt auf Anschlag drehen. Das mag vielleicht formelhaft sein, vor allem aber ist es mitreißend. Umso ernüchternder gerät "Road to nowhere", dessen Titel kaum programmatischer sein könnte. Der Song schunkelt sich auf Autopilot durch einen glattgebügelten Stadionpop-Refrain und spätestens die endlosen "Woohoo"-Schleifen führen dann tatsächlich nirgendwo mehr hin. Mit "Get out of my own way" findet die Band jedoch schnell zurück in die Spur. Das Stück beginnt beinahe schüchtern am Klavier und erinnert an die frühen, ruhigen Coldplay. Nach und nach gesellen sich Streicher, Chor und jene singenden Gitarren dazu, die Jonny Buckland einst zu einem Markenzeichen machte. Embrace tragen natürlich auch hier wieder ziemlich dick auf. Weil Melodie und Emotion indes stimmen, kippt der Song nie ganz in den Kitsch. "Coming home" versucht anschließend, sogar noch eine Pathos-Schippe drauf zu legen. Sakrale Chöre, schwelgerische Streicher und ein stampfender Folk-Rhythmus irgendwo zwischen Elbow und Mumford & Sons türmen Schicht um Schicht aufeinander, bis das Arrangement unter seinem eigenen Gewicht beinahe zusammenbricht. Beeindruckend ist das durchaus. Subtil allerdings nicht.
Spannender gerät das düster pulsierende "Up in your feelings", das mit Synthesizern und treibendem Beat beinahe in Richtung Editors schielt. Der eigentliche Befreiungsschlag folgt mit "Pure O". Statt Streichern und Chören dominieren scharfe Gitarren, das Tempo zieht an, und McNamara verarbeitet seine OCD-Erkrankung mit ungewohnt bissigem Humor: "I'm at rock bottom / Do you come here often? / You'll find me down here all the time." So kompromisslos und fast dreckig rockten Embrace seit den ersten beiden Alben nicht mehr. Und "Deny" zieht danach wieder sämtliche Register der klassischen Embrace-Ballade. Klavier, Streicher, Dynamik, dreimal check. Der Song ist berührend, weil Melodie und Gesang stimmen, aber eben auch ein Paradebeispiel dafür, wie berechenbar die Band inzwischen oft arbeitet. Deutlich reizvoller bleibt das schönlärmige "Funny", dessen zynischer Unterton und fuzzy Gitarren den Hörer bewusst etwas ratlos zurücklassen. Zum Schluss verzichtet "The power" dann auf den ganz großen Knalleffekt. Die Ballade wächst behutsam aus dem Klavier heraus, erinnert eher an Keane als an die monumentalen Momente der eigenen Diskografie, und setzt gerade deshalb einen stimmigen Schlusspunkt.
Eine gewisse Kitschresistenz brauchte man für Embrace schon immer. Ihre großen Hymnen balancieren seit jeher auf dem schmalen Grat zwischen ehrlicher Ergriffenheit und kalkulierter Gefühlsüberwältigung. Hinzu kommt eine Formelhaftigkeit, die Danny McNamaras eher solide als außergewöhnliche Stimme nicht immer auffangen kann. Auf "Avalanche" gelingt diese Balance diesmal jedoch erstaunlich gut. Gerade die düsteren Momente von "Up in your feelings", das ruppige "Pure O" oder das widerborstige "Funny" sorgen dafür, dass die großen Refrains nicht zur bloßen Routine verkommen. Das reicht zwar noch nicht an die Glanzzeiten von "The good will out" oder "Out of nothing" heran. So nah dran waren Embrace seit 2004 allerdings nicht mehr.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Stop
- Get out of my own way
- Pure O
Tracklist
- Stop
- Road to nowhere
- Get out of my own way
- Coming home
- Emily
- Up in your feelings
- Pure O
- Deny
- Funny
- The power
Im Forum kommentieren
oldschool
2026-07-08 10:21:07
"This New Day" mag nicht so gut gewesen sein wie "out of nothing", hatte in der zweiten Albumhälfte aber auch einige angenehm geerdete und schnörkellose Songs ohne Pathos, die zuweilen sogar etwas lärmig waren.
Es ist auf jeden Fall das Album VOR dem Absturz. Ich würde deshalb die 4 am Ende der Rezi mit ner 6 austauschen :)
octoberswimmer
2026-07-08 00:02:39
Nabend zusammen!
The good will out und Drawn from memory haben schon eine fantastische Hitdichte, If you've never been kommt in der Breite da schon nicht mehr ganz ran. This new day ist für mich eine schwächere Version von Out of nothing, daher steht in der Rezi am Ende auch 2004 und nicht 2006. Alles weitere hat nur noch einzelne gute Songs oder nicht einmal das.
Ich war von diesem Album tatsächlich positiv überrascht und kam daher auch die 6/10, in Worten: gut. Für "Sehr gut" ist es halt doch noch ein bisschen zu sehr "Balladen nach Zahlen" oder Radio-Grusel wie Road to nowhere.
Und McNamaras Stimme als "markant" zu bezeichnen, ist schon etwas gewagt. War nicht schon damals vor 25+ Jahren die Stimme als im Vergleich zu quasi allen Brit-Größen der Zeit etwas charakterlos bezeichnet worden?
Und Mick, James habe ich zuletzt zweimal 7/10 gegeben!
oldschool
2026-07-07 20:03:33
Na, Mick...nun unterstellst du aber was :)
Ich mochte die Band früher auch sehr gerne, aber ich sag mal, nach 2006 hatte die Band auch keine wirklich guten Bewertungen mehr verdient. Warum eigentlich wird das Album "this new day" von 2006 oft in der discographie der Band vergessen?
Eine 6/10 ist keine schlechte Wertung und ich denke, so liest sich diie Rezension auch. Es ist freilich wieder ein riesiger Schritt in die richtige Richtung. Dennoch wirkt manches etwas zu generisch und schon besser gehört. Auch für mich zeigen "coming home" und "road to nowhere" die typischen Mankos der Band. Zu dick aufgetragen, zu viel Pathos. Und der recht simple Refrain von "road to nowhere" ist bestenfalls für die angetrunkenen Fans im Stadion eine Bereicherung. Ich habe manchmal das Gefühl, die Band packt solche songs eher als Pflicht auf das Album (Radioplay) und liebt die Kür viel mehr. Die können es noch, das merkt man in der zweiten Albumhälfte. Die klingt für mich weitaus unverkrampfter und weniger gekünstelt.
Aber Mik - es war dennoch schön mal eine Meinung von Dir zu einem Album zu lesen und nicht nur Promotion. Die finde ich zwar auch gut, da du viel postest, das sonst an mir vorbeigegangen wäre. Dennoch ist es auch interessant zu lesen, was du davon hälst.
MickHead
2026-07-07 10:17:55
Es gibt schon so bestimmte Bands wie Embrace, James, Ocean Colour Scene etc., da weiß man schon vorher, das es selten über 6/10 hinausgeht. Ich finde das neue abwechslungsreiche Album hätte meiner Meinung nach eine 7.5 verdient. Liest sich auch eher wie eine 7/10. Bin 2001 mit dem Hit "Wonder" und dem dazugehörigen Album "If You've Never Been" im Zuge von Coldplay, Starsailor etc. auf die Band aufmerksam geworden. Bin wohl einer der wenigen, die dieses Album heute noch sehr hoch einschätzen. "Avalanche" erinnert mich wieder daran. Die Stimme von Danny McNamara sowieso einer der markantesten der Britpop Ära.
oldschool
2026-07-07 09:42:57
Denke das paast ganz gut mit ner 6/10 und trifft den Nagel weitgehend auf den Kopf
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