Tarja - Frisson noir
Ear / EdelVÖ: 12.06.2026
Vivace resoluto
Irgendwann muss es ja auch mal gut sein. Denn es ist schon ein wenig skurril, wenn Tarja Turunen mehr als 20 Jahre nach ihrem unrühmlichen Rauswurf immer noch als "Ex-Sängerin von Nightwish" beschrieben wird. Vielleicht auch deshalb wirkte die Finnin auf ihren Soloalben immer etwas getrieben, probierte sich und ihren Sound immer wieder von Neuem aus – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Erst mit ihrem letzten Studioalbum "In the raw" zog es Turunen nach langer Zeit wieder zu härteren Klängen hin, und prompt wirkte die Vokalistin zumindest teilweise wie befreit. So befreit, dass das neue Album "Frisson noir" gleich mal als das härteste Album der Karriere angekündigt wurde.
Was davon nun ihren eigenen Ansichten entspringt und was davon das übliche Promo-Ballyhoo ist, sei einmal dahingestellt. Doch nach kurzem Intro und ein paar zaghaften Piano-Klängen scheppert's. Und zwar so richtig. Heruntergestimmte Gitarren braten heftigst, doch statt kellertiefer Growls setzt Turunen dieser Härte ihr bis zu drei Oktaven umfassendes Gesangsvolumen entgegen, das vor allem im starken Refrain herrlich zur Geltung kommt. Das folgende "The eternal return" ist allerdings eine noch viel größere Überraschung. Angetrieben von den Riffs von Alex Scholpp, der seit vielen Jahren zum Ensemble gehört, feuert die Finnin eine lupenreine Power-Metal-Granate ab, die plötzlich von einer zarten, aber düsteren Arie unterbrochen wird, nur um dann weiter zu marschieren. Klänge also, die in der Konsequenz lange nicht zu hören waren.
Diese Entschlossenheit setzt sich fort. "Leap of faith" versprüht durch den Gastgesang von Marko Hietala tatsächlich Vibes der ganz frühen Nightwish-Ära, auch wenn die Hook im Refrain ein wenig an "Bring me to life" von Evanescence erinnern will, und mit "At sea" versucht sich die in Spanien lebende Skandinavierin gar an einem zehn Minuten langen Longtrack – was ihr überaus passabel gelingt. Hier zahlt sich das jahrelange Engagement bei "Rock meets classic" aus, wenn sich der Pianist Niklas Pokki und der argentinische Gitarrist Julián Barrett gekonnt die akustischen Bälle zuspielen. Ja, das sind viele Namen, doch zum einen haben lange Listen an Gastmusikern bei Tarja-Alben eine gewisse Tradition, zum anderen ist Turunen als Songwriterin spürbar gereift, sodass hier eben nicht zu viele Köche den Brei verderben.
Interessanterweise zählt ausgerechnet der prominenteste Gasteinsatz, nämlich der des Cradle-Of-Filth-Frontmanns Dani Filth, nicht zu den gelungensten Experimenten. "I don't care" ist nicht notwendigerweise ein schlechter Song, doch gegen Turunens Stimmgewalt geht das Geknarze des Briten ein wenig unter. Viel besser machen es da die vier Cellisten von Apocalyptica, die auf "Tango" eine wunderbare Stimmung kreieren. Den markigen Worten folgen also tatsächlich Taten. Songwriting aus einem Guss, stilsicher mit genau der Portion Pathos, die es für Symphonic Metal braucht – falls "Frisson noir" den Test of time besteht, kann diese Platte mit Fug und Recht als das bislang stärkste Soloalbum der finnischen Sängerin bezeichnet werden. Eine faustdicke Überraschung ist es allemal.
Highlights & Tracklist
Highlights
- The eternal return
- Leap of faith (feat. Marko Hietala)
- At sea
Tracklist
- Intro
- Frisson noir
- The eternal return
- Leap of faith (feat. Marko Hietala)
- At sea
- Blaze forever
- The trace outlives
- Tango (feat. Apocalyptica
- Anemoia
- I don't care (feat. Dani Filth)
- Against the odds (feat. Chad Smith)
- Outro
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Armin
2026-06-28 18:45:16- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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