Klez.E - Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht

Windig / Cargo
VÖ: 12.06.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Friday I'm just like in heaven, love

Selbst ausgemachte Experten im Fach The Cure können ins Stocken kommen, wenn sie in Kontakt mit den jüngeren Veröffentlichungen von Klez.E geraten. "Wieso singt Robert Smith denn jetzt auf Deutsch?" ist dann die verblüffte Reaktion, bevor der Wunsch einsetzt, doch bitte sofort viel mehr davon hören zu dürfen. Womit auch umgehend die Frage geklärt ist, ob Tobias Siebert, Daniel Moheit und Filip Pampuch den mit "Desintegration" und "Erregung" eingeschlagenen Weg fortsetzen oder ihren Sound wie auf älteren Alben noch einmal in andere Richtungen ausdehnen würden. Ganz klar Ersteres. Mit "Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht" vollenden sie ihre The-Cure-Trilogie.

Manche könnten das beim musikalischen Talent Sieberts – man höre nur seine Alben als And The Golden Choir – durchaus schade finden. Wenn die Songs nicht so großartig wären. Und es ist nicht so, dass es auf dem neuen Album keinerlei Entwicklung gäbe. "Desintegration" war eine kaum versteckte Hommage an "Disintegration", "Erregung" vergrößerte die Inspirationspalette, wandelte aber ebenfalls im Schwarzbereich des nebligen Post-Punk umher. "Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht" nimmt dagegen die düstere Ausgangssituation auf dieser unserer Welt und kontert sie mit strahlenden Melodien.

Nein, fröhliche Popmusik ist das jetzt trotzdem nicht. Aber schon früh im ersten Song macht sich der "Hymnus" trotz getragener Sounds und Moormetaphern auf, das Licht zu suchen, inhaltlich und tonal. Und im Anschluss öffnet sich der Himmel erst so richtig. Dabei kann selbst die Sommersonnenwende, eigentlich ein positiver Anlass, Menschen dunkleren Gemüts eine süße "Melancholia" empfinden lassen. Denn: "Kein Sommer bleibt für immer." Aber wenn die Sonne auf so umwerfende Melodien scheint, tanzen selbst die Schatten mit. Obwohl gleich darauf in "Ich seh es an mir" keine Palmolive-Werbung das schlechte Gewissen wegwaschen kann, welches gerade jene Menschen oft bedrückt, die zumindest versuchen, sich anständig zu verhalten.

Die Stücke sind oft weniger lang gehalten, aber ein typisches Zwei-Minuten-Gitarrenintro wie in "Mailied" muss trotzdem sein. Und was ist "Ich schreib den Akku leer" bitte für ein brillantes und zeitgemäßes Sprachbild zwischenmenschlicher Kommunikation? Auch das zwischen Morgen-geht-die-Welt-unter- und Irgendwie-wird-es-schon-weitergehen-Gedanken tresenphilosophierende "La Boum" nimmt sich über fünf Minuten Zeit und packt jede Menge Soundspielereien hinein. Doch in between und hinter diese beiden Brocken packen Klez.E zwei Mal pure Euphorie. "Call it love" im "Paradies", indeed. Nur gespitzte Ohren bemerken, dass im Garten Eden eher Sprachlosigkeit und Entfremdung regieren und eine Sitzgruppe weiter "Einer mehr im Zement" seines Lebens eingemauert feststeckt. Aber die Gitarren perlen doch so schön. "Im Herbst" und darüber hinaus wird man dieses Album wieder und wieder hervorholen und sich in diese voller Liebe steckende Schwermut einmummeln.

Zum Schluss noch etwas Optimistisches: Letztes Mal beschwerten wir uns bei der Besprechung, dass Robert Smith uns ewig auf ein neues Album warten ließe und empfahlen die Klez.E-Scheibe als Ersatz. Prompt veröffentlichten The Cure später im Jahr ihr Meisterwerk "Songs of a lost world" . Just saying.

(Thomas Bästlein)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Melancholia
  • Call it love
  • Einer mehr im Zement
  • Im Herbst

Tracklist

  1. Hymnus
  2. Melancholia
  3. Ich seh es an mir
  4. Mailied
  5. Call it love
  6. La Boum
  7. Paradies
  8. Das eine Treffen im Jahr
  9. Einer mehr im Zement
  10. Im Herbst
Gesamtspielzeit: 42:47 min

Im Forum kommentieren

VelvetCell

2026-06-23 23:41:08

Jetzt, wo ich mit Vinyl ausgestattet bin, kann ich sagen, dass das Album wirklich sehr großartig ist. Schön ausbalanciert zwischen faithmäßigen Schleichern und poppigen Nummern. Hervorragendes Songwriting!

Und natürlich diese ganzen The Cure-Momente. Heiteres Zitate-Raten: Haben die da abgeschaut? Oder hört es sich nur so an? Klingt debil. Ich lieb's!

VelvetCell

2026-06-18 23:20:56

Bei mir umgekehrt.
Ich kann da ganz tief drin eintauchen. Tolles Album.
Video zu La Boum auch sehr schön und sehenswert.

https://youtu.be/IC6XrQWx2Jg?si=wHcGvtY_5T0xs8gE

Old Nobody

2026-06-16 16:55:57

Mailied ist richtig groß

Album sagt mir insgesamt aber leider weniger zu als die Vorgänger

oldschool

2026-06-14 12:29:50

Bei der Qualität der Songs ist es durchaus okay, dass die Band Ihren Vorbildern mehr als offensichtlich huldigt. Und genau da liegt für mich der Hase im Pfeffer bei "solchen" Bands. Das Rad wird selten neu erfunden, doch wenn das Songwriting passt, dann ist es auch okay. Kiez.e schaffen mit dem Album das, was ich bei "Brigitte calls me Baby" auf Albumlänge vermisse.

Hierkannmanparken

2026-06-13 12:15:35

Die Lyrics sind auch echt gut. Ich finde, neben Die Nerven, mit das Beste, was es an deutschsprachiger Musik gibt, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt.

Hymnus bleibt für mich unübertroffen. Melancholia ist aber auch sehr catchy, vor allem bei "Kein Sommer bleibt für immer".

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