Micha Acher - Henry and the ghosts songbook
Alien Transistor / MorrVÖ: 12.06.2026
Wohnzimmerklänge
In TV-Krimis behelfen sich die Ermittelnden gern und regelmäßig mit großflächigen Wänden, an denen sie Fotos, Schriftstücke und Notizen platzieren und diese wahlweise mit gezeichneten Pfeilen, Linien oder Fäden miteinander verbinden. Hauptsache, den Überblick behalten. Übertragen lässt sich dieses Vorgehen auch vortrefflich auf die Darstellung der vielfältigen Beziehungen und Kooperationen, die Musiker*innen untereinander zuweilen eingehen, und inmitten eines solchen weitverzweigten Netzes sitzen beispielsweise die Herrschaften der Band The Notwist aus Weilheim. Einer der ihren, Micha Acher, der zu den Gründungsmitgliedern der Lieblinge der deutschen Indie-Musik zählt, springt immer mal wieder aus dem Kosmos der Formation heraus und probiert mal hier und mal dort einiges aus, einem nimmermüden kreativen Antrieb folgend. Wenige Monate nach dem vortrefflichen The-Notwist-Album "News from Planet Zombie" erscheint ein Werk unter eigenem Namen, das allerdings auch im Verbund mit anderen eingespielt wurde: "Henry and the ghosts songbook".
Ein wenig erinnert der nur anderthalbminütige Auftakt "When Hamlet left town" an eine Spieluhr, im Idealfall führt das reduzierte Stück aber nicht zum unmittelbaren Einschlafen. Denn: Es gibt so viel zu entdecken. Beispielsweise im folgenden "Radio four", das als längstes Stück des Albums zuweilen herrlich knapp neben der Spur daherkommt und den vier anderen Beteiligten Raum bietet zur künstlerischen Entfaltung. Theresa Loibl, Timm Kornelius, Markus Rom und Simon Popp steuern hier ihren jeweiligen Beitrag hinzu, bei anderen Stücken reduziert sich diese Besetzung auch mal um ein Mitglied oder wird – wie im Opener und im Schlussstück "Momo" – auf nur noch eine Person reduziert. Es ist ein gänzlich anderer Ansatz als bei Achers Stammband, die zwar auch keine Furcht vor dem Experiment hat, im Kern aber dann doch zumeist vielschichtiger aufgestellt ist. Hier hingegen dominiert das Kammermusikalische, das jazzig-fluide Vorantasten etwas abseits bewährter Hörgewohnheiten.
Eingespielt wurden die Titel, die im Kern Re-Arrangements bekannter Songs aus dem Acher-Kosmos darstellen, in gerade einmal zwei Tagen, als der Musiker das Begleitquartett kurzerhand zu sich ins heimische Wohnzimmer lud. In Stücken wie "ARC", wenn alle Instrumente behutsam aufeinander zugehen und sich nahezu schüchtern begegnen, bevor sie einen gemeinsamen, stimmigen Schluss finden, kann man sich bestens vorstellen, wie die zusammen verbrachten Stunden abliefen. Hier sind Profis bei der Arbeit, die nichts nach Arbeit aussehen lassen. Natürlich taugen Höhepunkte wie "Aelita" nicht zum Hit und auch nicht zum Vortrag im todlangweiligen Mainstream-Radio, aber sie stehen stellvertretend für die große Klasse, die Vollblutkreative wie die hier Involvierten mit ausgeprägter Liebe zum Detail vortragen. Kurz vor Toresschluss begeistert noch "Nordlead", und an dieser Stelle würde man sich überhaupt nicht wundern, wenn plötzlich Michas Bruder Markus Acher mit seiner unverwechselbaren Stimme aus dem instrumentellen Nebel herausträte. Ein Album zum genauen Hinhören.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Solid ground
- Aelita
- Henry & the ghosts
- Nordlead
Tracklist
- When Hamlet left town
- Radio four
- 34E
- Solid ground
- ARC
- Aelita
- All tomorrows past part II
- Interlude
- Henry & the ghosts
- Space minor
- Loop D
- Tomorrows past part I
- Modest farewell
- Nordlead
- Momo
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Plattentests.de-Sammelaccount
2026-06-10 21:18:05- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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- Micha Acher - Henry and the ghosts songbook (1 Beiträge / Letzter am 10.06.2026 - 21:18 Uhr)
