Mono - Snowdrop
Temporary Residence / CargoVÖ: 12.06.2026
Wie ein Lächeln von Dir
Steve Albini fehlt. Das ist eine Tatsache und hat nicht mal primär mit dem neuen Mono-Album zu tun. Für die Japaner*innen aber, die ganze sieben Platten mit dem 2024 verstorbenen US-Amerikaner als Haus- und Hof-Produzenten aufgenommen haben, wiegt der Verlust offensichtlich besonders schwer. Den Job übernimmt nun Albinis langjähriger Kollege Brad Wood, außerdem haben die Post-Rocker*innen für ihr 13. Studiowerk "Snowdrop" ein zehnköpfiges Orchester und einen acht Personen starken Chor eingeladen. Wer nun hochkomplexe und ob des Umstands eher düstere Musik erwartet, den oder die belehren Mono eines Positiveren: Ihrer Dankbarkeit wollen sie auf dem Album Ausdruck verleihen. Nicht nur dieser, wundervolle Weggefährt*innen gehabt zu haben, sondern auch jener, bereits mehr als 25 Jahre eine Band sein zu dürfen. Der starke Opener und Titeltrack macht das deutlich: Trotz voller, sich zunehmend der Distortion ergebender Gitarren durchzieht den Song eine feierliche Ader, in seiner Melodieführung erinnert er an ein Volkslied. "Happygaze", wenn man so will. Dieses Gefühl hält an. Im weiteren Verlauf von "Snowdrop" verliert das Quartett sich allerdings in solidem, unaufgeregtem Band-Standard.
"Winter Daphne" – der erste von vier passenderweise nach Blumen benannten Tracks – teilt sich fein säuberlich in einen Gaze- und einen Streicher-Part, rockt eingangs genauso wie das später auf treibendem Bass fußende und in kreischende Ekstase mündende "Shion" (eine Art Aster). Mono gelingt ein wirksamer Einstieg. Schon das anschließende "Gerbera" jedoch dreht sich trotz seines fröhlich-folkigen Leitmotivs ein wenig um sich selbst, bevor es in engelsgleiche Himmelsphären aufbricht. Toxic positivity? "Statice" ist mit gruseligem Stimmengewirr durchzogen, das ein gewisses Unbehagen hervorruft – man wähnt sich fast in einem Kiyoshi-Kurosawa-Film –, bietet ansonsten innerhalb von unzähligen Spuren aber wenig Prägnantes. Mit prominentem Piano und wilden Gitarren zeigt "Hedera" (Efeu) sich hier ausdrucksstärker und ist außerdem mit unter fünf Minuten eine im Hause Mono doch eher knackige Komposition. Die Blumenwiese der Band blüht und erstrahlt in hellen Farben, ist aber auch klar umzäunt. Der Willen der Musiker*innen, auf den Punkt zu kommen, unterstreicht dabei die simple, direkte Message.
Wie die namensgebenden Schneeglöckchen ist "Snowdrop" ein äußerst liebenswürdiges Album geworden und selbst für Mono-Verhältnisse auffallend friedliebend. Sogar die härteren Gitarren-Parts zeigen sich höflich und hilfsbereit. Dem Kitsch können die Japaner*innen dann vor allem bei "Bells of Ireland" – Welche Geschichte wohl hier dahintersteckt? – nicht entkommen, wenn große Violinen sich um gesampelte Glocken und künstliches Vinylknistern schmiegen. Große Gefühle für den Anime-Abspann. Aber wie immer gilt: Mono wa Mono desu. Heißt: Betretene Pfade bringen sicher ans Ziel, und am Ende spendet auch "Snowdrop" genau das Licht und die Hoffnung, welche die Truppe mit ihrer Musik verbreiten will – Comfort-Sound für all diejenigen, die die acht Stücke nicht bloß als einen um ein Rock-Instrumentarium drapierten Klassik-Overkill wahrnehmen. Auch Steve Albini hätte der klaren Vision der Band mit Sicherheit freie Hand gelassen. In der japanischen Blumensprache Hanakotoba bedeutet "Shion" übrigens: "Ich werde Dich nicht vergessen."
Highlights & Tracklist
Highlights
- Snowdrop
- Hedera
- Shion
Tracklist
- Snowdrop
- Winter Daphne
- Gerbera
- Statice
- Hedera
- Shion
- Bells of Ireland
- Farewell to spring
Referenzen
