Die Toten Hosen - Trink aus, wir müssen gehen! / Alles muss raus!

JKP / Warner
VÖ: 29.05.2026
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Nichts bleibt für die Ewigkeit

Viele Worte über die gleichsam kuriose wie letzten Endes sehr respektable Karriere der Toten Hosen braucht es eigentlich nicht mehr, auch nicht an dieser Stelle. Dennoch verdichten sich die Zeichen, dass Kollege Bellmanns Überschrift rund um die Platte zum 40. Bandjubiläum wohl nicht aufgehen wird. Tatsächlich ist langsam die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen. "Trink aus, wir müssen gehen!" ist das letzte Studioalbum von Campino, Andi, Breiti, Kuddel und Vom. Auch wenn die Hosen natürlich nicht von den Bildflächen verschwinden werden, ohne den Bühnen des Landes und den zahlreichen Getreuen davor noch einmal mächtig in den Allerwertesten zu treten. Doch hier ist er nun, mit Datum 29. Mai 2026, 0:00 Uhr: der Glockenschlag, der das nostalgieselige Schwelgen eröffnet.

Denn viele Episoden, Verweise und Anekdoten auf dieser letzten Platte sind von Retrospektive geprägt: Es geht um 45 Jahre Bandleben, um Kurioses, Bemerkenswertes, ums Lautbleiben, ums leise Erinnern – und auch um Versöhnung. Letztere Vibes verspüren dann vielleicht auch diejenigen, die seit Jahren von "Stadionbratwurst-Rock", "Altherren-Rock" und Ähnlichem schreiben. Klar, jene Meinungen gehen klar, Campino & Co. hatten da schon so ein paar Momente und auch häufig genug musikalisches Material, das man sich besser gespart hätte. Wer erinnert sich nicht an die Bilder, als die CDU-Granden einst zu "An Tagen wie diesen" auf der Parteitagsbühne schunkelten. Brrr. Und ja, auch die Abschiedsplatte hat sie, die schwierigen Momente, die beim Hören in der Bahn den ein oder anderen Gesichtszug der peinlichen Berührung auslösen. Bei allem Respekt, dass Campino beispielsweise das fühlige "Glück" direkt und unverblümt an seinen Sohn richtet: Irgendwie steht ihm diese Gefühlsduselei nach wie vor nicht sonderlich. Es wird ihm (zu Recht) herzlich egal sein, doch das Stück wirkt ähnlich anstrengend wie die altersmilde Rückschau "Augen zu (Es regnet Blumen)". Auch das platte "Schicksal" als Stadionrocker und das komplett seltsame "Ich will" geraten eher plump und vorhersehbar. Einen fetten Durchhänger hat es also, dieses Album.

Doch "Trink aus, wir müssen gehen!" hat – sogar nüchtern betrachtet – auch überraschend gute Momente und eine unterm Strich echt gute A-Seite. Dass Farin Urlaub (!) diese qua kleiner Hommage mit "Hier sind die Hosen" (!) einleiten darf, unterstreicht, dass die meist sparsam mit Ironie agierende Band mittlerweile gut im Augenzwinkern ist. Dass die Punkrock-Senioren es tatsächlich noch können, beweist dann nicht nur das bissige Stück "Schlechte Nachbarn", das den lieben Biedermeiers im Land den Spiegel inmitten ihrer Blase vorhält und vor allem vor ungezügelter politischer Spaltung und sozialer Ausgrenzung warnt. Auch das schnelle und trotzdem supermelodische "Keine Macht den Proben" und "Wir waren nie weg" poltern in 90s-Punk-Fetzen aus dem alten Übungskeller. Nach Resterampe tönt das nicht. "Lass mal nicht machen" gibt den gewohnt (selbst)ironischen Schunkler, der auf keinem Album fehlt und zumindest nicht wehtut. "Was früher einmal war" punktet als Hosen-Hymne, spielt mit den kultigen Zeilen des Klassikers "Das Wort zum Sonntag": Die 60 Lenze sind mittlerweile bekanntlich längst gezählt. Doch so wirklich möchte man noch immer nicht reussieren, was Früher einmal war. Mit einem subtil angedeuteten Mittelfinger lässt's sich eben auch gut altern: "Wenn wir wirklich einmal anders waren / Ist das heute auch scheißegal."

Dass die Rheinländer auch weiterhin gegen Ausgrenzung und faschistische Bestrebungen einstehen, überrascht nicht. Wie nachdenklich und appellierend ihnen das in "Was ist mit uns los?" gelingt, hingegen schon. Etliche Zeilen treffen den Kern eines riesigen Problems, das wir gemeinschaftlich zu lösen aktuell nicht in der Lage zu sein scheinen. Und dass gesellschaftliche Themen eben auch und gerade in der Populärmusik eine reichweitenstarke Stimme brauchen, wenn etwa "Sascha – ein aufrechter Deutscher", ein über 20 Jahre altes Stück, längst wieder superaktuell ist – fast müßig zu erwähnen.

Was gibt's noch? Ach ja, aus dem seit 1993 geläufigen Slogan "Kauf mich!" wird kurzerhand "Alles muss raus!", denn das Abschiedsalbum erscheint mit einer Bonus-CD/LP. Sie versammelt ganze 25 Kollaborationen, deren Bandbreite mit dem Wörtchen kurios nicht treffend genug umschrieben ist. Von Wolfgang Niedecken, Justin Sullivan, Hannes Wader, Sven Regener über Marteria und Vicky Leandros (!) bis hin zu Antilopen Gang, U.K. Subs, The Specials, Fehlfarben und Thees Uhlmann sind hier (fast) alle Weggefährt*innen versammelt. Ein feines Abschiedsgeschenk für Fans.

Und so gehen Die Toten Hosen einerseits wehmütig und dankbar für das Erlebte, emotional skizziert im Quasi-Titelstück "Trink aus". Andererseits mit sehr mulmigen Bauchgefühl, im Hinblick auf den Höhenflug rechtsnationaler Kräfte und die demokratische Grundordnung. Dass sie für den Schutz des Staates, wie wir ihn kennen, eines Tages einmal brennen würden, hätte sich die Band anno 1982 (und in der Zeit davor als Punkband ZK) sicher nicht vorstellen können. Ist das wirklich "links", wenn man für Menschenwürde, eine pluralistische, weltoffene Gesellschaft und für den Erhalt der Demokratie eintritt? Die Kampagnen der Springer-Presse möchten es einen glauben lassen. Nichts scheint mehr gesetzt, nichts bleibt einfach so. Nicht einmal Die Toten Hosen.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Hier sind die Hosen (feat. Farin Urlaub)
  • Schlechte Nachbarn
  • Was früher einmal war
  • Keine Macht den Proben
  • Was ist mit uns los?

Tracklist

  • CD 1
    1. Hier sind die Hosen (feat. Farin Urlaub)
    2. Wie waren nie weg
    3. Die Show muss weitergehen
    4. Schlechte Nachbarn
    5. Lass' mal nicht machen
    6. Was früher einmal war
    7. Nur nach vorn
    8. Keine Macht den Proben
    9. Was ist mit uns los?
    10. Augen zu (Es regnet Blumen)
    11. Schicksal
    12. Glück
    13. Ich will
    14. Düsseldorf
    15. Kein Blatt
    16. Trink aus
  • CD 2
    1. Ampelstadt (feat. Jürgen Engler und Male)
    2. 51st state (feat. Justin Sullivan)
    3. Komplett im Arsch (feat. Feine Sahne Fischfilet)
    4. Kinder (feat. Bettina Wagner)
    5. Welt der Wunder (feat. Marteria)
    6. Forever young (feat. Alphaville)
    7. Last rockers (feat. Beki Bondage und Vice Squad)
    8. Was ist ist (feat. Blixa Bargeld und Einstürzende Neubauten)
    9. G.L.C. (feat. Noel Martin und Menace)
    10. Someting better change (feat. The Stranglers)
    11. Schon so lang (feat. Hannes Wader)
    12. A message to you Rudy (feat. The Specials)
    13. Immer nur geliebt (feat. Sven Regener und Element Of Crime)
    14. Emotional blackmail (feat. U.K. Subs)
    15. Kristallnaach (feat. Wolfgang Niedecken und BAP)
    16. Destroy (feat. Koljah und Antilopen Gang)
    17. Into the valley (feat. Richard Jobson und Skids)
    18. Ermutigung (feat. Wolf Biermann)
    19. Meine Familie (feat. Sammy Amara und Broilers)
    20. Man in the box (feat. Eddie Mooney und V2)
    21. Apokalypse (feat. Mittagspause und Fehlfarben)
    22. Self concious over you (feat. Greg Cowan und The Outcasts)
    23. Junkies und Scientologen (feat. Thees Uhlmann)
    24. Immer wieder besetzt (feat. Campino, Kuddel und ZK)
Gesamtspielzeit: 132:17 min

Im Forum kommentieren

MM13

2026-06-08 10:09:48

finde die songs ganz gut,sind nicht alle super gelungen,aber einen richtigen ausfall hör ich auch nicht,bei 7/10 bin ich da schon,und mit den bonussongs,sind zum teil hammer,kratzts doch fast an der 8/10

AliBlaBla

2026-06-06 19:47:49

Würde doch auch passen, hihi....
Große Schnittmenge an Fans, btw

Jaggy Snake

2026-06-06 19:33:58

Uff, ich hab zuerst „Gallagher“ gelesen…

Francois

2026-06-06 13:52:52

höhöhöhö…

oldschool

2026-06-06 13:34:59

Mit dem Gaballier könnten sie noch was machen. Volk-Rock'n Roller und Fernsehgarten-Punks in einem legendären Duett voller Bierseligkeit.

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