Modest Mouse - An eraser and a maze

Glacial Pace
VÖ: 05.06.2026
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Fest gemauert in der Erden

Eine so richtig sichere Bank sind sie nicht, die Herren rund um den Dauernörgler Isaac Brock. Gerade in den Anfangsjahren lagen Genie und Dilettantismus nah beieiander. Ob sie aber nun skizzenhaft oder im Songformat unterwegs sind: Unverkennbar ist der Sound von Modest Mouse auf jeden Fall. Sie beherrschen quengelnden Electro-Folk ebenso wie den wuchtigen Auftritt – und neben dem bellenden Bocksgesang von Brock sind da immer diese merkwürdig-zerfledderten Gitarren, die gerne bis zum Gehtnichtmehr die immergleichen Töne spielen, um sich tief ins Hirn einzufräsen. Trotzdem hatte man 2021 beim Album "The golden casket" das Gefühl, die Luft sei raus. Irgendwie verfing das alles nicht mehr. Und daher ist es ein unfassbarer Glücksfall, dass Modest Mouse hier und heute wieder da sind. Mit Wucht, Energie, Kreativität, Zorn – aber zuweilen auch mit Leichtigkeit und Witz.

15 Songs umfasst "An eraser and a maze", das lässt reichlich Raum für Dramaturgie. Und die ist hier tatsächlich einfach nur genial. Der Opener gönnt sich 30 Sekunden Unklarheit – und danach gibt es so dermaßen auf die Zwölf, dass man fast schon jubilieren möchte: Genau das hatte man gewünscht, erhofft, erwartet. Brocks furztrocken bellende Stimme, schräge Synthies, spröde Strophen und Haudrauf-Refrains. Das ist wie "The world at large" auf Steroiden, entfesselt aber noch nicht das volle Songwriting, weil es hauptsächlich auf wenigen Harmonien herumreitet. Der Folgetrack "Remember yourself" gewährt nach dem wuchtig-mächtigen Opener erst mal etwas Durchschnaufen. Ätherisch flirrend mit raffiniertem Mix aus elektrischen und akustischen Gitarren, die einander organisch umranken, der Drummer lässt hier und da auch mal die Snare-Drum weg: Ja, das ist ein Track, den man morgens an einem Frühlingstag kurz nach einer tiefen Schläferei hört, beim langsamen Wachwerden, starkem Kaffee und sachtem Blinzeln in die Sonne.

Und dann erst, mit "Life's a dream", zünden Modest Mouse die erste richtige Bombe. Wer bisher glaubte, Phil Collins' "In the air tonight" sei die Benchmark für massiven Drumsound, der muss nochmal komplett umdenken. Unfassbar, wie Drummer Joe Plummer hier reingrätscht, wie heftig das aufgenommen, gemischt und produziert ist, das ist ein reines Schlachtfest. Und dann sind da auch wieder diese wahnsinnigen Gitarrenfiguren, basierend auf simplen Kindergartenmelodien, die kongenial vom Bass sekundiert werden. Und: Isaac Brock, er singt sogar. Mit Tönen! Möglicherweise ist "Life's a dream" der beste Song, den Modest Mouse je geschrieben haben. Und von hier an wird das Niveau durchgehend gehalten. "Dogbead in heaven / give it a skeleton" fängt an wie eine rotzbesoffene Südstaaten-Nummer, biegt nach drei Minuten in komplett neue Soundwelten an – und lässt das Gemüt ab dem Beginn des Hörens in umgekehrter Wagenreihung verkehren. "Speak and spell" wiederum hat gleich zu Beginn ein Gitarrenriff, das man bereits nach dem ersten Hören nicht mehr vergessen kann, erfreut aber auch mit herrlich knarzendem Bass, groovenden Drums, funkelnden und jaulenden Gitarren.

Neben diesen breitbeinig voranschreitenden Nummern gibt es jedoch auch reichlich Raum für Experimente: "Rotten fruit" klingt, als hätte heimlich Martin Gretschmann (vormals The Notwist) zu den Amerikanern rübergemacht, hier gibt es hektisch-zappelige Drumprogrammings und verwirrende Synth-Bässe. Und "Song about nothing" könnte auch ein gemeinsamer Bastard von The Fall und Sigue Sigue Sputnik sein. Zu guter Letzt droppen Modest Mouse mit "Impossible somedays" noch einen 1a-Rausschmeißer, der Dark-Wave- und Shoegaze-Anleihen mitbringt, aber nicht mit der typischen Schluffigkeit, die Bands wie My Bloody Valentine & Co. zu eigen ist, sondern eben mit der ungebremst-aktivierenden Modest-Mouse-Energie. Sehr erfreulich ist neben der kunterbunten Kreativität auch der wirklich exquisite Sound – anders als im flach und matschig klingenden Vorgängeralbum gibt es hier jede Menge Druck und Transparenz, sauberes Mastering und gelungene Wechsel zwischen rohem Geprügel und feinziselierten Momenten. Festzuhalten bleibt: Was immer auch Modest Mouse nach diesem Killer-Album wieder für Dinge anstellen werden, diese 15 Songs sind eine sichere, krisensichere, feste Bank. Sowas von.

(Jochen Reinecke)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Life's a dream
  • Third side of the moon
  • Speak and spell
  • Look how far ...
  • Impossible Sundays

Tracklist

  1. Picking dragon's pockets
  2. Remember yourself
  3. Life's a dream
  4. Third side of the moon
  5. Dogbead in heaven / give it a skeleton
  6. Interlude
  7. I can't talk right now
  8. Speak'n spell (or not)
  9. Rotten fruit (feat. pkpkpkpk)
  10. Knocked down by waves
  11. Absolutely necessary never
  12. Song about nothing
  13. Stoner party
  14. Look how far ...
  15. Impossible somedays
Gesamtspielzeit: 49:05 min

Im Forum kommentieren

Felix H

2026-06-09 23:35:22

Ich bin bei einer 7/10 in den letzten Durchgängen. "Third Side of the Moon" und der Closer sind für mich die Keeper. Auch gut: Opener, "Life's a Dream", "Speak 'n Spell".
Ich finde aber, dass "Remember Yourself" als einer der schwächsten Songs der Band das Album leider direkt ausbremst und hinten wird es mit "Song About Nothing" und Krams auch etwas beliebig. Daher sehe ich da leider nicht den großen Wurf, den ich der Band absolut gewünscht hätte, aber den Schritt in die richtige Richtung.

Dielemma

2026-06-09 22:17:39

Wäre auch bei einer 8 momentan :)

Hierkannmanparken

2026-06-08 13:04:44

Ich würde die 9 noch nicht ausschließen. Bis einschließlich Rotten Fruit finde ich das Album ziemlich makellos. Meine Highlights im Moment sind Rotten Fruit, Dogbed in Heaven (also der Teil) und Life's a Dream. Third Side finde ich auch berührend, es erinnert mich thematisch an The National - You Had Your Soul With You. In beiden Songs geht's ja um die Reue, dass man bei Menschen das Präsent-Sein nicht erwidert hat, die jetzt nicht mehr da sind.

Ich mag aber auch die Grundstimmung, zynisch und fatalistisch wie früher, unhinged (mein Wort der Stunde), trauernd, bockig, andächtig. Genau das Richtige für mich momentan.

Lucas mit K

2026-06-08 12:33:59

Ist Geschmack objektivierbar? Auch nein.

Damit hast du es ja eigentlich klar benannt.

Ich hatte erst einen Durchlauf, aber es hat nicht gezündet. Kann aber sein, dass gerade nicht der richtige Moment dafür ist, und ich musikalisch gerade auf einer anderen Welle vibe. Die 9 finde ich jedenfalls auch mutig.

Enrico Palazzo

2026-06-08 12:33:34

Ich finde die Platte ganz gut, bin aber auch kein ausgewiesener MM-Fan. "Life's A Dream" zählt für mich jedoch absolut nicht zu den Highlights - eher "Picking Dragons' Pockets" und "Third Side Of The Moon".

Ich sach ma: 7,5/10.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum