Madsen - Smile

Goodbye Logik / Indigo
VÖ: 05.06.2026
Unsere Bewertung: 4/10
4/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Woher kenne ich das?

Diese Besprechung zu verfassen, war unkompliziert. Vermutlich wie das Schreiben des neuen Madsen-Albums. Denn es ist wesentlich einfacher, etwas zu erschaffen, das sich aus Versatzstücken des kollektiven Popkultur-Gedächtnisses speist, als etwas völlig Neues aus der eigenen Imagination zu zaubern. Damit diese Rezension nicht ähnlich seicht daherkommt, verzichtet die Autorin auf eine vollständige Auflistung aller zu entdeckender Referenzen auf "Smile". Es sind unzählige. Und spätestens im zehnten Song macht es nicht einmal mehr Spaß, sich die Mühe des Nachdenkens zu machen. "Love is a killer, pt. 2" klingt wie … ach, egal ... wie irgendein Chanson turned Karnevalssong halt. Wie dieser Smiley, dessen Mundwinkel von links unten nach rechts oben wandern, der einfach nur gequält erscheint und ein nettes Gesicht aufsetzen möchte, während seine innere Pein durchscheint, so fühlt man sich nach dem Hören von "Smile". "Komm schon, smile, ey!" Vorausgesetzt, man ist vertraut mit den bisherigen Veröffentlichungen Madsens. Ist man es nicht und neigt auch darüber hinaus zu einem eher diffusen Song-Gedächtnis, mag sich stattdessen das Gefühl zarter Vertrautheit inklusive jeder Menge catchy Passagen einstellen.

Die gesamte Produktion klingt gut, sauber und poppig. Zumindest wenn man sie rein handwerklich betrachtet und das Element der Kreativität völlig außen vor lässt. Generell dominieren sauber polierte Post-Punk-Gitarren, leider ohne dass diese jemals etwas zu wagen wissen. Die Lead-Gitarren auf dem Album klingen in ihrer Ausarbeitung nahezu alle gleich: keine Variationen, zu wenig Distortion und dabei stets recht lieblich. Und natürlich stellt sich irgendwann die Frage, ob es unfair ist, Künstler*innen an dem zu messen, was sie bereits geschaffen haben. Aber gerade etablierte Bands müssen damit rechnen, sowohl mit den eigenen früheren Werken als auch mit dem Gesamtwerk ihrer Karriere konfrontiert und in Relation dazu gesetzt zu werden. Das führt in diesem speziellen Fall zum Eindruck eines sich verwässernden Stils Madsens.

"Neue Erinnerungen" bewegt sich klanglich zwischen Songtexte-Zitaten von Pur und Die Toten Hosen und referenziert im Refrain klanglich den The-Killers-Hit "When you were young". Das wirkt kaum wie das Schaffen neuer Erinnerungen, sondern vielmehr wie das Abgreifen bereits in Köpfen der Hörer*innen festgefressener Ohrwürmer. In "Hasta la vista", das treffenderweise besser "Bella ciao" betitelt worden wäre, geht es dann direkt in gleicher Manier weiter und bedient sich leider eher des TikTok-Revivals, statt mit der Bedeutung des Songs für die italienische Resistenza im zweiten Weltkrieg zu kokettieren. "Auf die Barrikaden" versucht sich am Erfolgskonzept von "Kinderchor plus humanistische Parolen" aus dem generischen Punk-Message-Generator. Das sind immerhin noch recht veritable Botschaften. Dennoch schmunzelt man höchstens im Subtext, wenn Sebastian Madsen "Hier kommt die Antwort auf all Eure Fragen" singt und man in Marsimotos "Grünes Haus"-Handschrift antworten möchte: "Was sagst Du dazu? – Hmmm, verarschen!"

Derartig berieselt nimmt man der Band im weiteren Verlauf den Text von "I don't give a fuck" dann leider überhaupt nicht mehr ab: "Ich soll nur singen und schreien, aber nicht politisch sein / Sie wollen unterhalten werden, haben sie mir gesagt / Ich könnt's mir zu Herzen nehmen und mal neue Wege gehen / Hab kurz drüber nachgedacht und einen Entschluss gefasst / I don't give a fuck." Ist das die Botschaft an die Plattenfirma, die Madsen zu inhaltslosen Texten genötigt hat und auf Verkaufszahlen ähnlich gebauter Songs, wie "Lieder" von Adel Tawil, verwies? Nope. Das zehnte Studioalbum wurde über das bandeigene Label "Goodbye Logik Records" releast. Also gaslighten uns Madsen hier vielleicht in den Glauben hinein, dies sei noch Punkrock. Ja, Obacht, es grassiert das Referenzfieber. Gut möglich, dass es aber auch der Versuch ist, durch reine Behauptung die Interpretation der Hörerschaft zu formen. Im Pressetext ist diesbezüglich die Rede von "identitätsstiftend[en] Momenten". Und man möchte es so gerne glauben. Doch hier den Benefit of the doubt auszustellen, um das Album moralisch aufzuwerten, fällt schwer, denn irgendwie schwingt die Opferung eigener Werte zugunsten von Vermarktbarkeit mit. Vielleicht wollten Madsen aber auch tatsächlich bestehende Ohrwürmer nutzen, um über die Hintertür die Köpfe der breiten Masse zu infiltrieren.

Es ist ja mal ganz nett, wenn eine Band in einem Song Werke anderer Künstler referenziert. Sei es, um die eigenen Einflüsse zu illustrieren, oder etwa um ein bestimmtes Bild zu verstärken. Aber das zum Konzept erheben und damit ein ganzes Album bestreiten? Das wirkt – zumindest in dieser Umsetzung – etwas uninspiriert. Man hätte doch zumindest aus der potentiellen Reibung zwischen Originalsongs und Madsens gewählten Zitatpassagen tiefere Bedeutung entstehen oder im Spiel mit fragwürdigen Popsongs deren prägnante Lines mit gesellschaftsrelevanten Botschaften überschreiben können. Stattdessen bleiben Madsen bei den Referenzen stehen und vergessen darüber, selbst etwas zu erzählen. Auch wenn Aufnahme und Produktion, diesmal vollständig von der Band selbst übernommen, sehr gut klingen, wird der langjährigen Hörerschaft nur bleiben, was der oben erwähnte Smiley bereits andeutete: ein angestrengter Gesichtsausdruck.

(Jasmin Klemm)

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Highlights & Tracklist

Highlights

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Tracklist

  1. Smile
  2. Achterbahn
  3. Neue Erinnerungen
  4. Hasta la vista
  5. Rauch im Wind
  6. Pass auf Dich auf
  7. 1995
  8. Auf die Barrikaden
  9. I don't give a fuck
  10. Love is a killer, pt. 2
  11. Jeder Berg bewegt sich
  12. Ein Licht
Gesamtspielzeit: 44:38 min

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