Paul McCartney - The boys of Dungeon Lane
Capitol / UniversalVÖ: 29.05.2026
Nicht von gestern
"The only thing you done was yesterday" giftete John Lennon 1971 in "How do you sleep?" in Richtung seines ehemaligen Bandkollegen und wusste natürlich selbst, wie ungerecht der Vorwurf war. Schließlich hatte dieser bei The Beatles mit großer Freude Stilwechsel, Genreschwenks und Tape-Schnipseleien eingebaut. Trotzdem hält sich das Klischee vom unterkomplexen McCartney bis heute erstaunlich hartnäckig. Sein neues Album führt einmal mehr eindrucksvoll vor, wie wenig das je stimmte.
Titel und Cover von "The boys of Dungeon Lane" scheinen zunächst jedoch eine andere Richtung anzudeuten. Dungeon Lane ist eine Straße in McCartneys Liverpooler Heimatviertel Speke. Die Vorabsingles "Days we left behind" und "Home to us" blicken unverhohlen und musikalisch unaufgeregt zurück. Nostalgisch im Sinne eines verklärenden "Früher war alles besser" wird die Platte jedoch nie. Gemeinsam mit Produzent Andrew Watt hat der 83-Jährige vielmehr sein abwechslungsreichstes und gleichzeitig geschlossenstes Album seit "Chaos and creation in the backyard" eingespielt. Dass er dabei erneut den Großteil aller Instrumente selbst bedient, versteht sich fast schon von alleine.
Der Opener "As you lie there" macht sofort deutlich, dass McCartney nach wie vor richtig Lust auf Disruption hat. Was als fast gesprochene Erinnerung an einen jugendlichen Schwarm beginnt, kippt nach einer Minute unvermittelt in einen kratzigen Rocker mit bellendem Gesang und schwerem Riff. Auch das psychedelische "Mountain top" zeigt McCartney von seiner verspieltesten Seite. Mit einer kinderliedhaften Melodie, Zeilen über "magic mushrooms" und einem verblüffenden Finale wirkt das Stück, als hätte sich die "Band on the run" gemeinsam mit dem "Fool on the hill" auf einen bunten Trip begeben. Auch das schwebende "Never know" mit seinem Blockflöten-Einwurf und majestätischen Outro, der kernige, Wings-artige Rocker "Come inside" oder das an einen verlorenen Jazzstandard erinnernde "Life can be hard" zeigen einen Künstler, der sich nicht auf einen Tonfall festlegen lässt.
Das zart gezupfte "Days we left behind" gehört auch dank McCartneys zumindest stellenweise doch brüchiger, hörbar gealterten Stimme zu den berührendsten Liedern des Albums. McCartney erinnert sich liebevoll an alte Zeiten, vergangene Orte und Freundschaften wie die zu John Lennon, ohne sie rückwärtsgewandt zu verklären. "Nothing stays the same and no one needs to cry", singt er da und formuliert damit beinahe das Gegenprogramm zur üblichen Alterswerks-Nostalgie. Ähnlich charmant gerät das kurze Folkstück "Down south", in dem McCartney von einer frühen Reise per Autostop gemeinsam mit George Harrison erzählt. Und natürlich gibt es auch den Ringo-Moment: "Home to us", das erste echte Duett zwischen McCartney und Starr überhaupt, wirkt wie eigens für Ringos Stimme geschrieben, entwickelt als schunkelnder Ohrwurm aber genug Charme, um selbst Kritikern seiner gewissen Behäbigkeit ein Lächeln abzuringen.
Das emotionale Herzstück glückt McCartney jedoch mit "Salesman Saint". "My father was a salesman, my mother was a saint", fasst er die Lebensgeschichte seiner Eltern zusammen. Trompeten, Swing-Anklänge und Unterhaltungsmusik aus der Nachkriegszeit machen das Stück zu einem akustischen Familienfoto. Die Erinnerung gilt hier nicht nur Menschen und Orten, sondern auch den Klängen, die McCartney seit Kindheitstagen geprägt haben. Das orchestrale "Momma gets by" beschließt die Platte mit einer weiteren liebevollen Charakterstudie und zeichnet als Variation von "Lady Madonna" das Porträt einer starken Frau, die ihre Familie zusammenhält.
"The boys of Dungeon Lane" ist kein bewusster Schwanengesang oder gar ein Abschlussstatement für ein erfülltes Musikerleben. McCartney bleibt neugierig genug, Erinnerungen nicht als Museumsstücke zu betrachten, sondern als Ausgangspunkt für neue Ideen. Wer ihn also für den Beatle hält, der bloß von gestern singt, hat offenbar nicht genau hingehört.
Highlights & Tracklist
Highlights
- As you lie there
- Days we left behind
- Mountain top
- Salesman saint
Tracklist
- As you lie there
- Lost horizon
- Days we left behind
- Ripples in a pond
- Mountain top
- Down south
- We two
- Come inside
- Never know
- Home to us
- Life can be hard
- First star of the night
- Salesman saint
- Momma gets by
Im Forum kommentieren
jo
2026-06-09 11:49:41
Schönes Review wieder von Parlogram; drückt sehr gut aus, warum die "ältere Stimme" und so weiter nicht wirklich was ausmacht.
JohnWesley
2026-06-07 14:27:30
Das letzte ganz gute Album von Paulchen war für mich "NEW" von 2013.
jo
2026-06-04 17:45:45
Weiß nicht, ich mag es sehr, wie seine Stimme hier klingt. Die Produktion ist wirklich nicht die Beste, aber verglichen zu vielen anderen Sachen, die momentan so rauskommen, ist es fast schon gut, was hier gebracht wird :D.
Letztlich kommt es mir aber auf die Songs an - und ich wüsste aus dem Stand nicht genau, wann McCartney solo das letzte Mal so gut war, was das angeht.
Grizzly Adams
2026-06-04 15:43:41
Mir gefallen die ersten 3-4 Songs ziemlich gut. Bin kein Macca-Fan, aber die sind gelungen. Danach wird's für mich etwas eintönig. Keine Ahnung, ob es an der Produktion liegt oder schlicht daran, dass mich da nicht sehr viel animiert. Fehlende Spannung halt. Seine Stimme ist völlig OK in dem Alter. Daran kann ich nichts aussetzen.
dreckskerl
2026-06-04 14:56:01
Die Einfälle und Reminiszenzen gehören sicher auch zur Produktion und da gefällt mir auch sehr vieles.
Was hier wohl eher gemeint ist, wie das Album klingt und da kann ich die Kritik schon nachvollziehen und auch teilen.
Es sounded halt sehr glatt, wie ich vorher schon mal schrieb, stört mich, dass fast alles von Paul eingespielt wurde, es klingt eben übereinandergestapelt.
Insbesondere die Drums kommen drübergelegt statt "live" im Bandkontext eingespielt daher und das Bandsoundfeeling, welches durchaus auch zum Vibe des Albums gepasst hätte, fehlt halt.
Trotzdem ein wirklich sehr gelungenes Album.
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