Labrinth - Cosmic opera: Act II

Columbia / Sony
VÖ: 29.05.2026
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Der Plot-Twist

Wer kennt sie nicht, die YouTube-Kommentator*innen, die unter jedem Musikvideo der Welt mitteilen müssen, aus welchem Film oder welcher Serie sie den kommentierten Song kennen? Mitunter wird's dabei für alle Seiten peinlich. Etwa wenn man auf diese Weise erfährt, für welchen Schund Thom Yorke einst Perlen wie "Hearing damage" aus der Hand gab. Eine Sonderstellung unter der YouTube-Unart der "Ich kenne diese Musik aus XYZ"-Kommentiererei nehmen die Songs von Labrinth ein. Kein neuer Upload geht vonstatten, ohne eine Flut von Reaktionen nach sich zu ziehen, in denen die Serie erwähnt wird, die Timothy Lee McKenzie mit seinem Soundtrack entscheidend prägte. Mit Betonung auf dem "e" in "prägte". Denn kurz vor der Ausstrahlung der dritten "Euphoria"-Staffel ließ der Londoner Musiker in den mehr oder minder sozialen Netzwerken die Katze aus dem Sack: Musik von ihm werde in dieser nicht zu hören sein (Zitat: "Im [sic] done with this industry [...] Double fuck Euphoria / Im [sic] out"). Kritiker*innen und Fans sind sich einig darin, dass die Klangsoße, die McKenzies Ersatz, immerhin der berühmteste aktive Komponist der Welt, über die Serie schüttete, nicht nur unpassend, sondern auch ein heftiges Downgrade war. Klassik und elektronische Klänge miteinander zu verbinden, das gelang lange kaum jemandem so stilvoll wie Hans Zimmer. Diese Zeiten sind vorbei. "Cosmic opera: Act I" deutete im Januar dieses Jahres an, dass Labrinth längst der bessere Hans Zimmer ist.

Nun legt McKenzie, praktisch völlig ohne Promo (könnte das etwas mit dem Statement "Fuck Columbia" aus dem oben erwähnten Post zu tun haben?), Act II vor. Und macht zunächst da weiter, wo er in Act I aufhörte: mit Streichern, massig Pathos und hohem Niveau. Er überlässt dem Orchester in "Anointed reprobate" Raum zur Entfaltung, ehe die Synthies punktuelle Akzente setzen, die Bass Drum kickt und der Meister im Falsett die Frage "Won't you come and feel the anointed?" stellt. Wer würde die Frage angesichts dieser gänsehautfördernden Ouvertüre mit "Nein!" beantworten? Zumal mit "Prostitute" ein perfekter Popsong folgt. Nicht allein der kurze, aber so gewinnbringende Einsatz eines verfremdeten Chors zeigt, dass McKenzie zur obersten Produzenten-Riege gehört. Mit "Shut your damn 95.7892" folgt ein weiterer Song, der sich mit seiner Soundästhetik – das Spoken-Word-Intro greift den Beginn von Act I auf – herausragend einfügt. Spätestens beim Hören der Single, die Labrinth zeitgleich zur Bekanntgabe seines "Euphoria"-Ausstiegs veröffentlichte, ist man sich sicher, dass Act II das Niveau des Vorgängers hält und zusammen mit diesem ein rundes Gesamtkunstwerk ergibt. Dann aber folgt der Bruch. "The living" überzeugt zumindest noch als Einzelsong, bleibt mit Gitarreneinsatz und fröhlichem Silbengesang jedoch ein stilistischer Fremdkörper. Im Mittelteil verliert Labrinth mit dem seichten Synthiepop-Stampfer "When you walk in", dem albernen "Bouncy castle & trampolines" und dem prolligen Refrain von "Follow the leader" völlig den Faden. Verfremdetes Stöhnen? Unschwer als Aufforderung zu verstehende "Bounce! Bounce!"-Parts? Und eine in luftigste Höhe sowie den tiefsten Keller gepitchte Stimme? Was soll das?

Eine Antwort geben könnte – ausgerechnet – ein Blick in die YouTube-Kommentare unter selbigen Songs. Neben den obligatorischen Beschimpfungen der Personen, die für Labrinths "Euphoria"-Abgang verantwortlich gemacht werden, wird dort nämlich gemutmaßt, für die Untermalung welcher Szenen der dritten Staffel jene Songs geplant gewesen sein könnten. Die Mutmaßungen sind sehr plausibel. Auch weil ab dem Mittelteil der LP jeder Chor- und Streichereinsatz arg konstruiert wirkt. Wie ein Mittel zum Zweck, aller Logik zum Trotz doch noch ein rundes Album entstehen zu lassen. Schlimmer noch: als wolle jemand die Entstehungsgeschichte der Songs verschleiern. In den zweieinhalb Minuten von "Iridium I love it", einem Monster aus summenden Synthies, pumpenden Bässen, Chor, Soulgesang, bekifften Spoken Words, Streichern und Bläsern, passiert mehr als in den meisten Zwanzigminütern heutiger Prog-Rock-Bands. Das mag den idealen Track zur Untermalung eines filmischen Drogentrips ergeben, einen Song im engeren Sinne aber nicht. Positiv sticht in der zweiten Albumhälfte ausgerechnet das Kinderlied "Nula 2" hervor, in dem die Sterne am Himmel vernuschelt begrüßt werden. Die Hoffnung auf mehr als eine Aneinanderreihung von stilistisch arg unterschiedlichen Einzeltracks hat man an dieser Stelle aber längst aufgegeben. Auch in lyrischer Hinsicht ist, anders als auf dem Vorgänger, der über innere Dämonen erzählte, kein roter Faden mehr erkennbar. Einer der talentiertesten massentauglichen Musiker unserer Zeit setzt sein bisher bestes Werk durchwachsen fort. Und degradiert sich auf ihm gewissermaßen selbst zum Ex-Soundtrack-Lieferanten. Vielleicht wäre "Euphoria: Season III – Unofficial soundtrack" der ehrlichere Albumtitel gewesen. Ganz sicher aber wäre es das Beste für Labrinth, die Kommentarfunktion unter seinen YouTube-Videos zu deaktivieren. Und damit den letzten Schritt der Emanzipation von einer zweitklassigen Serie zu gehen.

(Dennis Rieger)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Anointed reprobate
  • Prostitute
  • Shut your damn 95.7892

Tracklist

  1. Anointed reprobate
  2. Prostitute
  3. Shut your damn 95.7892
  4. The living
  5. When you walk in
  6. Bouncy castle & trampolines
  7. Follow the leader
  8. The mood is in
  9. Nula 2
  10. I know it's love
  11. Iridium I love it
  12. Very good boy
Gesamtspielzeit: 36:13 min

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Armin

2026-06-03 20:44:33- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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