Kitschkrieg - Kitschkrieg Zwei
Soulforce / Four / SonyVÖ: 05.06.2026
Loops wie Endlosschleifen
Was sich schon bei "German engineering zwei" abzeichnete, könnte jetzt eingetroffen sein: Nicht nur ist die Prime von Kitschkrieg lange vorbei, deren Sound hatte auch ein Verfallsdatum. Und mit "Kitschkrieg Zwei" ändert sich dieser Eindruck höchstens ansatzweise, zu häufig plätschert die Musik hier vor sich hin. Großzügig ausgelegt könnte man den Gleichklang der Feature-Picks als Stilmittel hinnehmen, was dem Ganzen eine gewisse Einheitlichkeit oder einen roten Faden verleiht – oder es liegt einfach an den austauschbaren Performances. Fakt bleibt aber auch, dass der große Trumpf der Musikgruppe aus Kreuzberg auch diesmal gelegentlich aufblitzen kann: nämlich ein Händchen für gute Grooves. Bloß wie viel bringt das, wenn ein Großteil der Platte an merkwürdigen Songstrukturen, ernüchternden Gastbeiträgen und repetitiven Loops scheitert?
Dass es dafür natürlich einen Markt gibt, braucht man auch nicht mehr zu erklären. Diesen Sommer wird es in oder vor Szeneclubs der Republik genug Zielgruppe geben, die sich zu Songs wie "Für die Raver" bewegen oder berauschen wird. Diese endgültige Hinwendung zu Clubmusik an sich wäre ja nicht mal das Problem, bloß warum muss da jetzt zum Beispiel ein Rio Reiser (!) mit reingezogen werden? Bei "Abgebrannt" bedient sich Kitschkrieg nämlich recht ungeniert an der Hook von Rios "Zauberland" und begeht dabei den Fehler, sich die Mammutaufgabe einer Neuinterpretation selbst aufzubürden. Diese dann in zwar zeitgemäßen, gut konsumierbaren Electro-Sound einzubetten, mag passabel klingen, läuft aber auf viel Belanglosigkeit hinaus.
Über "Herz an Herz" kann man aber leider nicht mal mehr das sagen, wenn Jasmin Wagners Hit nicht nur unnötig verlangsamt, sondern noch mit Klavier-Samples und House-Beats zweckentfremdet wird. Aber es ist jetzt auch nicht so, dass diese Platte nur eine Playlist nicht aufgegangener Konzepte anbietet. Bei der Single "Sommerregen" zum Beispiel funktioniert vieles sehr gut, da der Part von Domiziana gekonnt in die Wolke aus poetischer Melancholie von MilleniumKid reinschneidet. Hier ist tatsächlich mal Dynamik drin, genauso wie in "Panorama", wo Levin Liams abgehackter Sprechgesang ungeahnte Höhen erreicht; unterlegt mit Afterhour-Instrumentals und feinen Samples erleben wir hier einen der besten Momente des Albums. Dazu könnte auch der Track mit Baran Kok gehören, aber selbst wer Technorap mit bemüht tabubrechenden Lyrics mag, würde beim Mann mit dem schön klingenden Künstlernamen bessere Tracks finden – oder direkt Ikkimel hören.
Da geben die geschwollenen Feelgood-Songs tatsächlich noch mehr her. Der Closer "Gut genug" mit Shirin David und Blumengarten gibt textlich zwar kaum mehr her als das übliche "Bleib wie Du bist!", funktioniert in diesem Kosmos und als Endnote aber erstaunlich solide. Und auch "Medizin" geht über den obligatorischen Drogensong hinaus, weil der Wiener Sänger Civan die Stumpfheit der Techno-Beats tatsächlich elegant einfängt. Doch neben Songs wie diesen, also deutlich über dem soliden Niveau, gibt es dann halt relativ langweilige Nummern wie "Shotgun" oder "Pissed". Beides wären Kandidaten für Skits gewesen, ohne Vocals und für mehr Ruhemomente, die der Platte insgesamt wohl auch ganz gut getan hätten. Stattdessen wiederholt sich zu viel zu eindringlich, ähnlich der musikalischen Entwicklung von Kitschkrieg selbst. Wenn die Loops wie Endlosschleifen wirken, stimmt etwas am Song nicht, genau deshalb fallen dann besser ausgearbeitete Songs wie "Nichts mehr" so aus der Reihe. Wirklich schade, weil solche Tracks die dringend nötige Weiterentwicklung von Kitschkriegs Musik andeuten. So dient dieses Album bestenfalls als Teaser.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Sommerregen (feat. MilleniumKid & Domiziana)
- Panorama (feat. Levin Liam)
- Nichts mehr (feat. Ennio)
- Medizin (feat. Civan)
Tracklist
- Intro
- Sommerregen (feat. MilleniumKid & Domiziana)
- Abgebrannt (feat. Romy, Charlize & Rio Reiser)
- Panorama (feat. Levin Liam)
- Pissed (feat. Jolie)
- Nichts mehr (feat. Ennio)
- Komputer Liebe
- Shotgun (feat. Provinz)
- Medizin (feat. Civan)
- Für die Raver (feat. Nizi19 & Yuyu19)
- Herz an Herz (feat. Verifiziert & KIARABABA)
- Big Dick Energy (feat. Baran Kok)
- Gut genug (feat. Shirin David & Blumengarten)
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Armin
2026-06-03 20:44:16- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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