Evergrey - Architects of a new weave
Napalm / UniversalVÖ: 05.06.2026
Gruppentherapie
Sieht man einmal von fremdgecasteten Truppen ab, stellt man sich eine Bandkarriere überaus romantisch vor. Eine Gruppe von Freunden trifft sich im Proberaum, spielt kleine Konzerte und wird irgendwann "entdeckt", darf also einer mehr oder weniger großen Zukunft entgegen sehen. Blickt man allerdings hinter die Kulissen, stellt man oft genug fest, dass das Lineup nicht mehr wirklich etwas mit den alten Kumpels zu tun hat. Das ist okay, das ist nun einmal der Lauf. Evergrey machen da keine Ausnahme. Klar, das mit dem Proberaum stimmt, wie ein Großteil der schwedischen Musiker profitierten auch die Göteborger anfangs von der staatlichen Musikförderung. Doch Frontmann Tom S. Englund ist schon seit über 20 Jahren das einzig verbliebene Gründungsmitglied, und auch die alten Freunde Henrik Danhage und Jonas Ekdahl, die noch 2014 nach einem kurzzeitigen Ausstieg wieder zurückgekehrt waren, sind nicht mehr Teil der Band.
Die Kunst ist, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Das mag zynisch klingen, gehört aber ebenfalls zur Wahrheit im Musikbusiness. Und genau deshalb setzt Englund seinen Weg auch mit "Architects of a new weave" einigermaßen unbeirrt fort – es wäre schon sehr überraschend, wenn es plötzlich einen radikalen stilistischen Wandel gäbe. Das bedeutet in erster Linie, dass man sich wie gewohnt Zeit für die Platte nehmen muss, Zeit, die einem zunächst das Intro "Welcome to the pattern" gibt. Und das ist gut, denn nur so bekommt man die Gelegenheit, in die Stimmung einzutauchen, die bereits für "The shadow self" benötigt wird. Langsam baut sich die Wucht auf, Schicht um Schicht erhöht sich die Komplexität, und der Refrain darf zielsicher eskalieren und befreien – und lässt doch tief ins Innere blicken: "What do I do with the shadow self / How do I make it a part of myself when / This darkness, this darkness's calling me?"
Eigentlich ist genau diese Ambivalenz zwischen griffigen Harmonien und düsteren Lyrics das herausragendste Merkmal im Bandsound, doch die Schweden können auch anders. "The world is on fire" ist bedrohlich, finster und nahezu hoffnungslos – selten hat Englund pure Verzweiflung so intensiv vertonen können wie hier. Viel positiver klingt da schon "Heaven", während "Leaving the emptiness" mit einem dreisten Pop-Appeal ködert, nur um doch zu zeigen, dass die Grenze zwischen Ausbruch und Davonlaufen sehr fließend sein kann: "We're running to hide the pain and the loneliness inside / We're breaking these chains." Für "A burning flame" braucht es all diese Gedankengänge nicht – das Duett mit dem Dark-Tranquillity-Frontmann Mikael Stanne ist schlicht zum Niederknien schön, mündet in einen wundervollen, mächtigen Refrain mit dem finalen Appell "Be a burning flame forever!"
Erst gegen Ende, zum Beispiel bei "Call off the lions", setzt ein leichter Abnutzungseffekt ein, zündet die Dynamik nicht ganz so eindrucksvoll wie zuvor. Was in diesem speziellen Fall tatsächlich am Refrain liegt, der ein wenig zu dick aufträgt, gar etwas überproduziert wirkt, auch wenn das Album ansonsten wie schon seine Vorgänger ein Genuss für Audiophile ist und mehr als genug Raum für instrumentale Feinheiten wie die filigranen Keyboards von Rikard Zander bietet. Am Ende jedoch ist auch das 15. Studioalbum ein Beispiel dafür, wie eine Band ihren Sound konstant hält, bestenfalls punktuell anpasst, sich dabei aber trotzdem nicht wiederholt. Das mag für den ein oder anderen Fan zu wenig Entwicklung sein. Doch die Emotionalität, die Wucht der Songs – sofern man sich auf sie einlässt – ist nach wie vor so herausragend, dass Evergrey in ihrer Nische konkurrenzlos bleiben. Ob nun mit oder ohne die alten Freunde.
Highlights & Tracklist
Highlights
- The shadow self
- The world is on fire
- A burning flame (feat. Mikael Stanne)
Tracklist
- Welcome to the pattern
- The shadow self
- Architects of the new weave
- The world is on fire
- Heaven
- The script
- Leaving the emptiness
- Longing
- A burning flame (feat. Mikael Stanne)
- Call off your lions
- Chains of shame
- The prophecy
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Armin
2026-06-03 20:44:05- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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