Death Cab For Cutie - I built you a tower
Anti / IndigoVÖ: 05.06.2026
Schmerz aus Stein
Seit fast drei Dekaden sind Death Cab For Cutie der Inbegriff der Stabilität im Indie-Rock-Kosmos. Alle paar Jahre ein Album, alle mindestens sehr gut, immer mit leichten stilistischen Verschiebungen, ohne an Identität zu verlieren. Doch im Vorfeld von "I built you a tower" bröckelte es. Nicht, weil die Existenz der Band selbst in Gefahr gewesen wäre, sondern weil Ben Gibbard so viele Lasten zu schultern hatte, dass selbst das dickste Fundament Risse bekommt. Im Zuge mehrerer Jubiläumstouren führte er seine Hauptband ebenso wie The Postal Service auf diverse Stadionbühnen, während im Hintergrund seine Ehe zusammenbrach. Um dem Druck standzuhalten, schottete er die belastenden Emotionen innerlich in einem Turm ab: eine sichtbare, aber klar begrenzte Struktur, die den Schmerz eindämmte und der elften Death-Cab-For-Cutie-Platte ihren Namen schenkte. Nachdem bereits "Asphalt meadows" einen markanten Rock-Fokus setzte, gehen die US-Amerikaner hier noch einen Schritt weiter, agieren härter und sperriger und greifen verstärkt auf die Ästhetik von "Transatlanticism" und "Plans" zurück. Auf dem Papier beste Voraussetzungen für ein Diskografie-Highlight – doch ein paar kleinere Makel verhindern bei "I built you a tower" den Meisterwerk-Status.
Um das größte Ärgernis schnell abzuhaken: Das seifige "Stone over water" ist leider wirklich nur einen Steinwurf vom Weichzeichner-Folk-Pop eines Noah Kahan und Konsorten entfernt, woran auch das schöne Finale nichts ändern kann. Auch die erste Single "Riptides" kommt nicht recht aus dem Quark, nimmt ihren shoegazigen Ausbrüchen durch den vorigen Leerlauf etwas die Wirkung. Generell ist "I built you a tower" kein Album für diejenigen, die von Death Cab For Cutie vor allem schnell zündende Hooks erwarten – was natürlich keineswegs ein Kritikpunkt ist. Im Gegenteil beeindruckt es, wie der Fünfer immer wieder Songstrukturen umstülpt, Melancholie und Katharsis plastisch greifbar macht. Aus dieser eigenwilligen Haltung heraus erlaubt sich die Band sogar, den Titeltrack gleich zweimal zu bringen: erst als durchs Herbstlaub schlendernden Emo-Rocker, später umwirbelt von Gitarrenkrach inklusive wuchtig getrommelter Post-Rock-Klimax. Die letztgenannte Version bildet als Closer einen faszinierenden Rahmen mit dem wundervollen "Full of stars". Nur von der Akustikgitarre begleitet singt Gibbard eine umwerfende Melodie, ehe sich der Song mit perlenden Tasten und Saiten weitere Tiefenschichten erschließt. Dieser Opener hätte unverändert auch auf einer der Nullerjahre-Großtaten seinen Platz gefunden.
Abseits davon erzielen Death Cab For Cutie die besten Ergebnisse immer dann, wenn sie die Leine am lockersten lassen. Die Single "Punching the flowers" stolpert mit Stoner-nahen Riffs einen trockenen Beat entlang, nimmt unterwegs poppige Refrains und einen Zehn-Sekunden-Noise-Anfall mit. Einen kantigeren Groove fährt nur der Stakkato-Zucker "How heavenly a state" auf, der sich zwischendurch im weißen Rauschen verliert und sich mehrmals neu aufbauen muss. "Envy the birds" überführt seinen grungigen Rumpel-Rock wiederum in eine sphärische zweite Hälfte, die den Americana-Mond anheult. Daneben gibt es mit dem dringlichen "Pep talk" und "The flavor of metal" zweimal Death-Cab-Autopilot auf sehr hohem Niveau, während "Trap door" als Synth-Ballade mit dramatischem Piano stilistisch komplett aus dem Raster fällt, aber auch viel Charme versprüht. "I built you a tower" ist ein tolles, wenn auch unperfektes Album, das mit seiner Ausrichtung mehr als nur Sympathiepunkte sammelt. Die oft zu Unrecht als nette Jungs von nebenan abgestempelten Musiker zeigen sich als noch immer hungrige Künstler, die nicht nur solides Handwerk liefern, sondern auch emotional überwältigende Erfahrungen in angemessen schroffe Songs verpacken können.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Full of stars
- Punching the flowers
- Envy the birds
- How heavenly a state
Tracklist
- Full of stars
- Punching the flowers
- Pep talk
- I built you a tower (a)
- Envy the birds
- Stone over water
- How heavenly a state
- Trap door
- Riptides
- The flavor of metal
- I built you a tower (b)
Im Forum kommentieren
jo
2026-06-07 23:15:59
Ich finde es insgesamt auch besser als "Asphalt Meadows". Vielleicht hat Letzteres aber die besseren Einzelsongs. Dafür aber ein paar mehr Längen (auch wenn die nicht wirklich wehtun).
joseon
2026-06-07 10:08:51
Bin auch (überraschend) begeistert. Eben wieder gehört. So toll fand ich lange kein Death Cab Album mehr.
Vivat Virtute
2026-06-07 09:57:35
Bis jetzt vier Mal gehört. Für mich ein sehr tolles Album, verstehe auch nicht, was es an "Stone over water" zu meckern gibt.
Finde auch, dass das sehr hohe Niveau von "Asphalt meadows" fast gehalten werden konnte. Der Vorgänger hat vermutlich noch etwas bessere Songs, das hier aber einen schöneren, weniger übersteuerten Sound.
Blanket_Skies
2026-06-06 23:36:22
Ach, es geht mir mit den neueren Death Cab Alben zusehends wie Ben auf Tiny Vessels sinnbildlich singt: Schöne Lieder, aber sie catchen mich nicht mehr. Die letzte gute Platte war für mich Kintsugi. Auch diese hier hat viele gute Kleinigkeiten, aber irgendwas fehlt mir (oder hat sich für mich abgenutzt).
Sick
2026-06-06 19:19:27
Das Gesülze über "Stone over Water" ist völliger Quatsch. Für mich ein Highlight.
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