Odd Beholder - Honest work

Sinnbus / Rough Trade
VÖ: 22.05.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Dancing 9 to 5

Was hat die Dame, die da im modernen Business-Look am Rednerpult steht, eigentlich auf ihrem dicken Klemmbrett stehen? Warum hält sie sich die Hand mit den gefährlich langen Stiletto-Fingernägeln vors Gesicht? Und sind das etwa Schwimmflügel? Ach, das ist ja Daniela Weinmann von Odd Beholder! Dann ist Vorsicht geboten. Denn die ist schlau, werte Einprozent-Weltenlenker da oben. Die wickelt eure algorithmusoptimierten Bits, Brains und Bodys in ihren eingängigen Elektropop ein und injiziert euch dann ihre Botschaften über die Arbeitswelt von heute. Und sie ist wütend, sehr wütend.

Allein das Video zur ersten Vorabsingle "Drive" ist schon grandios bis ins Detail. Wie sie da in diesem trostlosen Drive-Through-Container von "Bürger King" (sic!) steht und deprimierendes Fast Food zusammenkleistert ... Man beachte auch das Firmenlogo. "Don't you think it is time? You can't pretend for another day that everything is fine." Und dann zieht sie den Kunden aus dem Auto und fährt zu einer einprägsamen Gitarrenlinie davon. Um für die nächste Single im gleichen Outfit in einem Boxring neben einem Ringlicht zu stehen. Aber da ist auch diese Arbeiterin in der Fischfarm. Und ist das nicht eigentlich eine Serverfarm, die "fishing grounds into streams" verwandelt, unter Zerstörung örtlicher Lebensgrundlagen? Let's get "Internet famous", verbunden mit einem Aufruf zum Kampf gegen die Verhältnisse.

Weinmann bleibt sich auch auf dem vierten Album treu und folgt einem klaren Konzept. Nach der zwischen den Dramen des Erwachsenwerdens und dem Tod geliebter Familienmitglieder pendelnden inneren Einkehr von "Feel better" blickt "Honest work" nun wieder nach draußen. Die Musikerin, die ansonsten an der Universität arbeitet – Geld verdienen müssen wir ja neben der Kunst alle – und dabei unter anderem das Wesen von Start-Ups analysiert hat, legt in diesen zehn Songs die Hand in die offene Wunde Kapitalismus. Dabei gelingen der genauen Beobachterin immer wieder exzellente Formulierungen wie "Lonely at the watercooler, silent quitters never unite" im inhaltlich nüchternen und soundtechnisch verträumten Officepop von "Lean dreams". Oder "How did I turn my five minutes of fame into this lonely and exruciating game" in der tieftraurig klingenden Social-Media-Abrechnung "Ring light".

Musikalisch ist der Sound, den Odd Beholder wie schon beim letzten Album gemeinsam mit Douglas Greed geschaffen hat, dieses Mal fast noch eine Spur knackiger und konzentrierter. Lupenreiner Synthiepop ergänzt durch Sounds aus 2-Step und Trip-Hop und gerade in der zweiten Hälfte auch die eine oder andere Gitarre. Wie in "Focus disease", das die Überforderung mit heutigen Arbeitssituationen, die oft geradezu sinnlos erscheinen, bis hin zum Burnout vertont. Wichtig bei all diesen klar formulierten und klugen Gedanken: dass die Balance nicht kippt, wenn der Sinn hinter alldem ("Remind me") gesucht wird. Und das gelingt durch federleichten, tanzbaren und durchweg meisterhaften Elektropop. Der funktioniert zu jeder Zeit, selbst bei strömendem Regen in der schweren "Night shift".

(Thomas Bästlein)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Internet famous
  • Ring light
  • Drive
  • Night shift

Tracklist

  1. Internet famous
  2. Lean dreams
  3. Ring light
  4. Wrong magic
  5. Second beer
  6. Drive
  7. Focus disease
  8. Like a chore
  9. Remind me
  10. Night shift
Gesamtspielzeit: 35:34 min

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