The Haunted Youth - Boys cry too

PIAS
VÖ: 08.05.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Pictures of you(th)

Alles hier deutet auf eine gewachsene Band hin, die über viele Jahre ihren Stil verfeinert und schließlich gefunden hat. Die mit großen Songs und noch größeren Emotionen hinausdrängt in die Welt, um Bühnen und Herzen zu erobern. Wie man sich doch täuschen kann. Die Geschichte von The Haunted Youth begann als Soloprojekt des Belgiers Joachim Liebens, und das Debütalbum erschien erst 2022. "Dawn of the freak" war im Rückblick ein gelungener erster Streich, der mit seiner Verwurzelung im Shoegaze und der eher sanften Stimmlage durchaus Eindruck hinterließ. Erst danach entwickelte sich Stück für Stück ein richtiges Bandgefüge, während Liebens phasenweise aus dem Takt geriet und sich mit einer kreativen Lähmung auseinandersetzen musste. Nach dem Tiefpunkt schälten sich nach seiner Aussage aber doch neue Ideen heraus. Die Arbeiten am Zweitling "Boys cry too", der im Titel und beim Cover überdeutlich The Cure zitiert, konnten starten.

Man benötigt nur einen Durchgang, um die Güte der elf Songs unmittelbar zu erkennen, und den einen oder anderen mehr, um schließlich zu verstehen, dass hier Großes passiert. Das liegt insbesondere an den ersten vier Tracks, die beweisen, welch enormen Sprung The Haunted Youth vom Debüt bis hier unternommen haben. Allein der Opener "In my head" packt über seine knapp acht Minuten mehr und mehr zu, steigert sich nach feinem Intro zu einer wahren Wand, derweil Sänger Liebens die Klaviatur seiner stimmlichen Fähigkeiten bedient. Was verletzlich startet, gerät zum gewaltigen Ausbruch: "It's in my head / I'm better off dead / Sometimes." Was so fulminant beginnt, kann nur schlechter werden? Mitnichten. "Castlevania" streift hernach souverän den Grunge, "Deathwish" ist mit seiner ungezügelten Energie eine Verheißung für Live-Auftritte der Belgier. "Emo song" rundet mit seinen längeren Instrumental-Passagen diesen ersten, schlicht überragenden Teil des Albums ab, in dessen Mittelpunkt Gedanken über den Umgang mit Rückschlägen und die Neigung zur Selbstzerstörung stehen.

Die uneingeschränkte Begeisterung über dieses Quartett an Songs wird in der Folge glücklicherweise nicht durch einen etwaigen qualitativen Einbruch getrübt. Im zurückhaltenden "Wake up" hören wir dem Sänger bei seinen instrumental deutlich reduzierter begleiteten Textzeilen zu, nicht zum ersten und letzten Mal winken Youth Lagoon der Formation anerkennend vom Wegesrand zu. Alles bleibt im Fluss, das zuvor Breitwandige wird häufiger stilistisch vereinfacht. "Hurt" und "Murder me" beispielsweise kommen kurz und knapp daher, während "Falling to pieces" und "I hear voices" ohne überflüssige Note später wieder die Sechs-Minuten-Marke überspringen.

Letztgenanntes Stück eskaliert schließlich zu einem furiosen Klangkosmos, bevor es nach einem kernigen Zwischenpart mit viel Atmosphäre und dezidierter Zurückhaltung nur scheinbar das Grand Finale markiert. Man fühlt sich wie bei einem Konzert, wenn in die ausklingenden Töne hinein lautstarke Rufe nach Zugaben erschallen. Der imaginäre Wunsch wird erfüllt, denn auf die träumerischen, vermeintlich letzten Noten folgen noch zwei Songs zum feinen Schluss. "Forget me" hat dabei gewaltiges Hit-Potenzial und könnte auch Fans von Blink-182 zum Mitsingen verführen. Der Hang zum unbarmherzigen Umgang mit sich selbst bekommt Risse: "Boys will be boys but I cry too", heißt es hier. Mit "Ghost girl" kommt das Zweitwerk von The Haunted Youth schließlich zum tatsächlichen Ende. Joachim Liebens ist hier wieder ganz bei sich, tastend und vorsichtig schleicht er sich aus dem Album heraus. "I hear you / Call my name / I turn around / You're not there." Bühnen und Herzen, lasst Euch erobern.

(Torben Rosenbohm)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • In my head
  • Castlevania
  • Deathwish
  • Emo song
  • Forget me

Tracklist

  1. In my head
  2. Castlevania
  3. Deathwish
  4. Emo song
  5. Wake up
  6. Hurt
  7. Murder me
  8. Falling to pieces
  9. I hear voices
  10. Forget me
  11. Ghost girl
Gesamtspielzeit: 53:22 min

Im Forum kommentieren

Gomes21

2026-05-21 07:36:51

Deathwish ist mein Skipper, ansonsten nett anzuhören. Kann mir gerade noch nicht vorstellen dass das langfristig bleibt, aber jetzt gerade höre ich die Platte gerne.

DIIV (wo der vergleich schon gefallen ist) finde ich aber viel eigenständiger, das fehlt mir hier noch. Klingt wie ein sehr guter Pool aus Referenzen

saihttam

2026-05-21 00:43:30

Ich bin jetzt auch mal dran. Gefällt bisher, aber vor allem, weil ich diesen Sound einfach liebe. Größte Referenz sind eindeutig DIIV mit ein bisschen mehr Emo-Einschlag. Ob sichs wirklich entscheidend von seinen Vorbildern abhebt, weiß ich noch nicht. Falling To Pieces gerade auch wirklich sehr curesque. Da kann man bei mir eigentlich eh nicht viel falsch machen. Aber dennoch schwingt noch ein bisschen Zweifel mit, obs das wirklich für mich braucht.

Pivo

2026-05-19 16:16:00

Endlich mal wieder ein verdientes AdW. Super abwechslungsreiches Album. Nie langweilig, kaum Schwächen. Vielleicht kein Album, dass sich monatelang in die Dauerschleife legt, aber für den Moment ist die Heavy Rotation bei mir voll gerechtfertigt.

rainy april day

2026-05-18 23:20:53

Bei Deathwish hatten sie mich schon. Macht richtig Spaß, das Ding.

Sick

2026-05-15 18:01:20

Sehr gutes Album. Mag ich sehr. Läuft recht oft hier...

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