Cola - Cost of living adjustment
Fire Talk / BertusVÖ: 08.05.2026
Dispo-Disco
Es ist ein bisschen ironisch: Da haben Cola drei Alben gebraucht, um ihren Bandnamen einmal komplett auszuschreiben, und dann klingen sie auf dieser quasi selbstbetitelten Platte namens "Cost of living adjustment" so sehr nach ihrer Vorgänger-Band Ought wie noch nie. Zelebrierten Tim Darcy und Ben Stidworthy unter Beihilfe von Drummer Evan Cartwright den Neuanfang mit skelettal abgenagtem Post-Punk, haben sie ihren Sound nun wieder weiter aufgespannt. Der Kern ist natürlich geblieben: Zwischen The-Fall-Lakonie und Strokes'scher Tanzbarkeit reibt das Power-Trio seine Instrumente auf, ringt diesem Zusammenspiel jedoch eine weitaus raumfüllendere Energie als zuvor ab. Perfekt, um der sozialen Kälte zu begegnen, die sich in den Texten von Cola noch immer breitmacht – man nennt sich ja nicht Lebenserhaltungskostenausgleich, wenn man nur übers Verliebtsein und den Nachthimmel singt. Doch diesmal ist die Quelle der Frustration auch eine persönliche.
"Make room for sorrow / It will make room for you", singt ein niedergeschlagener Darcy im betrübt-treibenden "Conflagration mindset". Im Zuge der kalifornischen Waldbrände Anfang 2025 verlor der Cola-Sänger und -Gitarrist sein Zuhause, was er in jenem Song thematisiert, seinen Erzähler etwa mit Plastikbecher-Bier in der Hand über die nicht mehr zu rettende Plattensammlung sinnieren lässt. "Fainting spells" formuliert kryptischere Elendsbilder: "The last place you'd find me is at the gate / The one where no starting gun sounded / Blood feathers don't fall to the floor" – da brauchen die Klänge von Mandoline und Akustikgitarre zu Beginn des Tracks gar nicht erst versuchen, falsche Zärtlichkeit vorzutäuschen. "Oh shit, there's no one left alive", lautet wiederum das wenig optimistische Fazit von "Satre-torial". Musikalisch richtet das lebendige Album den Blick allerdings stets vorwärts statt auf den Boden und verschwendet keinen Gedanken daran, den Sand in den Kopf zu stecken.
Das macht direkt der Opener "Forced position" klar, wenn er mit nervösem Beat losstartet und sich Bass und verhallte Gitarre gegenseitig um den Finger wickeln. Am offensivsten drängelt "Much of a muchness" auf die Tanzfläche, lässt dabei sogar textlich Hoffnung aufkommen: "We carry a torch for the perfect light." In "Third double" fordert Darcy einen Bartok auf, ihn bloß nicht zurückzurufen, ehe der Song in einer intensiven Klimax die Nebelmaschine anschmeißt. Es ist eines von zwei Beweismitteln für den Tatbestand, dass in Cola auch eine mehr als versierte Shoegaze-Band steckt. Das andere ist die tolle Single "Hedgesitting", die mit Breakbeat, Feedback-Riffs und zugänglichem Refrain jedes 90er-Alternative-Rock-Herz Purzelbäume schlagen lässt – auch wenn der bedrohliche Unterton der Nostalgie in die Quere kommt. "Cost of living adjustment" ist eine im besten Sinne verwaschene Platte, die sich trotz ihres konstanten Bewegungsdrangs nie komplett in die Karten schauen lässt.
Dabei schafft es der kanadische Dreier regelmäßig, mit reduzierten Mitteln eine dichte Atmosphäre zu erzeugen. Das Ein-Akkord-Riff des stoischen Ohrwurms "Haveluck country" zerfällt mehrfach zu Staub und materialisiert sich wieder. "Polished knives" ringt Stidworthy seine scharfkantigste Bass-Performance ab, ohne dabei je den Groove aus den Augen zu verlieren. Am größten klingen Cola allerdings im Albumabschluss. Das famose "Favoured over the ride" ist ihr unmittelbarster Song bisher, aber auch einer ihrer besten. "These things get complicated quickly", erklärt Darcy, um einen überhaupt nicht komplizierten Indie-Rocker unters Arenadach zu zimmern. Auch der Closer "Skywriter's sigh" beschwört trotz seiner "Please don't romanticize a better time"-Warnung selige Indie-Disco-Zeiten herauf, bleibt aber fest in der Gegenwart verankert: "I took out a loan to watch the night sky / I needed inspiration from the inverse of what I knew / A celestial event was worth a season of rent." Nicht einmal über den Nachthimmel kann Darcy ohne Klassenbewusstsein singen.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Hedgesitting
- Haveluck country
- Favoured over the ride
Tracklist
- Forced position
- Hedgesitting
- Fainted spells
- Haveluck country
- Satre-torial
- Polished knives
- Much of a muchness
- Third double
- Conflagration mindset
- Favoured over the ride
- Skywriter's sigh
Im Forum kommentieren
hey-now
2026-05-15 11:14:58
Erster Durchgang (eher nebenbei): Da sind feine Sachen dabei; Haveluck Country gefällt mir, zudem so das letzte Drittel. Dazwischen wirkten einige Sachen spontan etwas unfokussiert, oder, hmm, "unnötig verworren".
Mag aber sein, dass das eher meinem Hörsetting geschuldet war. Insgesamt gefällt's mir besser als der Vorgänger und ähnlich gut wie "Deep In View". Wobei es nicht diesen einzelnen, brachial guten Streak dabei hat wie "Blank Curtain"-"So Excited"-"At Pace". Ich hör definitiv nochmal rein.
Armin
2026-05-12 19:44:40- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
Meinungen?
MickHead
2026-05-08 09:50:05
Jetzt komplett bei Bandcamp:
https://bandcola.bandcamp.com/album/cost-of-living-adjustment
maxlivno
2026-05-06 10:18:53
von den Singles her sollte "Cost of Living Adjustment" das bisher beste Album der Band werden
myx
2026-05-05 18:45:20
Gibt sich auch wieder keine grosse Mühe, zu gefallen. Cool.
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