The Claypool Lennon Delirium - The great parrot-ox and the golden egg of empathy
ATOVÖ: 01.05.2026
Sgt. Pepperspray
In politisch angespannten Zeiten haben sowohl Dystopien als auch Utopien im Kulturbetrieb Hochkonjunktur. Der Bedarf an Eskapismus ist naheliegend. Dabei gerät eine andere Variante der alternativen Realität oft ins Hintertreffen – das Paralleluniversum: eine Welt, in der nur Kleinigkeiten anders verlaufen und sich daraus per Schmetterlingseffekt eine Version unserer Realität ergibt, die fremd wirkt und doch vertraut bleibt. "The great parrot-ox and the golden egg of empathy" führt uns nach Cliptopia: ein Land, in dem eine zentrale künstliche Intelligenz namens Cliptron damit beauftragt wurde, alles in Büroklammern zu verwandeln. Hintergrund für diese Parabel bildet dabei die sogenannte "Paperclip-Theorie" aus einer (lesenswerten) Abhandlung des Philosophen Nick Bostrom. Jedenfalls, wirklich alles wird büroklammerisiert. Bäume, Tiere, Menschen, alles halt. Bevor man nun behauptet, dass es sich bei einer so menschenfeindlichen Situation eben doch um eine Dystopie handeln muss – falsch. Weil alle Charaktere dieser Erzählung sich der Absurdität der Situation völlig bewusst sind, wodurch trotz der Gefahr nie wirklich eine Bedrohlichkeit zu spüren ist. Federführend im Aufstand gegen den technischen Overlord ist dabei ausgerechnet der Sohn von Cliptrons Schöpfer. Zusammen mit einigen eher zwielichtigen Gefährten macht sich dieser also auf, Cliptron mittels eines sagenumwobenen Artefakts zu stoppen – das titelgebende "Egg of empathy".
Wer sich bereits mit dem bisherigen Werk von Les Claypool und insbesondere Primus auseinandergesetzt hat, merkt schnell, dass es sich dabei nicht einmal um das seltsamste Konzept handelt, das von ihm ausgebrütet(!) wurde. Das sorgte in der langen Schaffensphase oftmals dafür, dass der Drahtseilakt zwischen "unterhaltsam absurd" und "hinreichend komplex" dann doch bei "anstrengend plemplem" endete. Mit "The great parrot-ox and the golden egg of empathy" verhält es sich allerdings auch ein bisschen so wie mit einem Paralleluniversum, in dem kleine Details enorme Änderungen in der Gesamtwirkung hervorbringen. Und hier kommt Sean Ono Lennon ins Spiel, der zweite Namensgeber für The Claypool Lennon Delirium. Es ist erstaunlich, wie nah er einige Stücke auf diesem Album an die Stimmung der Beatles-Alben "Magical mystery tour" oder eben auch "Sgt. Pepper's lonely hearts club band" heran bewegt; man könnte Stücke wie "WAP (What a predicament)" oder "Heart of chrome" fast für verschollene B-Seiten aus den Archiven der EMI-Studios halten. Diese werden jedoch im Gesamtrahmen des Albums in so viel himmelschreienden Blödsinn eingewoben, dass es einfach nur eine helle Freude ist.
Exemplarisch hierfür sei "The wake up call" genannt, welches eine Art "Rocky Horror Picture Show"-Atmosphäre mit so richtig dirty Funk-Bass-Licks vermengt, um dann von einem Sitar-bewaffneten Frauenchoral regelrecht überfahren zu werden. Das Album ist so randvoll mit derartigen Momenten, dass sie quasi unaufzählbar sind. Während man von Les Claypool, einem der wahrscheinlich prägendsten E-Bassisten überhaupt, entsprechende Exzellenz irgendwo erwarten kann, hebt sich instrumental insbesondere die exzellente Percussion hervor. "Troll bait" und insbesondere "Cliptron scuttle" schaukeln sich zum jeweiligen Beginn mit einer Energie auf, als hätte die Band bei einer Jam Session just ein neues Genre erfunden und hätte bloß fünf Minuten Zeit, möglichst viel davon in den Studioäther zu kloppen, bevor es in Vergessenheit gerät. Gemäß der ungewöhnlichen Erfahrung dieses Albums sei bei einem eventuellen Probehören dann auch ein eher spezieller Tipp ans Herz gelegt: Hört Euch den 13-minütigen Schlusstitel "It's a wrap" nicht direkt von vorne bis hinten an. Erlaubt Euch stattdessen den Spaß, innerhalb des Songs erstmal zufällig an verschiedene Stellen zu skippen. Mit der Frage, wie zur Hölle das alles denn bitte zueinander passen soll, wirkt dieser Abschluss nämlich nochmal etwas größer, als er ohnehin schon ist.
Highlights & Tracklist
Highlights
- WAP (What a predicament)
- Meat machines
- Troll bait
- Cliptron scuttle
- It's a wrap
Tracklist
- Pro-Log
- WAP (What a predicament)
- The wake up call
- Meat machines
- Troll bait
- Simplest of deeds
- Heart of chrome
- Through the horizon
- Mantra of the manatee
- The golden egg of empathy (feat. Willow)
- Cliptopia
- Cliptron scuttle
- Melody of entropy
- It's a wrap
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Lateralis84skleinerBruder
2026-05-30 10:58:42
In die Melodien von Sean besonders in Meat Machines und Heart of Chrome kann ich mich reinlegen.
Dazu als Kontrast diese überdrehten Musical Einschübe von Claypool, getragen von tollen Rhythmus Arrangements, das holt mich alles richtig ab.
Hatte jetzt schon länger eine Phase, wo ich nix Neues mehr gefunden habe. Jetzt gleich 2 Alben auf einmal. Das beruhigt meine Seele :)
(Eigentlich sogar 3 Alben - die neue Andrew Wasylyk finde ich auch toll)
Lateralis84skleinerBruder
2026-05-30 08:43:52
Das Album hat mich aktuell- zusammen mit der Blue Morpho - ziemlich am Haken
embele09
2026-05-26 10:48:13
Ich habe mir ja die Vinyl gekauft und da bleibt das Format natürlich gleich, wie andere Platten. Aber der Comic profitiert von der Größe natürlich sehr. Megageil !
Kontermutter
2026-05-25 13:39:03
Ich habe übrigens erst jetzt das Homophon "Parrot-Ox" = "Paradox" entdeckt, auf das diese angesprochene "Paperclip-Theorie" einleitet. Subtil wie ein Presslufthammer, aber für meinen Betonschädel reicht's. :D
Bloß passt das Format halt überhaupt nicht ins CD-Regal.
Und es ist ja nicht mal knapp. Ist bei dem Design schon darauf ausgelegt, das dekorativ irgendwo hin zu packen.
Unangemeldeter
2026-05-25 10:43:32
Danke auch von meiner Seite für die Rezi, ohne die ich auch wohl nicht reingehört hätte. Du hattest mich schon mit der Überschrift. :-D
Fantastisches Packaging der CD, das ist richtig wertig und liebevoll gemacht mit dem Comic, dem zweiten Booklet usw. Bloß passt das Format halt überhaupt nicht ins CD-Regal.
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