Broken Social Scene - Remember the humans

City Slang
VÖ: 08.05.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Euphorie ohne Ende

Willst Du gelten, mach Dich selten. Broken Social Scene mögen eine höchst uneitle Band sein, jenes Sprichwort scheinen sie aber dennoch tief verinnerlicht zu haben. Schon 2017 konnte sich Kollegin Depner über ein kleines Comeback freuen, lagen immerhin über sieben Jahre zwischen "Forgiveness rock record" und "Hug of thunder". Nun hat es sogar knapp neun Jahre gedauert, bis der Nachfolger letztgenannter Platte in Form von "Remember the humans" erscheint, was erneut für kollektive Ekstase in Indiehausen sorgt. Nicht, dass diese in gefühlt 400 Soundspuren gegossenen Euphoriefeuerwerke irgendwelche Veröffentlichungstaktiken benötigen, um Begeisterung auszulösen. 27 Jahre nach Band-Gründung drängeln Broken Social Scene weiterhin mit Häuserwände einreißender Power nach draußen und etablieren sich immer mehr als eine der konstantesten kanadischen Indie-Rock-Institutionen. Auch wenn sie ihre erste Single so nennen, ist eine Welt kaum noch vorstellbar, in der Kevin Drew und Co. "Not around anymore" wären.

Jener Opener vermittelt gleich den gewohnten einladenden Spirit, ohne direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. "There's no need to hide here anymore", singt Drew, bevor die Bläser und allerlei andere um ihn herum sprießende Instrumente zu knospen beginnen. Mit Bands wie Friko feiert der emotional überbordende Nuller-Indie zurzeit eine kleine Renaissance, die ein Original wie Broken Social Scene mit über die Jahre gewachsener Reife nur noch weiter bereichert. Was das Kollektiv noch immer abhebt, sind das grenzenlos fließende Line-Up und der dahinterstehende kommunale, demokratische Gedanke. Drew überlässt gerne und regelmäßig anderen das Steuer, weswegen die Singer-Songwriterin Hannah Georgas – die inzwischen auch zum Band-Kosmos gehört – gleich den zweiten Track "Only the good I keep" dominiert: eine von elektrischen und akustischen Saiten umschlungene Midtempo-Perle mit schlicht wundervoller Melodie. Die schon länger involvierte Lisa Lobsinger übernimmt derweil das hibbelige "Relief", das mit seiner zerschossenen Energie und den stolpernden Beats ein bisschen wie die Broken-Social-Scene-Version von Hyperpop klingt.

Generell macht die erste Albumhälfte viel Dampf. "Mission accomplished (Kingfisher)" treibt mit post-punkigem Drive vorwärts, bis es von hellen Synths begleitet an seinem Ziel ankommt. Wo auch immer das ist, sollte es auf jeden Fall eine Tanzfläche geben, da die mehrstimmig vorgetragene Single "The call" ihren angefunkten Groove sonst nirgendwo abladen könnte. Mit "And I think of you" erfährt "Remember the humans" seinen ersten Kipppunkt. Broken Social Scene fahren die Intensität herunter, um ein zurückgelehntes Liebeslied auszubreiten, das aber natürlich genug Raum für instrumentale Ausfransungen bekommt. Dass weniger Tempo keineswegs mit weniger Virtuosität einhergeht, beweist vor allem das sechsminütige "This briefest kiss". Mit prägnantem Bass und Saxofon atmet die erste Songhälfte zugänglichen Jazz, ehe sich mit Einsatz der Vocals ein leichter R'n'B-Vibe breitmacht, ohne dass die Band im Verlauf dieser Reise an Identität einbüßt.

Das Gemeinschaftsgefühl prägt dabei nicht nur die Entstehung der Musik selbst, sondern auch das, was durch sie vermittelt wird. Songs von Broken Social Scene sind zu nicht unerheblichen Teilen akustische Trostspender: Wenn etwa "Hey Amanda" traurige Zeilen wie "Breaking a glass for the ones who died alone" formuliert, bietet es im gleichen Atemzug die nötige Umarmung an. In emotionaler Hinsicht finden sich die größten Highlights des Albums im Schlussviertel. Donnernde Drums und Bläser formen "Paying for your love" zum mitreißendsten Gute-Laune-Macher unter lauter mitreißenden Gute-Laune-Machern. Am anderen Ende des Spektrums erhebt sich das von Feist gesungene "What happens now": eine zerbrechlich-schöne Ballade im Geiste von "Anthems for a seventeen-year-old girl", die sich in der Klimax in kosmischer Strahlung auflöst. Wenn Broken Social Scene jedes Mal mit solchen Wunderwerken wiederkommen, spielt es auch keine Rolle, ob sie neun Jahre oder neun Monate fürs nächste Album brauchen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Not around anymore
  • Only the good I keep
  • Paying for your love
  • What happens now

Tracklist

  1. Not around anymore
  2. Only the good I keep
  3. Mission accomplished (Kingfisher)
  4. The call
  5. Relief
  6. And I think of you
  7. This briefest kiss
  8. Life within the ground
  9. Hey Amanda
  10. Paying for your love
  11. What happens now
  12. Parking lot dreams
Gesamtspielzeit: 49:49 min

Im Forum kommentieren

Unangemeldeter

2026-05-27 17:22:57

Schon bissl anachronistisch, das Ganze. Aber schöne Songs.

squand3r

2026-05-24 21:42:55

instant throwback zu Sufjan Steven's Illinois Zeiten :') solche fluffigen Bläser-Arrangements haben für mich immer etwas nostalgisch Unbekümmertes

Grizzly Adams

2026-05-21 16:50:41

Nach ein paar Durchläufen sage ich, dass es für mich das beste Album seit You Forgot it in People ist. Klare 8/10 so far und damit ein Anwärter auf einen vorderen Jareslistenplatz.

Lucas mit K

2026-05-20 18:42:54

Hab mal reingehört, weil ich sie vor ca. 20 Jahren echt sehr mochte, Gott ist das lange her. Erstaunlicherweise klingen sie, als wären all diese Jahre nicht gewesen. Ihren Trademark-Sound haben sie, das muss man ihnen lassen.

The MACHINA of God

2026-05-14 14:21:06

"And I Think Of You" mag ich sehr.

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