White Fence - Orange

Drag City / Indigo
VÖ: 24.04.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Runde Sache

Als Schreibkraft für Plattentests.de rauft man sich gelegentlich die Haare angesichts gewisser Stolpersteine, die nicht einmal primär etwas mit der Musik zu tun haben, aber trotzdem beim Verfassen einer Rezension zuverlässig den Weg versperren. Besonders Freunde der gepflegten und eindeutigen Taxonomie kriegen regelmäßig ein Kribbeln in den Haarspitzen, wenn Musikschaffende in wechselnden Besetzungen unterwegs sind – oder wenn sich Bands nach Lust und Laune mal mit vorgestelltem "The" und mal ohne schreiben. Tim Presley ist auch so ein Kandidat: Mal operiert er unter dem Namen White Fence, mal gemeinsam mit Ty Segall – und in letzterem Falle wiederum lautet der offizielle Interpret gelegentlich nur Ty Segall, dann aber auch wieder Ty Segall & White Fence. Naja, hier gibt's ja eine Suchfunktion, muss man durch. Davon abgesehen ist das als White Fence veröffentlichte "Orange" ein rundum schönes Werk, das sowohl in die eigenen Fußstapfen tritt als auch gelegentlich die ausgelatschten Wege verlässt. Wer ein Faible für neopsychedelischen Rock hat, wer die teils zerbrechliche, teils trotzige Musik von Nikki Sudden beziehungsweise Nikki Sudden und Dave Kusworth beziehungsweise Nikki Sudden & The Jacobites (verdammt! Schon wieder!) schätzt, ist mit "Orange" allerbestens bedient.

Durchgängig verströmt dieses Album ein eher retrospektives Flair, was vor allem an der klassischen Instrumentierung und Gitarrenzentriertheit liegt, aber auch an den archetypischen Soundwelten der Neo-Psych-Richtung: Da legt man gerne mal ein Delay auf den Gesang oder auch den einen oder anderen Extra-Effektweg in die Gitarrenspur. Der Opener "That's where the money goes (Seen from the celestial realm)" prescht gut nach vorne, bringt ein herrliches Amalgam aus Twang-Sound und ätherischen Vocals. Der Folgetrack "I came close, orange for luck" wiederum klingt, als hätten sich die frühen Go-Betweens mit den Vietnam Veterans zusammengetan. Sehr hörenswert ist auch das ausgeruht-melancholische "Unread books", das zunächst auf zwei Akkorden hin- und herstolpert, dann aber immer wieder neue Harmonieräume erkundet. Und in "I wanted a Rolex" blicken die Beatles um die Ecke, denn dieses Stück könnte auch ein George Harrison komponiert und ein Sir George Martin produziert haben. Stärkster Song ist vielleicht das sacht-groovige "So beautiful", das mit akzentuierten Drums, sanfter Orgel und perlenden Gitarren überzeugt – und noch dazu auf sehr raffinierte und hintergründige Weise Lou Reeds "Walk on the wild side" zitiert.

Bemerkenswert ist, dass trotz der zahlreichen genannten Referenzen hier am Ende dann doch etwas Eigenständiges entsteht. Das liegt vor allem am hohen Wiedererkennungswert von Tim Presleys Stimme, die stets etwas schluffig klingt, als sei er kurz vor der Aufnahme des Songs erst geweckt worden. Da ist aber auch dieses unspektakuläre Schlagzeugspiel bzw. -programming, das sich keinerlei Eskapaden gönnt, sondern Stimme und Gitarren volle Entfaltung bietet. Und zu guter Letzt gefällt die Produktion, die tendenziell im LoFi-Bereich unterwegs ist, aber dabei trotzdem nicht schlecht oder billig klingt – sondern einfach perfekt passt. Alles in allem macht das "Orange" so rund, dass man Tim Presley auch verzeiht, dass er sich einfach kein eindeutiges Namensetikett verpassen lässt. So sind sie nun mal, die Künstler.

(Jochen Reinecke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • I came close, orange for luck
  • Unread books
  • So beautiful

Tracklist

  1. That's where the money goes (Seen from the celestial realm)
  2. I came close, orange for luck
  3. Your eyes
  4. Given up my heart
  5. Unread books
  6. Evaporating love
  7. Reflection in a shop window on polk
  8. I wanted a Rolex
  9. When animals come back
  10. So beautiful
  11. Blind your sun
Gesamtspielzeit: 37:56 min

Im Forum kommentieren

Armin

2026-05-04 20:55:36- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Lucas mit K

2026-05-01 07:52:00

Aber wie kann man denn „Given Up My Heart“ nicht unter den Highlights haben? :-P

Hehe, der ist bei 3 Durchläufen für mich eben nicht so stark hervorgestoßen wie die anderen. Ich werde nochmal genauer hinhören. :–)

Shadow Talk

2026-04-30 20:25:16

Oh ja, tolle Platte! Hab eigentlich beim Kochen die neue „Pope“ gehört und dann gedacht ‚hintenraus wird die Platte ja immer besser‘. Dabei hatte der Algorithmus bereits White Fence eingelegt. :-)

Aber wie kann man denn „Given Up My Heart“ nicht unter den Highlights haben? :-P

Lucas mit K

2026-04-30 07:05:59

Schönes Album. Neuentdeckung für mich. Highlights: „That’s Where The Money Goes“, „Unread Books“ und besonders „So Beautiful“.

MickHead

2026-04-24 10:30:19

Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_kP6ShFXEuaKAcWS8eKu5Dq3iPBVLsHf5U&si=iErmej2jb_5G6hQM

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