Aldous Harding - Train on the island

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 08.05.2026
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Viel zu entdecken

Der Weg ist das Ziel, oder? Aldous Harding tut gar nicht erst so, als gäbe es in ihrer Musik eine Endstation oder ein Ergebnis, das es anzustreben gilt. Die Songwriterin scheint sich weiterhin nicht besonders dafür zu interessieren, wohin ihre Songs führen. Passend und dadurch vielleicht auch ironisch, dass "Train on the island" sich eher im Kreis als durchgehend nach vorne bewegt. Was als Beschreibung wenig spektakulär klingt, bleibt die große Stärke der Künstlerin und ihres siebten Albums: Hardings Songs sind noch offener und noch weniger festgelegt als auf den Vorgängern. Der teilweise unfertig wirkende Zustand hat aber nichts Nachlässiges. "One stop" macht das direkt klar. Der Song schichtet sich langsam auf, vor allem über den stellenweise mehrstimmigen Gesang, der sich keiner klaren Melodie unterordnet. Rhythmus, Instrumentierung und Stimmung werden immer wieder neu justiert, als würde der Song ständig die Richtung wechseln. Konstant bleiben nur Hardings Stimme und ein repetitives Klavier, das eher Gerüst als Zentrum ist. Vieles daran wirkt, als entstehe es noch im Moment des Spielens. Nicht unfertig, sondern bewusst offengehalten.

Als Harding das Klavier schließlich mit einer sanften Gitarre unterbricht, läuft der Song ohne weiteren Spannungsbogen einfach aus: kein Höhepunkt oder Abschluss. Stattdessen wird "One stop" leiser, zieht sich zurück und verschwindet aus dem Raum, während der Eindruck bleibt, dass er eigentlich noch weiterläuft – nur außerhalb des Hörbaren. Solche Spielereien machen "Train on the island" aus. Nicht alles fügt sich, manches steht leicht schief im Raum. Die Songs entfalten sich nicht sauber, sie geraten ins Kippen – und genau daraus ziehen sie ihre Energie. Vieles passiert schlichtweg gleichzeitig: kleine Verschiebungen im Arrangement, Instrumente, die kurz auftauchen und wieder verschwinden. Momente, die man erst beim zweiten oder dritten Hören überhaupt wahrnimmt. Dass das nicht immer aufgeht, zeigt "If lady does it". Der Song setzt stärker auf Wiederholung, wirkt dadurch unruhiger, fast ein bisschen aufdringlich. Als bewusste Abweichung funktioniert das. Der Stück fügt sich aber nicht wirklich in den Rest ein.

Ein Kompromiss des Albums, der gerne in Kauf genommen werden dürfte: Wenig bleibt wirklich hängen. Die Songs haben keine klaren Fixpunkte oder Stellen, an die man sofort zurückdenkt. Wer mehr stumpfe Hits nach Schema F erwartet, mag das für eine Schwäche halten. Gleichzeitig ist es nun mal genau diese Vorgehensweise, die das Album trägt. "Train on the island" wirkt nicht über einzelne Stücke, sondern über die Atmosphäre, die sich langsam aufbaut. Dieses Prinzip wird nur in einem Song durchbrochen: "Venus in the zinnia" funktioniert anders als der Rest des Albums. Zusammen mit H. Hawkline entsteht ein Duett, das deutlich zugänglicher ist: eine sanfte Akustikgitarre, zwei Stimmen, die sich abwechseln und zusammenkommen, und vor allem eine Melodie, die man sofort greifen kann. Damit kommt er einem klassischen Indie-Folk-Song am nächsten. Auch dieser Sound steht Harding gut, aber verglichen mit dem Rest des Albums ist er einfach uninteressant. Wie gut, dass die neun anderen Songs viel mehr zu entdecken bieten.

(Lena Zschirpe)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • One stop
  • Venus in the zinnia
  • What am I gonna do?

Tracklist

  1. I ate the most
  2. One stop
  3. Train on the island
  4. Worms
  5. Venus in the zinnia
  6. If lady does it
  7. San Francisco
  8. What am I gonna do?
  9. Riding that symbol
  10. Coats
Gesamtspielzeit: 39:49 min

Im Forum kommentieren

Vive

2026-06-06 19:40:19

Gerade wieder one stop gehört und wie sie in der Strophe singt, ist so klebrig irgendwie .. auf eine gute Weise. Dieses timbre! Diese Tonlage, das ist genau ihre. Die Instrumentals sind bisschen gewöhnungsbedürftig aber ich hab ja Zeit

Lucas mit K

2026-06-06 18:38:49

Ist doch ein ganz schönes Album. Aber für mich nicht mehr als 7/10. Der Titelsong das große Highlight. Besonders ab Minute 3:30 bis Ende. Und hört noch jemand die frappante Ähnlichkeit zu Adrianne Lenker in „Riding That Symbol“?

kingsuede

2026-05-21 22:57:44

Tendiert bei mir in Richtung gute 8/10. Highlights sind für mich momentan die beiden Auftakttracks sowie What am I gonna do?.

myx

2026-05-14 21:45:37

Mich hatte das Album sofort in der Tasche mit diesem fantastischen Openener "I ate the most", der mich mit seinen flirrenden Synthesizern an Radiohead ("Kid A") erinnert. Die erste Albumhälfte fand ich gleich bei der Premiere richtig überzeugend, heute haben bei Durchgang zwei und drei auch die teils etwas unscheinbareren Songs in Hälfte zwei nachgezogen. Freue mich auf mehr, die CD bleibt die nächsten Tage fix im Player drin.

bender

2026-05-13 10:14:50

mich hat's auch total eingelullt und ich weiss nicht wirklich warum. Die Songs sind so 7-8/10 aber das Album 9/10. Drum auf Vinyl bestellt.

Diese Atmosphäre, diese Einfachheit, diese Lockerheit.. vor allem die erste Hälfte ist einfach schön.

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